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Seitenübersicht

Juni 1971: Besetzung des Büros von Dr. Ernst Aschenbach

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am Infostand der VVN/Bda (1.5.2012)
In einer spektakulären Aktion hat eine Gruppe junger Franzosen 1971 das Essener Büro von Ernst Achenbach besetzt um auf dessen Nazi-Vergangenheit hinzuweisen. Die Bestrafung erfolgte umgehend.


Inhaltsverzeichnis

WAZ, 14.05.2015 Verdienstkreuz für Beate und Serge Klarsfeld

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WAZ / Politik (Mantel),Donnerstag, 14.05.2015

Verdienstkreuz für Beate und Serge Klarsfeld


Berlin. Die beiden Aktivisten gegen die Vertuschung von Naziverbrechen, Beate Klarsfeld und ihr Mann Serge, erhalten das Bundesverdienstkreuz. Die 76-Jährige wurde 1968 berühmt, weil sie Kanzler Kurt Georg Kiesinger wegen dessen NSDAP-Mitgliedschaft ohrfeigte. Später sorgten sie und ihr Mann für die Enttarnung von NS-Verbrechern. Foto: dpa

WAZ 25.06.1971 Franzosen drangen bei Achenbach ein

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WAZ / Essen,Freitag, 25.06.1971

Franzosen drangen bei Achenbach ein


Sieben junge Franzosen demonstrierten am Donnerstag mit Flugblättern und Plakaten in der Essener Rechtsanwaltskanzlei des FDP-Bundestagsabgeordneten Dr. Ernst Achenbach, dem sie Mitwirkung an Judendeportationen aus Paris während des Krieges vorwarfen, und forderten "raus aus dem Bundestag". Die Franzosen - angeblich Kinder von Widerstandskämpfern waren unter Führung von der durch die Kiesinger-Ohrfeige bekannt gewordenen Beate Klarsfeld nachts aus Paris angereist und drangen in das Anwaltsbüro ein, wo sie sich in einem Raum zusammen mi einem Essener Rechtsanwalt einschlossen. Nach etwa 20 Minuten ließen sie sich widerstandslos von einem größeren Polizeiaufgebot abführen.

Wie die Essener Staatsanwaltschaft mitteilt, wird gegen sie wegen sie wegen Freiheitsberaubung, Hausfriedensbruch und Sachbeschädigung ermittelt.
Bildunterschrift:
Fenster des "besetzten" Anwaltbüros       waz-Bild: Strauch

NRZ 25.06.1971 Nach der Besetzung in die Polizeistelle

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NRZ / Essen,Freitag, 25.06.1971

Nach der Besetzung in die Polizeistelle

Heute entscheidet Staatsanwaltschaft über junge Franzosen

In Essener Polizeistellen verbrachten die sieben jugendlichen Franzosen diese Nacht. Sie hatten gestern für kurze Zeit die Anwaltspraxis des Essener FDP-Bundestagsabgeordneten Dr. Achenbach besetzt. Heute soll über das weitere Schicksal der Besetzer" aus Frankreich entschieden werden (Siehe auch Seite 1 und Reportageseite.)


Erste Ergebnisse der Vernehmungen teilte gestern abend Oberstaatsanwalt Lindenberg mit. Danach sind die sieben Franzosen zusammen mit der Deutsch-Französin Beate Klarsfeld um 23 Uhr aus Paris abgereist. Gestern morgen um sieben Uhr sind sie auf dem Essener Hauptbahnhof angekommen, haben dort gefrühstückt und sich von Beate Klarsfeld in die fremde Umgebung einweisen lassen.

In Paris, so berichtet der Oberstaatsanwalt weiter, habe sich die Gruppe mit Dr. Achenbach beschäftigt. Die Franzosen, von denen einige einer "internationalen Organisation gegen Rassismus und Faschismus"

angehören, geben als Motiv für ihre Reise nach Essen an: "Wir wollten auf die Vergangenheit Achenbachs im Dritten Reich hinweisen."

Sie versorgten sich am Abend ihrer Abreise mit Broschüren und Flugzetteln, die sie dann gestern morgen aud dem Fenster des Anwaltbüros warfen. Sie fuhren mit Taxen vom Essener Hauptbahnhof in die Goethestraße, wo das Büro Dr. Achenbachs nicht weit vom Polizeipräsidium liegt, und hielten sich, wie der Oberstaatsanwaltschaft bestätigte, an ihre Absprache, keine Gewalt gegen Personen anzuwenden.

Dennoch hielten sie den Rechtsanwalt Dr. Wilhelm Sebekowsky fest. Er feierte übrigens gestern seinen 65. Geburtstag. Eine Scheibe ging zu Bruch, die Tapete wurde durch Klebstoff beschädigt. Als ein Polizist gedroht habe "Wir räuchern euch sonst aus", gaben die "Besetzer" auf.

Die drei jüngsten (zwei 16jährige und ein 18jähriger) sollen nach Frankreich abgeschoben werden. Die anderen werden möglicherweise dem Haftrichter vorgeführt - wegen Verdachts auf Hausfriedensbruch, Sachbeschädigung und Freiheitsberaubung.       pe.
Bildunterschrift:
von Polizisten festgenommen, verließen die Franzosen die Anwaltspraxis. Sie riefen: "Nazi-Aschenbach, raus aus dem Bundestag"       NRZ-Foto Gorthe

Gestern morgen zwischen 11.15 und 11.30 Uhr vor der Anwaltspraxis des Essener FDP-Bundestagsabgeordneten Dr. Achenbach in der Goethestraße. Essener warten auf die jungen Franzosen, die sich im Raum mit dem beklebten Fenster verbarrikadiert hatten.       NRZ-Foto Nolte

WAZ 25.06.1971 Junge Franzosen sperrten sich mit einem Anwalt ein

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WAZ / Essen,Freitag, 25.06.1971

Junge Franzosen sperrten sich mit einem Anwalt ein

Demonstration gegen Dr. Achenbach / Von Beate Klarsfeld eingewiesen - Dann widerstandslos abgeführt

Rasch und ruhig gingen gestern vormittag sieben Jugendliche die Vortreppe zum Haus Goehtestraße 87 hinauf, durch einen Flur in ein Zimmer der Anwaltspraxis des Essener FDP- Bundestagsabgeordneten Dr. Ernst Achenbach, öffneten die Fenster zur Straße und begannen, papieren Hakenkreuzfahnen und kleine Plakate an den Scheiben und der Hauswand anzukleben. Sie riefen im Chor "Nazi-Achenbach, raus aus dem Bundestag", warfen Flugblätter und Druckschriften zum Fenster hinaus, während eine junge Frau an die sich sammelnden Schaulustigen Hefte mit fotokopierten Dokumentationen verteilte und dann verschwand (Siehe S.1).


Achenbach warfen sie vor, während des Krieges als Gesandschaftsrat in Paris "Aktivist der Judendeportationen aus Frankreich, Komplize der SS-Männer Herbert Hagen und Kurt Lischka" gewesen zu sein. In dem Büroraum trafen sie den Rechtsanwalt Dr. Sebekovsky an.

Ein deutschsprechender Franzose forderte ihn auf, nicht die Polizei anzurufen, wohl aber Dr. Achenbach, den sie sprechen wollten. Sebekovsky lehnte ab. Er blieb im Zimmer als die Tür verschlossen und mit einem Schrank verbarrikadiert wurde. Achenbach war nicht im Haus.

Büroleiter Rudolf Albrecht, FDP-Bürgermeister in Gladbeck, stürzte zornentbrannt aus dem Haus und schimpfte:

"Was die hier machen, ist eine Sauerei!" Er sammelte die Flugschriften ein und auch die die Plakate vom Fenster. "Achenbach hat nichts damit zu tun. Da kann man nur lachen: Er hätte beinahe das Kreuz der Ehrenlegion bekommen. Und dabei sind wir Vertrauensanwälte der Franzosen!"

Auch viele der etwa hundert Zuschauer, die sich nach und nach zusammenfanden, schimpften über die langhaarigen jungen Demonstranten, die angeblich Kinder von Widerstandskämpfern sind. "Die wollen uns Kultur beibringen, die sollen sich erst mal waschen und rasieren!" Eine Frau: "Nicht zu fassen, ausgerechnet der Achenbach!" Ein anderer: "Damit wird die Demokratie zugrunde gerichtet."


Durch's Fenster

Nach einer knappen Viertelstunde traf ein erster Polizeiwagen ein, wenige Minuten später weitere. Ein Beamter forderte die Franzosen auf, das Zimmer zu verlassen. sie konnten dazu erst bewogen werden, als ein anderer Beamter durch das Fenster einstieg. Widerstandslos kamen sie heraus, zwei Finger zum V gespreizt: Victoire - Sieg.

Bei ihren ersten Vernehmungen stellte sich, wie Oberstaatsanwalt Lindenberg gestern abend in einer Pressebesprechung beim Polizeipräsidenten mitteilte, folgendes heraus: Sie hatten sich Mittwoch abends mit Beate Klarsfeld, die durch die Ohrfeige für Kiesinger bekannt geworden war, und mit Ehemann Klarsfeld in Paris auf dem Bahnhof getroffen und waren nachts mit Frau Klarsfeld nach Essen gefahren. Vom Hauptbahnhof fuhren sie mit Taxen in die Nähe des Anwaltbüross.

Beate Klarsfeld war im April in Köln wegen Versuchs der Entführung des ehemaligen SS-Obersturmbannführers Lischka verhaftet, nach wenigen Tagen aber gegen eine Kaution freigelassen worden. Sie war es, die während der Demonstration die Dokumentation verteilte.

Wie Lindenberg mitteilte wird auch gegen sie ermittelt. Die Vernehmung der Franzosen, darunter ein 16jähriges Mädchen, geht weiter. Sie und weitere drei Minderjährige sollen heute nach Frankreich abgeschoben werden. Die übrigen werden dem Haftrichter vorgeführt. Die Staatsanwaltschaft ermittelt gegen sie wegen Freiheitsberaubung, Sachbeschädigung und Hausfriedensbruchs.
Bildunterschrift:
Widerstandslos, zwei Finger der erhobenen Hand zum V-Zeichen der Widerstandskämpfer gespreizt, lassen sich die jungen Franzosen abführen.      WAZ-Bild: Franz Strauch

WAZ 26.06.1971 Beate Klarsfeld: In Marokko droht jungem Franzosen Gefahr

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WAZ / Essen,Samstag, 26.06.1971

Beate Klarsfeld: In Marokko droht jungem Franzosen Gefahr

Essener Anwälte eingeschaltet
Drei Achenbach-Demonstranten erwartet beschleunigtes Verfahren

Den drei über 21jährigen jungen Franzosen, die am Donnerstag in die Anwaltspraxis des Essener FDP-Bundestagsabgeordneten Dr. Ernst Achenbach in die Goethestraße eingedrungen waren, soll im beschleunigten Verfahren schon in der kommenden Woche der Prozeß gemacht werden. Gegen sie ist gestern Haftbefehl wegen Freiheitsberaubung, Hausfriedensbruch und Sachbeschädigung erlassen worden. Zwei von ihnen haben in der richterlichen Vernehmung ihre Beteiligung am Vorfall zugegeben und ihre bisherigen Angaben bestätigt. Der dritte hat keine Aussagen gemacht.


Drei der vier Minderjährigen, die sich an der Demonstration beteiligt hatten, sind bereits gestern auf Grund einer Ausweiseverfügung des Essener Ausländeramts nach Frankreich abgeschoben worden. Der vierte Minderjährige ist marokkanischer Staatsbürger und soll deshalb nach Marokko geflogen werden. Diese Abschiebung versuchte gestern abend die Anführerin der Aktion, Beate Klarsfeld, zu verhindern. Beate Klarsfeld erkundigte sich von Paris aus mehrmals nach den Demonstranten. Sie fürchtet für den 18jährigen Marokkaner, dessen jüdische Eltern nach Israel ausgewandert sind: "Wenn er nach Marokko abgeschoben wird, stecken sie ihn dort ins Gefängnis"

Um etwas zu unternehmen, setzte sie sich mit Oberstaatsanwalt Lindenberg in Verbindung. Lindenberg gestern abend zur WAZ: "Ich will versuchen, diese Frage zu klären. Das aber ist heute abend schwierig, weil das Ausländeramt, das die Verfügung erlassen hat, nicht mehr zu erreichen ist."

Lindenberg fügte hinzu: "Frau Klarsfeld hätte sich das überlegen sollen, bevor sie die jungen Leute in eine solche Lage brachte. Seines Wissens sei für den jungen Marokkaner noch keine Flugpassage gebucht.

Die Rechtsanwälte Dr. Matzner und Gregorius haben sich gestern bereit erklärt, die Verteidigung der drei inhaftierten Franzosen zu übernehmen und die Ausweisung des 18jährigen nach Marokko zu verhindern. Gregorius: "Wir werden in dieser Sache schon Samstag bei Gericht tätig werden."

NRZ 28.06.1971 Franzosen vor Gericht

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NRZ / Essen,Montag, 28.06.1971

Franzosen vor Gericht

Beate Klarsfeld rief aus Paris an


Die drei in Essener Untersuchungshaft sitzenden Franzosen können mit einem verkürzten und vereinfachten "Schnellverfahren" rechnen. Das sagte gestern Oberstaatsanwalt Lindenberg zur NRZ.

Die drei jugendlichen Franzosen, die sich an der Besetzung der Anwaltspraxis von Dr. Achenbach beteiligt hatten, sind ausgewiesen worden. Auch der Marrokaner wurde in seine marrokanische Heimat abgeschoben, obwohl Beate Klarsfeld von Paris aus telefonisch versucht hatte, dies zu verhindern: Er erwarte dort Bestrafung. "Da sei nichts dran", sagte Oberstaatsanwalt Lindenberg.

Wegen versuchter Entführung eines ehemaligen SS-Mannes war in Köln gegen Beate Klarsfeld, die auch die Essener Aktion geplant haben soll, Haftbefehl erlassen worden. Sie war gegen Kaution entlassen worden. Wie der Kölner Oberstaatsanwalt Dr. Schaeben mitteilt, werde der Haftbefehl wegen der Essener Aktion nicht erneuert. Sie habe sich zu jedem Termin gestellt. pe.

WAZ 28.06.1971 Amtsgericht soll heute über die Kanzlei-Stürmer befinden

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WAZ / Essen,Montag, 28.06.1971

Amtsgericht soll heute über die Kanzlei-Stürmer befinden

Junger Marokkaner wurde trotz Bedenken ins Flugzeug gesetzt

Der Versuch der Essener Rechtsanwälte Dr. Paul Matzner und Manfred Gregorius, noch am Wochenende eine gerichtliche Klärung für die drei volljährigen Franzosen herbeizuführen, die sich an der Besetzung der Anwaltskanzlei von Dr. Ernst Achenbach (FDP) beteiligt hatten, scheiterte. Rechtsanwalt Manfred Gregorius hofft jedoch, heute vormittag mt einem Antrag auf Haftprüfung am Amtsgericht eine rasche Beendigung der Untersuchtungshaft zu erwirken.


Neben Freiheitsberaubung wird den Franzosen Hausfriedensbruch vorgeworfen.

Die Mitarbeiter Dr. Achenbachs haben eine entsprechende Anzeige erstattet.

Die Frage, ob Dr. Ernst Achenbach noch eine Anzeige wegen Beleidigung hinzufügt, ist noch offen. Sonntag sagte er zur WAZ: "Ich habe noch keinen Antrag gestellt. Ich muß mir noch überlegen, ob es angebracht ist. den - möglicherweise fehlgeleiteten - jungen Leuten noch einen zusätzlichen Denkzettel zu verpassen.

Während die drei minderjährigen Franzosen - wie berichtet - bereits am Freitag per Bus zur französischen Grenze gebracht wurden (Dr. Achenbach: "Ich pflege mich nicht mit Minderjährigen herumzuschlagen") und damit ser glimpflich davonkamen, kann der Essen-Ausflug für den 18jährigen Marokkaner Abraham Serfaty sehr viel schwerwiegende Folgen haben.

Obwohl die Staatsanwaltschaft von verschiedenen Seiten am Freitagabend davon unterrichtet wurde, daß die jüdischen Eltern des jungen Marokkaners, der in Frankreich studiert, nach Israel ausgewandert seien, und daß ihn bei einer Zwangsheimkehr möglicherweise Gefängnis erwartete, wurde er Samstag früh um 7 Uhr zum Frankfurter Flughafen gebracht.

Als Oberstadtdirektor Dr. Rewoldt um 11 Uhr beim Ausländeramt nachfragte, war es offenbar zu spät. niemand stoppte die Ausweisung. Um 13.45 Uhr startete die Maschine nach Marokko. Die französischen Freunde des jungen Marokkaners hinterher: "Er hat die ganze Aktion mißverstanden". hr

WAZ 29.06.1971 Sturm auf Aschenbach-Praxis aus politischer Überzeugung

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WAZ / Essen,Dienstag, 29.06.1971

Sturm auf Aschenbach-Praxis aus politischer Überzeugung

Prozessbeteiligte waren sich einig: - Schöffenrichter: "Aber kein Recht, gegen Gesetz zu handeln

"Wenn man das Aufsehen der Öffentlichkeit erregen will, muß man schon einmal solche Risiken eingehen." So kommentierte Beate Klarsfeld, seit ihrer Kiesinger-Ohrfeige sachverständig in derlei Fragen. In einem Telefongespräch mit der WAZ, das Urteil des Schöffengerichts Essen gegen die drei Franzosen, die unter ihrer Führung mit einem Handstreich auf die Praxisräume des Essener Rechtsanwalts und FDP-Bundestagsabgeordneten Dr. Ernst Achenbach Schlagzeilen gemacht haben. Der Preis, den die Demonstranten zahlten: sechs Tage Untersuchungshaft und Geldstrafen von 400 bis 2000 DM wegen Hausfriedensbruch und Sachbeschädigung.


Einig waren sich die Prozeßbeteiligten gestern im beschleunigten Verfahren vor dem Schöffengericht, daß da politische Überzeugungstäter vor dem Richtertisch standen. Drei aus jüdischen Familien stammende junge Männer, die den früheren Gesandschaftsrat Dr. Achenbach für einen Verbrecher halten, mitschuldig an der Deportation und an der Ermordung Tausender französischer Juden während des Krieges.


"Habe das Recht, zu fragen"

Der 28 Jahre alte Kaufmann Serge Heidenberg: "Ich bin an dem Tage beschnitten worden, an dem die ersten Juden in Paris erschossen worden sind. 50 Angehörige meiner Familie sind in Auschwitz und Dachau umgebracht worden. Ich glaube, ich habe das Recht, zu fragen, wie ein für solche Verbrechen mitverantwortlicher Mann frei und an führender Stelle in der Bundesrepublik tätig sein kann."

Schwere Vorwürfe, die auch seine beiden jüngeren Mitangeklagten, der 23 Jahre alte Student Marciano und der 21-jährige Student Francis Lantschener, gegen Dr. Achenbach erhoben. Sie stützten sich dabei auf eine Fotokopie eines Dokumentes über die Deportation von 2000 Juden aus Paris, das die Unterschrift des früheren Gesandschaftsrates trägt. Das Gericht lehnte es ab, dieses Dokument zu verlesen.

Eine ungewohnte Verhandlung

Amtsgerichtsrat Theo Twenhoven, trotz großer richterlicher Erfahrung in der Führung eines solchen Prozesses nicht geübt, dazu in der Urteilsbegründung: "Ob die Überzeugung der Angeklagten, Dr. Achenbach habe sich im Kriege schuldig gemacht, zu Recht oder zu Unrecht besteht, hat dieses Gericht nicht zu entscheiden. Aber auch die Angeklagten haben es nicht. Eine solche Überzeugung gibt auch keinem Menschen das Recht, gegen herrschende Gesetze zu verstoßen"

Staatsanwalt Lauer in seinem Plädoyer: "Auch in Frankreich ist das Prinzip des Faustrechts seit langem abgeschafft. Aber es ist ein Akt des Faustrechts wenn jemand die politische Auseinandersetzung damit führt, daß er in ein Haus eines anderen eindringt. Dieser Verwilderung politischer Sitten müssen wir wehren

Gregorius: Haft unbegründet

Rechtsanwalt Manfred Gregorius sah den Tatbestand in anderem Licht: "Wir haben es im Grunde mit Bagatellsachen zu tun. Wäre man in das Haus des Herrn Müller oder Schütze eingedrungen, kein Richter hätte einen Haftbefehl erlassen. Hier ist das Gebot der Verhältnismäßigkeit verletzt worden. Man hätte die Angeklagten nicht einzusperren brauchen. Sie stehen zu ihrer Aktion, und sie wären freiwillig zu diesem Prozeß erschienen."

Zu Beginn der Verhandlung bemängelte Gregorius, daß die Verteidigung in ihrer Arbeit stark beschränkt worden sei, weil sie keine Zeit zur Vorbereitung des Prozesses gehabt und keine Einsicht in die Akten erhalten habe.


"Vorwürfe unberechtigt"

Dr. Ernst Achenbach, der im Mittelpunkt der Prozeßdiskussion stehende Mann, war weder geladen noch anwesend. Sein Sohn verfolgte die Verhandlung als Zuhörer. In der Prozeßpause sagte er: "Die Vorwürfe gegen meinen Vater sind eingehend von der Staatsanwaltschaft geprüft und auch von der französischen Justiz untersucht worden. Sie haben sich als unberechtigt erwiesen. Ein Verfahren ist nicht eingeleitet worden. Die zuständigen französischen Stellen wissen genau, daß meinem Vater nichts vorzuwerfen ist."

Bestünde auch nur der geringste Zweifel an der Integrität seines Vaters, meinte Achenbach junior, Bundespräsident Heinemann hätte ihm wohl kaum, wie vor einigen Wochen geschehen, das Große Bundesverdienstkreuz verliehen       -lt-


FDP tritt für Achenbach ein

Der Kreisvorstand der FDP Essen stellt sich mit einer Erklärung, hinter den Essener Bundestagsabgeordneten Dr. Ernst Achenbach. Darin heißt es, die am Donnerstag von den jungen Franzosen, die in seine Anwaltspraxis eindrangen, erhobenen Vorwürfe seien nicht neu und würden auch durch Wiederholung nicht richtiger. In amtlichen Untersuchungen seien sie als unbegründet festgestellt worden.

Bundeskanzler Brandt habe vor einem Jahr erklärt, daß Achenbach mit diesem Vorwurf Unrecht geschehe.

Achenbachs Wirken für die Verständigung zwischen Deutschland und Frankreich sei für die Mitglieder der Deutsch-Französichen Parlametarier-Vereinigung Grund genug gewesen, ihn zu ihrem stellvertretenden Vorsitzenden zu wählen.
Bildunterschrift:
Verteidiger Rechtsanwalt Manfred Gregorius

WAZ 29.06.1971 Junger Marokkaner wurde auf Wunsch nach Hause geschickt

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WAZ / Essen,Dienstag, 29.06.1971

Junger Marokkaner wurde auf Wunsch nach Hause geschickt

Achenbach-Stürmer werden heute vom Schöffengericht gehört.

Wie weit Beate Klarsfeld mit der Vorbereitung des Sturm der jungen Franzosen auf die Anwaltskanzlei von Dr. Ernst Achenbach zu tun hatte, steht noch nicht fest. Fest steht nur, daß ihr telefonischer Hilferuf an die Presse, daß möglicherweise einem jungen Marokkaner, dessen Eltern nach Israel ausgewandert seien, Unrecht geschehen könne, schlicht Unsinn und als solcher leider am Wochenende nicht mehr zu entlarven war. Die drei volljährigen Franzosen, die nach dem "Besuch" in der Achenbach-Kanzlei festgenommen worden waren, müssen sich heute in einem beschleunigten Verfahren vor einem erweiterten Schöffengericht in Essen wegen der Vorfälle in der Kanzlei verantworten.


Die vier jugendlichen Achenbach-Stürmer, die aus Frankreich angereist waren, wurden - wie berichtet - abgeschoben. Weil sich das französische Konsulat für den 18jährigen Marokkaner nicht zuständig fühlte, blieb nur eine Ausweisung in sein Heimatland übrig. Da seine Eltern nicht - wie Beate Klarsfeld glauben machen wollte - nach Israel ausgewandert sind, sondern nach eigenen Angaben von Abraham Seriaty im marokkanischen Tetuan, Rue Ashra Mai 1, wohnen, wurde der junge Mann - mit vollstem Einverständnis - ins Flugzeug nach Marokko gesetzt.

Die deutschen Behörden verzichteten auf jeden Amtsakt und ließen ihn ohne Paßvermerke wie einen Touristen heimfliegen, so daß ihm auch ein weiteres Studium in Frankreich nicht verwehrt ist.

Rechtsanwalt Manfred Gregrorius, der die Interessen der Inhaftieretn Franzosen wahrnehmen will, ist weiterhin der Ansicht, daß wegen einer Bagatellsache kein Haftbefehl hätte ergehen bzw. dieser auf Antrag hin hätte überprüft werden sollen. Empört ist er weil er - als Verteidiger - bis Montag abend nicht offiziell benachrichtigt wurde und damit nicht in der Lage war, das Vernehmnugsprotokoll einzusehen.

NRZ 30.06.1971 Geldstrafen für die jungen Franzosen

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NRZ / Essen,Mittwoch, 30.06.1971

Geldstrafen für die jungen Franzosen

Schnellverfahren dauerte gestern fünf Stunden

2000 DM Geldstrafe für Kaufmann Serge Hajdenberg, 29, aus Paris und je 400 DM Geldstrafe für die französischen Studenten Raphael Maciano, 22, und Francis Lentschnener. Dieses Urteil verhängte am Dienstag ein Essener Schöffengericht wegen Hausfriedensbruch und Sachbeschädigung über die drei jungen Franzosen, die - wie berichtet - eine Aktion gegen den Essener Rechtsanwalt und Bundestagsabgeordneten Dr. Achenbach (FDP) in dessen Praxis am Donnerstag vergangener Woche gestartet hatten.


Dazu gestern das Gericht: Die Angeklagten sind widerrechtlich in die Räume eingedrungen. Das war Hausfriedensbruch. Außerdem haben sie durch Ankleben von Protestmaterial Scheiben und Wände beschmutzt und damit eine Sachbeschädigung begangen. die ursprünglich erhobene Freiheitsberaubung - einem Mitarbeiter Dr. Achenbachs soll verwehrt worden sein, den Raum zu verlassen - ließ das Gericht mangels Beweises fallen. In diesem Punkt kam es zu einem Freispruch.

Schöffengericht

Die Franzosen, die zum Kreis von Beate Klarsfeld gehören, waren sofort nach der Tat verhaftet worden. Das Strafverfahren gegen sie wurde im Zuge des sogenannten beschleunigten Verfahrens durchgeführt. Während gewöhnliche Sterbliche bei derartigen Anklagen vor den Einzelrichter gebeten werden, stand für die jungen Franzosen ein Schöffengericht bereit. Es verhandelte fünf Stunden über den Fall.

Fazit: Die Angeklagten, die alle aus jüdischen Familien stammen, die durch NS-Deportationen bittere Verluste erlitten, wollten die Deutschen nur auf die Person Dr. Achenbachs aufmerksam machen. Sie wollten mit ihm Dokumenten diskutieren, die angeblich seine Teilhaberschaft in Judendeportationen während der deutschen Besatzungszeit in Paris beweisen sollten. Sie wollten durch ihre Aktion aber auch unterbinden, daß Dr. Achenbach möglicherweise negativen Einfluß auf eine deutsch-französisches Abkommen geltend machen kann. Es ist noch nicht ratifiziert und sieht die Auslieferung von Kriegsverbrechern vor.

Mildernde Umstände

vorerst werden allerdings die jungen Franzosen in ihr Heimatland ausgeliefert, das heißt, abgeschoben. Zwar billigte ihnen ds Gericht wegen ihrer verständlichen Verbitterung und weil sie nur das Gute wollten, mildernde Umstände zu. Es stellte aber fest: Das berechtige niemanden gegen die herrschenden Gesetze zu verstoßen, die Gesetze einer freiheitlichen Demokratie

seien.       ika
Bildunterschrift:
Im Essener Gericht wurde gestern französisch gesprochen: Der 21jährige Francis Lentschnener, sein 23jähriger Freund Raphael Marciano und Serge Hajdenberg (29) verteidigten sich und ihre Sache gegen den Vorwurf des Hausfriedensbruchs, der Sachbeschädigung und der Freiheitsberaubung. Sie waren am Donnerstag aus Paris gekommen, um hier die Anwaltspraxis des FDP-Bundestagsabgeordneten Dr. Achenbach zu besetzen. Deutsch sprach nur der Unternehmerssohn Hajdenberg; er sprach deutsch mit französischen Temparament. Die Fragen des Richters schürten das Feuer des französischen Angeklagten, und drohte sein Temparament die Grenzen deutscher Sitten zu sprengen, zupfte Francis am Jacket des Serge udn mahnte ihn zur Ruhe. Die Anwälte sprachen dabei französisch, das Publikum verstand weitgehend französisch, nur der Richter blieb bei deutscher Amtssprache.

NRZ 30.06.1971 Volles Vertrauen zu Achenbach

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NRZ / Essen,Mittwoch, 30.06.1971

Volles Vertrauen zu Achenbach

Erklärung der FDP


In einer Erklärung stellte sich gestern der Essener Kreisvorstand der Freien Demokraten hinter den Essener Bundestagsabgeordneten Dr. Achenbach.

In der Erklärung heißt es; "Dr. Achenbach steht seit über 20 Jahren im Licht der Öffentlichkeit. Die jetztigen Anwürfe sind nicht neu und werden durch Wiederholung nicht richtiger. Ihre Unbegründetheit ist in amtlichen Untersuchungen festgestellt worden. Jedem, der Dr. Achenbach kennt, ist auch seine humane und demokratische Gesinnung bekannt.

Noch vor Jahresfrist hat Bundeskanzler Brandt vor der Bundesregierung erklärt, daß Dr. Achenbach mit diesen Vorwürfen Unrecht geschehe. Bundespräsident Heinemann hat Dr. Achenbach vor wenigen Monaten durch die Verleihung des Großen Bundesverdienstkreuzes geehrt.

Dr. Achenbachs Wirken für die Verständigung zwischen Deutschland und Frankreich hat dazu geführt, daß ihn die französischen und deutschen Mitglieder der deutsch-französischen Parlamentarier-Vereinigung zu ihrem stellvertretenden Vorsitzenden gewählt haben."

"Wir freuen uns, daß Dr. Achenbach Mitglied unseres Kreisverbandes ist, und sprechen ihm unser

vollstes Vertrauen aus."


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