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Seitenübersicht

April 2016: Anschlag auf Essener Sikh-Gemeinde

Am Abend des 16. Aprils 2016 wurde ein Sprengsatz im Tempel der Essener Sikh-Gemeinde gezündet. Die geständigen jugendlichen Täter haben einen islamistischen Hintergrund. Yussuf T. wird verdächtigt, mit dem IS symphatisiert zu haben. Er soll im Ruhrgebiet die LIES-Ständen zur Koranverteilung mitorganisiert haben. Zudem werden ihm Verbindungen zur "Lohberger-Brigade" aus Dinslaken nachgesagt. 13 junge Männer radikalisierten sich dort und sind in den vergangenen Jahren nach Syrien gereist.


Inhaltsverzeichnis

Prozesse / sonstige Aufarbeitungen

WAZ/NRZ, 27.03.2017 Sikhs nennen Urteil gut und gerecht

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WAZ/NRZ / Essen,Montag, 27.03.2017

Sikhs nennen Urteil gut und gerecht

Die hohen Jugendstrafen wegen des Anschlags auf den Tempel werden von der Gemeinde begrüßt. Die Gläubigen ringen nun darum, ihre Offenheit gegenüber anderen Religionen beizubehalten


Von Christina Wandt

Am Tag des Urteils sind sie bestürmt worden: Ob die Strafen gegen die sogenannten Tempelbomber hoch genug oder zu hart seien, ob sie den drei jugendlichen Salafisten, die im April 2016 eine selbstgebastelte Bombe vor ihrem Tempel an der Bersonstraße zündeten, verzeihen könnten, ob ihre Gemeinde nun zur Ruhe komme. Fünf Tage hat sich die Sikh-Gemeinde Zeit gelassen, um an diesem Sonntag doch noch Antworten zu geben.

Die erste Antwort ist diese Einladung selbst: Am Sonntag kommen Hunderte Gläubige in den Gurdwara Nanaksar Satsang Darbar-Tempel im Nordviertel, angereist aus Düsseldorf, Dortmund, Neuss oder Wuppertal. Die Fassade ihres Tempels ist noch zerstört, doch drinnen wird Tee getrunken, gegessen, geredet und gebetet. Das Gemeindeleben geht weiter. „Die Sikh-Religion ist offen, hier stehen alle Türen offen“, sagt Mohinder Singh vom Vorstand. Diese Offenheit mögen sie sich nicht rauben lassen, auch wenn der Anschlag sie tief erschüttert hat.


„Ob ihnen verziehen
wird, liegt bei Gott,
nicht bei uns.“
Mohinder Singh, Sikh-Gemeinde

Die Frage, ob sie den Tätern verzeihen können, weist Singh zurück: „Was diese Jungen gemacht haben, war schlimm. Ob es verziehen wird oder nicht, liegt nicht bei uns – das lassen wir bei Gott.“ Zur irdischen Gerichtsbarkeit äußert sich Singh: „Wir sind mit dem Urteil zufrieden. Der Staat hat das gut und gerecht gemacht.“ Man müsse nun abwarten, ob Rechtsmittel eingelegt werden oder das Urteil rechtskräftig wird. Ein banges Warten.

Schließlich ringen sie noch mit den Folgen dieses Anschlags, der ein Angriff auf ihre Ideale gewesen ist. „Wir sind eine Religion, die alle anderen Religionen respektiert“, sagt Inderjet-Singh Tatla. Das Heilige Buch der Sikhs würdige auch muslimische Persönlichkeiten, und mit der benachbarten Alfaruk-Moschee habe es nie Konflikte gegeben. Es gebe Sikh-Gemeinden, in denen über die Politik in den Heimatländern geredet werde, doch an der Bersonstraße sei Politik nie ein Thema gewesen: „Umso größer war der Schock über diesen Anschlag.“

Ähnlich schildert es Preet Singh, der in Essen groß geworden ist, die Gesamtschule Bockmühle besuchte, Informatik studierte. Als Junge aus Altendorf habe er viele muslimische Freunde. Umso unfassbarer war für ihn der Anschlag am Tag einer Hochzeitsfeier, an der auch viele Kinder teilnahmen. Bis heute seien viele von ihnen verstört. Ebenso wie der schwer verletzte Priester, der noch an Krücken geht und sein Amt nicht ausüben kann, weil der Schneidersitz zu schmerzhaft ist. „Noch schlimmer sind die Wunden seiner Seele; er wird eine Therapie machen“, sagt Inderjet-Singh Tatla.

Als Dolmetscher für den verletzten Priester wählte die Gemeinde den jungen Preet Singh aus, wappnete ihn für den Auftritt vor Gericht. „Man sagte mir, ich solle ruhig bleiben, was nicht leicht ist, wenn unsere Religion bespuckt wird.“ Also lasen ihm die älteren Gemeindemitglieder Sätze aus ihrem Heiligen Buch vor. Mahnungen zu Friedfertigkeit, Toleranz und Offenheit.

Einige dieser Sätze hat die Gemeinde auch auf große Banner drucken lassen, und an diesem Sonntag im Hof aufgehängt, so dass sich die Besucher vertraut machen können mit ihrer Religion. Die Sikhs machten das auch umgekehrt, erzählt Inderjet-Singh Tatla. So besuche er mit seinen Kindern Kirchen, Moscheen und Synagogen: „Ich möchte von jeder Religion lernen.“


Die Tempelbomber und das Urteil

  • Am Samstag, 16. April 2016, werden bei einem Anschlag auf den Sikh-Tempel an der Berson-straße drei Menschen verletzt.
  • Drei Monate später klagt die Staatsanwaltschaft wegen der Tat drei junge Salafisten an.
  • Am Dienstag, 21. März, werden Yusuf T. (17) aus Gelsenkirchen und Mohammed B. (16) aus Essen, die die Bombe gezündet haben, zu sieben Jahren bzw. sechs Jahren und neun Monaten Jugendstrafe verurteilt. Mitorganisator Tolga I. (17) aus Schermbeck erhält sechs Jahre Haft.
 
Bildunterschrift:
Die Zerstörung an der Fassade des Sikh-Tempels Gurdwara Nanaksar Satsang Darbar Essen e.V. ist noch sichtbar. Doch auch Vorstand und Gemeindemitglieder spüren fast ein Jahr nach dem Anschlag noch die Erschütterung. FOTO: KERSTIN KOKOSKA
Die WAZ berichtete auch im überregionalen Manteilteil


WAZ, 22.03.2017 Hohe Jugendstrafen für Sikh-Tempel-Anschlag

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WAZ / Titel (Mantelteil),Mittwoch, 22.03.2017

Hohe Jugendstrafen für Sikh-Tempel-Anschlag

Drei Jugendliche wegen versuchten Mordes in Essen verurteilt


Von Stefan Wette

Essen. Für einen Sprengstoffanschlag auf einen Sikh-Tempel in Essen sind drei 17-Jährige zu Jugendstrafen zwischen sechs und sieben Jahren verurteilt worden. Das Landgericht Essen wertete das Attentat der Jugendlichen aus Essen, Gelsenkirchen und Schermbeck gestern in der nicht öffentlichen Urteilsverkündung als versuchten Mord, der islamistisch motiviert war.

„Die Angeklagten haben sich selbst verstanden als gläubige Muslime und in ihrer Vorstellungswelt die Vorstellung gebildet, dass sie jetzt nun Ungläubige angreifen und möglicherweise sogar töten müssen“, sagte Gerichtssprecher Johannes Hidding. Für einen unmittelbaren Kontakt zur Terrormiliz Islamischer Staat (IS) habe die Hauptverhandlung allerdings keine Anhaltspunkte ergeben. Die Angeklagten hätten aber durchaus Kontakt zu einem Syrien-Rückkehrer gehabt.

Bei dem Attentat im April 2016 war ein 60 Jahre alter Priester der Gemeinde schwer verletzt worden, zahlreiche Menschen entgingen der Gefahr nur knapp. Der Priester sei nach wie vor schwer traumatisiert und habe seinen Beruf aufgeben müssen, sagte dessen Anwalt Jan Czopka. Der Priester trat im Prozess als Nebenkläger auf.

Der Gelsenkirchener Yusuf T. (17) muss laut Urteil der Jugendstrafkammer sieben Jahre in Haft. Er will gegen das Urteil vorgehen. Er gilt als Anführer der Gruppe, die sich Ende 2015 im Internet gegründet hatte. Yusuf T., der selbst aus Sicht von IS-Vertrauten als unberechenbar und blutgierig galt, war es auch, der am 16. April 2016 den selbstgebastelten Sprengsatz vor dem Eingang des Tempels der Sikh-Gemeinde zündete.

Mohamad B. (17) aus Essen hatte ihn auf dem Weg zwar begleitet, gilt aber eher als Mitläufer. Die Gutachter in der Verhandlung hatten ihm eine unterdurchschnittliche Intelligenz bescheinigt. Er soll sechs Jahre und neun Monate ins Gefängnis.

Tolgan I. (17) aus Schermbeck ist der Angeklagte, der aus Sicht der Ermittler am stärksten islamistisch radikalisiert ist. Vor Ort war er bei dem Anschlag nicht. Für ihn hält die Jugendstrafkammer wegen Verabredung zum Mord sechs Jahre Jugendstrafe für erforderlich, erklärte Richter Volker Uhlenbrock.

Alle Angeklagten hatten sich in dem seit Dezember laufenden Prozess vom Islamismus distanziert. Manchen Prozessbeteiligten galt das aber als Lippenbekenntnis. mit dpa

WAZ, 22.03.2017 Auf dem Weg zur Geheimjustiz

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WAZ / Titel (Mantelteil), Rubrik Kommentar,Mittwoch, 22.03.2017

Auf dem Weg zur Geheimjustiz


Stefan Wette zum Jugendurteil

Die Justiz hat den islamistisch motivierten Anschlag auf den Essener Sikh-Tempel geahndet, das Urteil der Jugendstrafkammer ist gesprochen. Manch einer mag den Richterspruch als zu milde empfinden, manch einer als zu hart – doch niemand weiß aus erster Hand, was die fünf Richter der Kammer zu ihrem Urteil bewogen hat. Denn die Justiz schweigt. Im Sikh-Prozess hat das Landgericht Essen erst im letzten Moment etwas ausführlicher informiert – immerhin.

Es ist eine gefährliche Entwicklung auf dem Weg zu einer Geheimjustiz. Seit dem Prozess gegen den letztlich freigesprochenen Jörg Kachelmann mit unschönen Veröffentlichungen verweigert die Justiz den Medien und damit den Bürgern in immer mehr Verfahren Informationen – sei es in Sexualstrafsachen oder in Jugendverfahren. Sie nimmt sich die Möglichkeit, offensiv für ihre Urteile zu werben, ihre Argumentation nachvollziehbar darzulegen.

Rechtlich sind ihr die Hände keineswegs gebunden. Aber die Justiz will eben keine Offenheit. Das war schon mal anders. Und so muss sie hinnehmen, dass über ihre Urteile hergezogen wird, ohne dass jemand sie wirklich kennt.

WAZ, 22.03.2017 Sikh-Priester vergibt Attentätern

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WAZ / Nordrhein-Westfalen (Mantelteil),Mittwoch, 22.03.2017

Sikh-Priester vergibt Attentätern

Die jugendlichen Tempelbomber von Essen müssen lange in Haft. Am schwersten traf der Anschlag einen indischen Geistlichen. Die Jungen tun ihm leid


Von Stefan Wette

Essen. Tumulte hinter verschlossenen Türen blieben aus. Äußerlich gefasst nahmen die drei jugendlichen Tempelbomber am Dienstag das Urteil der Essener Jugendstrafkammer für den hinterhältigen Sprengstoffanschlag auf den Tempel der Essener Sikh-Gemeinde auf. Wenig Regung sollen sie auch gezeigt haben, als Richter Volker Uhlenbrock ihnen vorwarf, sie seien herumlaviert, hätten kein offenes Geständnis abgelegt. Sie hatten nämlich jede Tötungsabsicht verneint. Das Gericht nahm ihnen das nicht ab, sprach auch vom „Hass auf andere Religionen“ als Motiv des versuchten Mordes.

Auf offene Worte gehofft hatte im nicht öffentlich geführten Prozess vor allem der 62 Jahre alte Priester der Sikh-Gemeinde. Als der Sprengsatz am 16. April 2016 gegen 19 Uhr detonierte und Metallteile durch die Luft flogen, zerfetzte es ihm das Bein. Seitdem geht er an Krücken. Er hat seinen Beruf in Deutschland verloren, erzählt sein Anwalt Jan Czopka, weil er den dafür erforderlichen Lotussitz nicht mehr beherrsche. So muss er zurück in seine Heimat Indien. Dennoch, so Czopka, habe er den Angeklagten vergeben: „Sie tun ihm leid. Er glaubt, dass in ihrer Entwicklung viel schiefgegangen ist.“ Aber Antworten auf seine vielen Fragen habe er nicht erhalten.

Drei im Ruhrgebiet aufgewachsene junge Männer, mittlerweile alle 17, sind es also, die sich im Jahre 2015 gegenseitig radikalisieren, sich als unterdrückte Kämpfer für den Islam sehen und „Ungläubige“ töten wollen. Das Radikalisieren geht bequem per Internet, per WhatsApp. Sie suchen Kontakt zur Islamistenszene in Niedersachsen, in Duisburg – und bleiben letztlich doch isoliert. Diese Kindertruppe, deren Mitglieder sogar heiraten und selbst Ehen schließen, gilt als unkontrollierbar, erzählt ein V-Mann im Prozess.

Es sind unterschiedliche Typen. Der Gelsenkirchener Yusuf T. ist der Kopf. Ein V-Mann beschrieb ihn als blutgierig. Mohamad B. aus Essen ist der Gefolgsmann, eher schlichten Gemütes, aber recht gut in der technischen Unterstützung. Und Tolga I. aus Schermbeck schließlich, der sich im Prozess nicht so deutlich distanziert haben soll vom Islam und „gefährlichen Gedanken“. Er soll den Sikh-Tempel als Anschlagsziel ausgesucht haben. Später, so erzählte ein weiterer V-Mann, soll er mit der Idee geliebäugelt haben, die Essener Rathaus-Galerie, ein Einkaufszentrum, in die Luft zu jagen. Ihm ist am wenigsten nachzuweisen, deshalb erhält er die geringste Strafe.

In der Schule drohten sie Mitschülerinnen Gewalt an
Aufgefallen waren sie in der Jugend alle, weil sie aufsässig in der Schule waren, Frauen und Mitschülerinnen Gewalt androhten. Ihre Eltern sorgten sich zum Teil so um sie, dass sie die Behörden eingeschaltet hatten. Vergeblich. Für Aussteigerprogramme waren die Jugendlichen nicht mehr zu erreichen. Ob das Urteil sie jetzt erreichen wird?

Yusuf T., der die Bombe vor die Tür gelegt hatte, will Revision gegen das Urteil einlegen, kündigte seine Anwältin Lena Plato an. Die Strafe für ihren Mandanten nannte sie „extrem hoch“ für einen 17-Jährigen. „Es ist kontraproduktiv, einen Jugendlichen länger als fünf Jahre wegzusperren.“

Der verletzte Sikh-Priester findet den Richterspruch gerecht. „Er ist froh darüber. Auch, dass jetzt alles vorbei ist“, sagt sein Anwalt Jan Czopka nach 25 Verhandlungstagen.


Sprengsatz aus dem Netz

  • Das Material für die Sprengsätze bestellten die jugendlichen Attentäter im Internet.
  • Am 16. April 2016 füllten sie es in einen entleerten Feuerlöscher, den sie per Fernzündung vor einer Tür des Tempels explodieren ließen. „Die Explosion ist ziemlich verheerend gewesen“, sagt ein Gerichtssprecher.
 
Bildunterschrift:
  • Drei Menschen sind bei der Explosion im April 2016 im Essener Nordviertel hinter der Uni verletzt worden, einer schwer. FOTO: MARCEL KUSCH/DPA
  • Vor dem Urteil: der Vorsitzende Richter Volker Uhlenbrock (rechts). Der Jugendstrafprozess fand unter Ausschluss der Öffentlichkeit statt. FOTO: WEIHRAUCH/DPA
Die NRZ berichtete auch verkürzt im überregionalen Manteilteil


WAZ/NRZ, 21.03.2017 Die schwer verletzte Seele der Sikhs

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WAZ/NRZ / Essen,Dienstag, 21.03.2017

Die schwer verletzte Seele der Sikhs

Der Tempel auf der Bersonstraße war im April 2016 Ziel eines Bombenanschlags. Heute wird das Urteil verkündet. Ein Besuch bei der traumatisierten Gemeinde


Von Gerd Niewerth

Der wohlige Geruch von frisch gebackenem Brot, Reis und schwarzem, mit Nelken und Fenchel gewürzten Milchtee durchströmt Montagmittag den Sikh-Tempel auf der Bersonstraße. Die Gläubigen bewegen sich barfuß zwischen Speiseraum und Gebetssaal.

Es ist eine ungezwungene Atmosphäre, die meisten Männer tragen einen Turban, einige ein orangefarbenes Dreieckstuch. Eine Trennung nach Geschlechtern gibt es im Gotteshaus der Essener Sikh-Gemeinde, Gurdwara genannt, nicht. Man isst und trinkt, plaudert und betet.

Ein Stück Heimat in der Fremde
Ihr Gurdwara verkörpert ein Stück Heimat in der Fremde. Eine heile Welt, die vor bald einem Jahr durch einen Knall jäh erschüttert wird. Es ist der 16. April 2016, ein Samstag, als zwei mutmaßliche, 17 Jahre alte Salafisten um 19 Uhr einen sprengstoffgefüllten Feuerlöscher in das Gotteshaus schleudern. Drei Menschen werden verletzt, einer, der Priester, schwer. Es ist ein Terroranschlag, über den das indische TV in den Hauptnachrichten und die New York Times auf der Titelseite berichten werden.

„Es war ein ohrenbetäubender Knall“, erinnert sich Geschäftsführer Minder Singh. Der Mann mit dem blauen Turban und dem langen Bart, 61 Jahre alt und seit 30 Jahren in Deutschland, erinnert sich selbst an die kleinsten Details dieses Bombenanschlags. An jenem Samstag feiert die Gemeinde gerade eine Hochzeit, noch immer halten sich 100 Menschen in der umgebauten Druckerei auf. „Nur eine Minute vor der Explosion standen wir mit 35 bis 40 Kindern genau an der Tür, gegen die die Bombe geworfen wurde.“ Die Kinder wollen den drei Vorstandsmitgliedern Minder, Amrik und Sarbjit Singh endlich die einstudierten Lieder vorsingen. Doch sie werden gebeten, dafür in die oberen Räume zu gehen. „Was für ein Glück“, sagt Singh heute.


„Die Kinder weinen
immer noch, und
einige Männer
auch. Ich werde
nachts aus dem
Schlaf gerissen.“
Minder Singh,
Sikh-Gemeinde

Dafür trifft es Koldib Singh, den Priester, der gerade vor die Eingangstür tritt. „Durch die Wucht der Explosion wurde er in die Mitte des Gebetssaals geschleudert.“ Es ist stockfinster, der Strom fällt aus, Gardinen fangen Feuer und der stark blutende Priester schleppt sich in einer Staubwolke zum Altar, der ebenfalls beschädigt ist.

Singh deutet auf den Teppichboden, mit dem der 230 Quadratmeter große, nur spärlich geschmückte Saal ausgeschlagen ist. „Sehen Sie, das sind seine Blutspuren.“ Oben in der weißen Deckenverkleidung stecken immer noch Eisen- und Glassplitter. „Auch unser Priester war voller Eisen- und Glassplitter, von den Füßen bis fast zur Hüfte.“ Unter den Folgen des Anschlags leide er noch heute. „Er braucht zum Gehen einen Stock und hat starke Schmerzen.“

Heute verdeckt ein Teppich die Spuren, die die gesäuberte Blutlache hinterlassen hat. Eine makabre Erinnerung.

Den Priester schleppen sie rasch in den Essraum. Und die Kinder? „Aus Angst vor weiteren Explosionen haben wir sie ins Freie gebracht.“ Schon nach zehn Minuten treffen Feuerwehr und Polizei ein. „Sie haben einen tollen Job gemacht.“ Der Schaden, der mit 120 000 Euro beziffert wird, lasse sich reparieren, sagt Minder Singh, „aber der Schaden an unserer Seele nicht“. All jene, die den Anschlag erlebt haben, seien heute traumatisiert. „Die Kinder weinen immer noch, und einige Männer auch.“ Minder Singh hat sich in die Obhut eines Therapeuten begeben. „Trotzdem werde ich nachts aus dem Schlaf gerissen.“

An diesem Dienstag wird die Jugendkammer des Landgerichts Essen das Urteil gegen drei Angeklagte verkünden: Mohammed B. aus Essen, Yusuf T. aus Gelsenkirchen und Tolga I. aus Schermbeck – drei im Ruhrgebiet aufgewachsene Salafisten, die sich, wie man inzwischen weiß, quasi im Kinderzimmer radikalisiert haben.

Yusuf T., neben Mohammed B. einer der beiden mutmaßlichen Tempelbomber, schreibt Monate später eine Entschuldigung. „Aber wir akzeptieren sie nicht, weil sie nicht glaubwürdig ist“, betont Singh. Auch Yusufs Mutter habe sich persönlich entschuldigen wollen. Auch dies habe man abgelehnt.

Nur ein paar Schritte weiter auf der Bersonstraße befindet sich die Alfaruk-Moschee. „Zu ihnen gehen wir auf Distanz, man sagt sich knapp ‘Hallo’ oder auch nichts.“ Die Sikhs sind stolze, gottesfürchtige Leute, aber nicht streitlustig. Ärger wollen sie aus dem Weg gehen.

Am Vorabend der Urteilsverkündigung reden sie auch nicht von Rache und Hass, sondern davon, dass sie großes Vertrauen in die deutsche Justiz haben. Die Anklage wertet die Tat des Trios als „versuchten Mord in Tateinheit mit gefährlicher Körperverletzung, Herbeiführen einer Explosion und gemeinschädlicher Sachbeschädigung“. Minder Singh erinnert an die Verletztheit der Sikhs. „Unser Gebetshaus ist unsere Seele, und auch unser Priester wurde verletzt.“ Den Angeklagten wünschen sie nach der Verurteilung, dass sie die Kraft finden, umzukehren und ein besseres Leben zu führen.

Draußen auf dem Hof stehen – einer Mahnung gleich – immer noch zwei kaputte Schubkarren voller Scherben. Der zerbombte Eingang ist nur provisorisch mit Holztafeln dichtgemacht. „Wir erwarten ein gerechtes Urteil“, sagt Minder Singh. Gott wisse schon, was gut und böse sei.
Bildunterschrift:
  • Der Gebetssaal des Sikh-Tempels auf der Bersonstraße: Die Spuren im Teppichboden erinnern an die Blutlache und die schweren Verletzungen, die sich der Priester beim Anschlag am 16. April zugezogen hat. FOTOS: ULRICH VON BORN
  • Schubkarren voller Scherben erinnern immer noch an das Attentat.

WAZ/NRZ, 14.03.2017 Tempelbomber: Verteidigung will milde Strafen

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WAZ/NRZ / Essen,Dienstag, 14.03.2017

Tempelbomber: Verteidigung will milde Strafen

Im Prozess gegen die jugendlichen Attentäter wird am 21. März das Urteil erwartet. Staatsanwaltschaft plädiert auf Haft wegen versuchten Mordes. Angeklagte distanzierten sich im Verfahren vom Islamismus


Von Stefan Wette

Der Prozess um einen Sprengstoffanschlag auf den Essener Sikh-Tempel an der Bersonstraße im Nordviertel steht vor dem Abschluss. Nachdem am Freitag Staatsanwältin Birgit Jürgens mehrjährige Haftstrafen wegen versuchten Mordes für die drei 16 bis 17 Jahre alten Jugendlichen aus Essen, Gelsenkirchen und Schermbeck gefordert hatte, beantragten am Montag die Verteidiger mildere Jugendstrafen.

Eine direkte oder indirekte Beteiligung an dem Attentat vom 16. April 2016, bei dem der Priester der Gemeinde schwer verletzt worden war, bestritt nach Informationen dieser Zeitung keiner der Anwälte, sie widersprachen aber dem Vorwurf des Mordversuchs. Das Urteil der Jugendstrafkammer am Landgericht Essen in dem nicht öffentlichen Prozess wird für den 21. März erwartet.

Verantworten mussten die Jugendlichen sich für zwei Probesprengungen und den eigentlichen Anschlag. Sie hatten sich laut Anklage im Internet verabredet, um „Ungläubige” zu töten. Als ihr Anführer gilt der Gelsenkirchener Yusuf T. (17), der noch in der Untersuchungshaft von einem seiner in einem anderen Verfahren verurteilten Komplizen um Rat gefragt wurde, ob auch ein Anschlag auf Kinder religiös gerechtfertigt sei.

In der im Dezember gestarteten Hauptverhandlung hatte ein V-Mann aus der Szene zudem berichtet, dass der damals noch in Freiheit befindliche Angeklagte Tolgan I. (17) aus Schermbeck im Frühjahr 2016 nach der Inhaftierung der beiden anderen Angeklagten noch einen Anschlag auf das Essener Einkaufszentrum „Rathaus-Galerie” geplant habe. Der Schermbecker hatte das allerdings bestritten. Vom V-Mann stammen auch die Aussagen, dass sich der Hauptangeklagte Yusuf T. zunehmend radikalisiert habe und nicht mehr steuerbar gewesen sei.

Staatsanwältin Jürgens hatte vergeblich versucht, das Verfahren als staatsschutzgefährdende Terrortat an die Bundesanwaltschaft abzutreten. Ihr war es aber nicht gelungen, Kontakte der Angeklagten zur Terrororganisation Islamischer Staat nachzuweisen. Sieben Jahre Jugendstrafe hatte sie am Freitag für Yusuf T. und Tolgan I. gefordert, für den Schermbecker zusätzlich den Vorbehalt der Sicherungsverwahrung. Beim Essener Mohamad B. hielt sie sechseinhalb Jahre Jugendstrafe für ausreichend, weil sie ihn als weniger islamistisch radikalisiert einstuft.

Die Verteidiger hatten auf konkrete Anträge am Montag verzichtet, die Anträge der Staatsanwältin aber als überhöht zurückgewiesen. Die Verteidiger von Tolgan I., der beim Anschlag auf den Sikh-Tempel selbst nicht vor Ort war, sahen auch keinen Beweis für eine Anstiftung zum Mordversuch. Verteidiger Victor Berger widersprach für seinen Mandanten Mohamad B., der Yusuf T. mit der Bombe begleitet hatte, ebenfalls dem Vorwurf des versuchten Mordes. Der Angeklagte habe sich tatsächlich im letzten Moment von Yusuf T. distanziert, als dieser den Sprengsatz zünden wollte.

In seinem letzten Wort entschuldigte sich Yusuf T. beim als Nebenkläger anwesenden Sikh-Priester für die Verletzungen. Alle Angeklagten hatten sich im Verfahren vom Islamismus distanziert. Die Mutter von Tolgan I. verlas eine längere Erklärung, in der sie die Radikalisierung ihres Sohnes schilderte. Deshalb hätten ihr Mann und sie den Staatsschutz um Hilfe gebeten. Von der Behörde sei aber keine Hilfe gekommen, solle sie geklagt haben.

Da keine weiteren Anträge gestellt wurden, wird die V. Jugendstrafkammer vermutlich bei ihrem Zeitplan bleiben. Demnach wird das Urteil am 21. März verkündet werden.


Essener Sikh-Gemeinde hat rund 80 Mitglieder

  • Sikhs sind Anhänger einer im 15. Jahrhundert in Indien entstandenen religiösen Reformbewegung, die eine Verbindung zwischen Hinduismus und Islam schaffen wollte. Die Sikhs verstehen sich als religiös tolerant.
  • In Deutschland leben etwa 15 000 Sikhs, die Essener Gemeinde hat rund 80 Mitglieder.
 
Bildunterschrift:
Ein Polizist ermittelt am 16. April vor dem von Bomben verwüsteten Gebetshaus der Sikhs in Essen. Drei Menschen wurden bei der Explosion verletzt, einer davon schwer. FOTO: MARCEL KUSCH
Die WAZ berichtete auch im überregionalen Manteilteil


WAZ, 11.03.2017 Mehrjährige Haft für Attentat auf Tempel in Essen gefordert

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WAZ / Rhein-Ruhr (Mantelteil),Samstag, 11.03.2017

Mehrjährige Haft für Attentat auf Tempel in Essen gefordert


Essen. Im Prozess um den Sprengstoffanschlag auf den Tempel der Essener Sikh-Gemeinde fordert die Staatsanwaltschaft für die drei Angeklagten mehrere Jahre Jugendstrafe.

In der nichtöffentlichen Verhandlung vor dem Landgericht Essen beantragte Staatsanwältin Birgit Jürgens am Freitag nach WAZ-Informationen sieben Jahre Haft für den Gelsenkirchener Yusuf T. (17), der am 16. April 2016 die selbstgebaute Bombe gezündet hatte. Sechseinhalb Jahre Haft hält sie beim Essener Mohamad B. (16) ausreichend. Er war zwar auch vor Ort, nach ihrer Ansicht aber nicht so islamistisch radikalisiert wie die Mitangeklagten. Beide sollen wegen versuchten Mordes verurteilt werden. Lediglich wegen Anstiftung sieht sie den Schermbecker Tolgan I. (17) schuldig. Er soll ebenfalls zu sieben Jahre Haft verurteilt werden mit dem Vorbehalt der Sicherungsverwahrung. -ette

WAZ/NRZ, 24.02.2017 V-Mann: Anschlag in Essens City angekündigt

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WAZ / Politik (Mantelteil),Freitag, 24.02.2017

V-Mann: Anschlag in Essens City angekündigt

Aussage im Tempelbomber-Prozess


Von Stefan Wette

Essen. Ein 17 Jahre alter Angeklagter im Prozess um den Anschlag auf den Tempel der Essener Sikh-Gemeinde soll ein weiteres Attentat geplant haben. Das behauptet ein V-Mann, dessen Aussage am Landgericht Essen jetzt gehört wurde. Der 17-Jährige habe ihm gesagt, er wolle einen Sprengsatz in der Essener Rathaus-Galerie zünden, einem belebten Einkaufszentrum in der City.

Tolga I. aus Schermbeck muss sich gemeinsam mit dem Gelsenkirchener Yusuf T. (17) und dem Essener Mohamad B. (16) seit Anfang Dezember wegen gemeinschaftlichen Mordversuchs vor der Essener Jugendstrafkammer verantworten. Sie gelten als radikale Islamisten. Zwei von ihnen sollen am 16. April 2016 einen selbstgebauten Sprengsatz vor dem Eingang der Sikh-Gemeinde gezündet haben. Durch die Explosion wurde der Priester schwer verletzt.

Der Schermbecker Tolga I. war laut Anklage nicht bei der Sprengung dabei. Er soll allerdings bei Probesprengungen in Gelsenkirchen mitgewirkt  und  den Sikh-Tempel als Anschlagsziel genannt haben.

Im Prozess, der wegen des Alters der Angeklagten ohne Öffentlichkeit geführt wird, bestreitet Tolga I. jede Schuld. Er sei ja gar nicht dabei gewesen, sagt er zum Anschlag auf den Sikh-Tempel.

Seine Mitangeklagten nahm die Polizei kurz nach der Tat fest, ihn erst einen Monat später. In der Zeit dazwischen soll er mit dem V-Mann durch die Essener City gelaufen sein. Der V-Mann, intern „VP 01“ genannt, sagte in Essen nicht selbst aus, weil seine Identität geschützt wird. Sein Vernehmungsbeamter berichtete, in der Rathaus-Galerie habe Tolga I. gesagt, er plane noch etwas Großes. Und mit Blick auf das Einkaufszentrum mitten in der Essener City: Dort könne er sehr gut eine Sporttasche mit einem Sprengsatz abstellen. Den V-Mann habe dies so erschreckt, dass er das sofort seinem Verbindungsbeamten gemeldet habe.

Tolga I. bestätigte auf Frage des Gerichtes den Kontakt. Aber nicht er, sondern der V-Mann habe von Anschlagszielen gesprochen und ihn offenbar aufstacheln wollen.
Die WAZ kündigte dies auf der Titelseite an, die NRZ berichtete verkürzt (weitere Artikel)


WAZ/NRZ, 10.02.2017 Leserbrief Keine Eingereisten / Hysterie

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WAZ / Essen, Rubrik Leserforum,Freitag, 10.02.2017

Keine Eingereisten


Essen auf Trumps Terror-Liste. Ich weiß nicht, wie viele Artikel sich Herr Trump in den USA gewünscht hätte. Auf jeden Fall scheint er sie nicht gelesen zu haben: Die Täter von Essen waren keine eingereisten Flüchtlinge, keine ausgebildeten Kämpfer, das Bombenbasteln haben sie sich weitgehend selbst beigebracht. Es waren in unserer Stadt aufgewachsene, durchgeknallte jugendliche Kleinkriminelle, deren krankhaft überhöhter Geltungsdrang in diesem tragischen Akt der Missachtung von Menschenleben endete. Eine solche stark lokal bestimmte Geschichte erregt natürlich wenig internationale Aufmerksamkeit und kann so Trumps platte Weltbedrohungs-Anti-Muslim-Hysterie kaum stützen.
Nach meiner Zählung sind es über 50 Artikel, die in der WAZ zum Anschlag auf den Sikh-Tempel erschienen sind.
Rainer Sonntag, Essen
Ähnlich erschien dieser Leserbrief unter der Überschrift „Hysterie“ auch in der NRZ


WAZ/NRZ, 09.02.2017 Sikh-Anschlag auf Donald Trumps Terror-Liste

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WAZ/NRZ / Essen,Donnerstag, 09.02.2017

Sikh-Anschlag auf Donald Trumps Terror-Liste

Präsident wirft US-Medien vor, zu wenig über islamistische Anschläge zu berichten


US-Präsident Donald Trump hat den Medien in den Vereinigten Staaten am Montag vorgeworfen, sie berichteten nicht ausreichend über islamistische Terroranschläge. Zur Beweisführung veröffentlichte das Weiße Haus eine Liste mit 78 Anschlägen – in der auch Essen auftaucht. Auf der Liste, die später von der Washington Post verbreitet wurde, sind Attacken aus den Jahren 2014 bis 2016 aufgeführt, darunter auch der Sprengstoffanschlag auf den Sikh-Tempel im Nordviertel vom 16. April 2016.

Seit Dezember verhandelt in Essen die V. Jugendstrafkammer wegen versuchten Mordes gegen Yusuf T. (17) aus Gelsenkirchen, Mohamad B. (16) aus Essen und Tolga I. (17) aus Schermbeck. Sie hatten vor dem Sikh-Tempel an der Bersonstraße eine selbst gebaute Rohrbombe gezündet und dabei drei Menschen verletzt, den 60 Jahre alten Priester der Sikh-Gemeinde schwer.

Die US-Regierung führt die Tat der Jugendlichen neben den Anschlägen in Orlando, Brüssel und Istanbul auf.

Die Journalisten der „Washington Post“ kommentierten, die neue US-Administration wolle das umstrittene Einreiseverbot für Muslime rechtfertigen und Angst schüren. Über den Anschlag in Essen hatte unter anderem die „New York Times“ berichtet. dbie

WAZ, 09.02.2017 Sikh-Tempel-Anschlag landete auf Trump-Liste

WAZ20170209-TrumpSikhAnschlag3.png

WAZ / Rhein-Ruhr (Mantel),Donnerstag, 09.02.2017

Sikh-Tempel-Anschlag landete auf Trump-Liste


Essen. Der Anschlag auf den Essener Sikh-Tempel ist auf einer Liste aufgetaucht, die US-Präsident Donald Trump am Montag veröffentlicht hat. Die Liste mit 78 Anschlägen, auf der auch die Taten von Brüssel und Istanbul stehen, sieht das Weiße Haus als Beleg, dass US-Medien nicht genug über islamistischen Terror berichteten. Allerdings hatte etwa die „New York Times“ durchaus über den Fall berichtet, bei dem im April 2016 drei Menschen verletzt wurden.

WAZ/NRZ, 01.02.2017 Tempelbomber schnell radikalisiert

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WAZ/NRZ / Essen,Mittwoch, 01.02.2017

Tempelbomber schnell radikalisiert

Syrien-Rückkehrer belastet Angeklagten im Prozess nach Anschlag auf Sikh-Gemeinde. „Ehefrau“ eines 17-jährigen kam als Zeugin im Tschador zum Gericht


Von Stefan Wette

Ohne Öffentlichkeit verhandelt die V. Jugendstrafkammer seit Anfang Dezember gegen Yusuf T. (17) aus Gelsenkirchen, Mohamad B. (16) aus Essen und Tolga I. (17) aus Schermbeck. Ohne Öffentlichkeit, weil die drei Angeklagten, die am 16. April 2016 vor dem Essener Sikh-Tempel eine Bombe gezündet hatten, noch Jugendliche sind. Und so dringt nur unbestätigt nach draußen, wie radikalisiert die selbst ernannten Islamisten vor dem Anschlag waren.

Einer aus der Szene belastet die drei, vor allem den Gelsenkirchener Yusuf T., der sich im Prozess bislang reumütig zeigt und mit dem Anschlag nur erschrecken wollte – keinesfalls töten.


„Erst war ich sein
Vorbild – und
dann sein Feind.“
Anil O. (23),
Syrien-Rückkehrer

Die Aussage von Anil O. (23) lässt ihn in einem anderen Licht stehen. Als blutgierig beschreibt der Syrien-Rückkehrer den 17 Jahre alten Gelsenkirchener. 2014 habe er ihn in dessen Heimatstadt getroffen. Er selbst, Anil O., sei damals in salafistischer Kleidung mit zwei vollverschleierten Frauen an der Seite durch die Stadt gelaufen. Yusuf T. habe ihn angesprochen und den Kontakt zur islamistischen Szene gesucht. Schnell habe der Gelsenkirchener sich radikalisiert. Anil. O.: „Erst war ich sein Vorbild, dann sein Konkurrent, dann sein Feind.“

Das passt zu der Lebensgeschichte, die nach dem Tempel-Attentat von der Polizei recherchiert worden war. Yusuf T. ist in Gelsenkirchen geboren, auch seine Mutter kam in Deutschland zur Welt. Als Zehnjähriger kam er 2009 auf ein Gymnasium in Gelsenkirchen, wegen schlechter Leistungen musste er zwei Jahre später auf eine Realschule.

In der Schule Böller gezündet
2014 musste er auch sie verlassen, weil er einen Böller gezündet hatte. Auf der nächsten Schule soll er durch Gewalt, Frauenfeindlichkeit und islamistische Sprüche aufgefallen sein. Er musste erneut gehen.

Das passt zu den Angaben von Anil O., dass er Yusuf T. 2014 als noch nicht radikalisierten 15-Jährigen kennengelernt hatte. Im November 2014 erzählte T. schon, er kenne IS-Mitglieder.

Damals muss es gewesen sein, dass er sich in Solingen mit einer jungen Muslimin nach religiösem Ritus verheiraten ließ. Die junge Hagenerin galt damals ebenfalls als radikalisiert. Am Dienstag vernahm das Gericht sie. Viele der Prozessbeteiligten erwarteten sie mit Vollverschleierung. Doch diesem Klischee entsprach sie nicht. Allerdings betrat sie das Gericht in einem „Tschador“, einer Verschleierung, die das Gesicht frei lässt. Ganz fern der islamistischen Szene scheint sie nicht zu sein.

Die Aussagen des Kronzeugen Anil O. treffen vor allem ihren „Ehemann“ Yusuf T., der sich bemüht, dem Gericht seinen Wandel vom Saulus zum Paulus zu verdeutlichen. Ob er sich nur tarnt, ob die Aussage von Anil O. stimmt?

Aussage führte zur Razzia
Am 15. Februar will das Gericht den Syrien-Rückkehrer in Essen hören. Zur Zeit sitzt er auf Antrag der Generalbundesanwaltschaft wegen des Verdachts der „Mitgliedschaft in einer ausländischen terroristischen Vereinigung“. Vernommen wurde er zu Yussuf T. am 23. Januar durch das LKA-NRW. Seine Aussage hatte Anfang November zur Festnahme von fünf mutmaßlichen IS-Mitgliedern geführt.
Bildunterschrift:
Die junge Zeugin, Ehefrau des 17 Jahre alten Angeklagten Yusuf T., betritt am Dienstag das Landgericht in Essen. Sie macht dort ihre Aussage im Sikh-Prozess.. FOTO: KNUT VAHLENSIECK

WAZ/NRZ, 24.01.2017 Sikhs leiden weiter unter Terroranschlag

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WAZ/NRZ / Essen,Dienstag, 24.01.2017

Sikhs leiden weiter unter Terroranschlag

Gemeindemitglieder besuchten den OB


Der islamistische Terror ist in der Sikh-Gemeinde an der Bersonstraße noch lange nicht verarbeitet, geschweige denn vergessen. Das erfuhren Oberbürgermeister Thomas Kufen und Sozialdezernent Peter Renzel jüngst bei einem Treffen mit Vorstand und Gemeindemitgliedern im Rathaus. Dem OB galt der Dank der Sikhs für die persönliche Unterstützung nach dem Anschlag, der von mehreren jugendlichen Islamisten verübt wurde, die derzeit vor Gericht stehen.

Viele Gemeindemitglieder litten noch immer unter psychischen Nachwirkungen auf Grund des Anschlages vom 16. April 2017, berichtet Renzel im sozialen Netzwerk Facebook. „Ganz besonders trifft dies die Kinder und Eltern.“ Der Tempel, der für die Kinder und Familien immer ein Ort der Ruhe, des Friedens und der Meditation gewesen sei, ist nun ein Ort, an dem ein Terroranschlag stattfand. Angst ist immer noch gegenwärtig.

Der Sozialdezernent bot auch konkrete Hilfe aus seinem Bereich an: „Ich habe den Sikhs angeboten, dass ich sie gemeinsam mit Experten des Jugendamtes einmal besuche und wir miteinander überlegen, wie wir die Kinder und Familien unterstützen und beraten können.“

WAZ/NRZ, 14.01.2017 Im Sikh-Prozess fehlen die Geständnisse

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WAZ/NRZ / Essen,Samstag, 14.01.2017

Im Sikh-Prozess fehlen die Geständnisse

Jede Tötungsabsicht wird von den drei Angeklagten bestritten. Der Gelsenkirchener Yusuf T. hat jetzt über seine Verteidigerin den Vorsitzenden Richter der Jugendstrafkammer als befangen abgelehnt


Von Stefan Wette

Nach seiner Aussage sitzt der 60 Jahre alte Priester der Essener Sikh-Gemeinde vor dem Saal, seine Krücken an der Seite. Noch immer trägt er schwer an den Folgen des Bombenanschlags auf den Tempel seiner Gemeinde im Nordviertel an der Bersonstraße. Physisch wie psychisch hat ihm das Attentat zugesetzt. Er hat den Prozess bislang als Nebenkläger verfolgt, will wissen, warum die drei jugendlichen Angeklagten ausgerechnet seine Gemeinde und ihn als Ziel ausgewählt haben. Aber was er an elf Tagen vor der V. Jugendstrafkammer gehört hat, trug noch nicht zu seinem inneren Frieden bei. „Er hat mir gesagt, dass es ihn traurig stimmt“, sagt Jan Czopka, sein Anwalt.

Unter Ausschluss der Öffentlichkeit tagt das Gericht seit dem 7. Dezember, weil die Angeklagten alle Jugendliche sind. Yusuf T. (17) aus Gelsenkirchen, Mohamad B. (16) aus Essen und Tolga I. (17) aus Schermbeck. Die ersten zehn Tage hatte das Gericht ihnen gewidmet. Sie durften über ihr Leben erzählen und was sie heute von islamistischen Anschlägen halten. Denn auf den IS hatten sie sich berufen, lässt sich ihren WhatsApp-Protokollen entnehmen. „Ungläubige“ sollten sterben, das war laut Anklage ihr Ziel. Tatsächlich wurde ein Blutbad beim Anschlag knapp vermieden. Die indische Hochzeitsgesellschaft, die hinter dem zerstörten Eingang des Tempels gefeiert hatte, war kurz zuvor umgezogen. So traf es vor allem den Priester der Gemeinde, der am Freitag das friedliebende Element seiner Religion betonte.


„Sie reden sich hier
um Kopf und Kragen.“
Birgit Jürgens, Staats-
anwältin, als ihr die
Äußerungen eines Ange-
klagten missfielen.

Zwei Probesprengungen wirft Staatsanwältin Birgit Jürgens den Angeklagten vor – und schließlich die selbst konstruierte Bombe, die sie am 16. April vor dem Sikh-Tempel zündeten. Auf versuchten Mord lautet die Anklage. Mutmaßliche Mittäter, die nur an Probesprengungen beteiligt waren, kassierten an ihren örtlichen Amtsgerichten bereits Haftstrafen, zum Teil über zwei Jahre Gefängnis.

Verteidiger Burkhard Benecken hatte vor dem Essener Prozess erzählt, dass sein Mandant Yusuf T. geläutert sei und gestehen werde. Mag sein, dass der Anwalt dies so wertet. Ein Geständnis im Sinne der Anklage hat aber keiner der Angeklagten abgelegt. Der Borbecker Mohamad B., der auf dem Fahndungsfoto vor dem U-Bahnhof zu sehen ist, sagte aus, er sei stehen geblieben, als er bemerkte, dass die Bombe gezündet werden sollte. Sein Anwalt Victor Berger: „Er betont, dass er keine Tötungsabsicht hatte.“

Angeklagter wollte nur erschrecken
Auch der Schermbecker Tolga I., der sich weiter mit islamistischen Fragen beschäftigen soll, sieht sich in einem Mordprozess fehl am Platz. Er sei ja gar nicht vor Ort gewesen. Und Yusuf T., der auf dem Video der Bombenlegung zu sehen ist, will auch keine Tötungsabsicht gehabt haben, wollte nur erschrecken.

Bei Gericht und Staatsanwaltschaft kommt das nicht gut an. Staatsanwältin Birgit Jürgens warnte schon mal Angeklagte: „Sie reden sich hier um Kopf und Kragen.“ Und Richter Volker Uhlenbrock, Vorsitzender der V. Kammer, hat sich einen Befangenheitsantrag eingehandelt, über den noch nicht entschieden ist. Rechtsanwältin Lena Plato stellte ihn für ihren Mandanten Yusuf T., weil der Richter einen Teil der Aussage knapp mit „Blödsinn“ kommentierte. Seltsam. Sonst sagen Prozessbeteiligte, für Jugendliche formuliere er zu kompliziert.
Bildunterschrift:
Vor Prozessbeginn durften die Journalisten in den Saal. Seitdem tagt die V. Strafkammer mit ihrem Vorsitzenden Richter Volker Uhlenbrock im Prozess um den Bombenanschlag auf den Sikh-Tempel hinter verschlossenen Türen. FOTO: KERSTIN KOKOSKA

WAZ/NRZ, 30.12.2016 16-jährige Islamisten werfen Bombe

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WAZ/NRZ / Essen, Rubrik Das war 2016,Freitag, 30.12.2016

16-jährige Islamisten werfen Bombe

Anschlag auf den Sikh-Tempel im Nordviertel löst weltweit Entsetzen aus


16. April: Dieses Verbrechen geht um die Welt. Selbst die „New York Times“ berichtet darüber in einer Meldung. Zwei Jugendliche verüben mit einer selbst gebauten Rohrbombe einen Sprengstoff-Anschlag auf einen Sikh-Tempel in der Bersonstraße im Nordviertel. Der Tempel ist ein unscheinbares Haus mit schwarzer Kunstschiefer-Fassade. Drei Menschen werden verletzt. Man feierte gerade eine Hochzeit.

Überwachungskameras der Evag am U-Bahnhof Bamlerstraße liefern gestochen scharfe Bilder der beiden Täter, die öffentliche Fahndung dauert nur wenige Tage. Festgenommen werden Yusuf T. und Mohammed B., beide zur Tatzeit 16 Jahre alt. Mohammed B. aus Bergeborbeck war in Essen zu einer Gesamt- und später zu einer Förderschule gegangen, T. kommt aus Gelsenkirchen.

Seine Mutter berichtet Monate später, wie sich Yusuf langsam zum Salafisten entwickelt habe – seine kruden Theorien und Gleichgesinnte fand er im Internet. Mit mehreren hatte man eine „What’s-App“-Gruppe gegründet; Mohammed hatte schon Ende letzten Jahres, nach den Anschlägen von Paris, sein Facebook-Profil mit einer Frankreich-Flagge geschmückt – auf der Trikolore ein Schuhabdruck, als Zeichen der Verachtung gegen die Opfer.

Seit Dezember wird Yusuf, Mohammed und einem dritten Angeklagten der Prozess am Essener Landgericht gemacht. Es sind zahlreiche Verhandlungstage bis Februar angesetzt. Anklage: Mordversuch.
Bildunterschrift:
Am U-Bahnhof gefilmt: die „Tempelbomber“ Yusuf T. und Mohammed B.

WAZ/NRZ, 09.12.2016 Probesprengung: Strafe für 18-Jährigen erhöht

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NRZ / Nordrhein-Westfalen,Freitag, 09.12.2016

Probesprengung für Anschlag in Essen – Haft


Essen. Ein an der Vorbereitung des Bombenanschlags auf das Gebetshaus der Essener Sikh-Gemeinde beteiligter 18-Jähriger ist zu zweieinhalb Jahren Jugendhaft verurteilt worden. Das Essener Landgericht ging gestern in seinem Urteil über das in der ersten Instanz verhängte Strafmaß von zwei Jahren Jugendhaft hinaus. Der 18-Jährige aus Gelsenkirchen soll u. a. beim Bau der Bomben geholfen und die Detonationen später mit seinem Handy gefilmt haben. Nach Angaben eines Gerichtssprechers kamen die Richter zu dem Schluss, dass sich der Angeklagte auch nach seiner Inhaftierung offenbar nicht aus seiner damaligen Gedankenwelt gelöst hat. dpa
Ebenso berichtete die WAZ kurz im überregionalen Teil.


WAZ/NRZ, 08.12.2016 20 Dschihadisten unter Beobachtung

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WAZ/NRZ / Essen,Donnerstag, 08.12.2016

20 Dschihadisten unter Beobachtung

Stadt Essen will Anfang nächsten Jahres das Projekt „Wegweiser“ starten, das junge Muslime vor dem Abdriften in die islamistische Szene bewahren soll


Von Gerd Niewerth

Zuerst schwärmen sie nur vom Propheten Mohammed, dann werben sie in Fußgängerzonen für die islamische Sache, um sich schließlich von falschen Freunden radikalisieren zu lassen. An den Lebensläufen der mutmaßlichen Sikh-Tempelbomber, die seit Mittwoch in Essen vor Gericht stehen, lässt sich ablesen, wie schnell junge Muslime ihren Eltern, Freunden und Lehrern entgleiten und in den Salafismus abdriften. Eine Strömung, die besonders in Essen immer mehr Zulauf findet. Nach Schätzungen der Sicherheitsbehörden gibt es allein in dieser Stadt 100 Muslime, die sich zum Salafismus bekennen.

Weitaus alarmierender ist jedoch die Zahl jener Essener, die von den Behörden als Dschihadisten eingestuft werden. Nach Informationen dieser Zeitung soll es in Essen aktuell 20 solcher Dschihadisten geben: fanatische Gläubige also, die zum bewaffneten Kampf für den Islam und zum Terror bereit sind – auch hierzulande. Dazu passt: Immer häufiger gehen bei der Essener Polizei Hinweise auf mutmaßliche salafistische Aktivitäten ein. Solche Meldungen kommen auch aus Flüchtlingsunterkünften, oft sind die Tipps anonym.


„Wer einmal im Sumpf des
Salafismus steckt, kommt
da nur schwer wieder heraus.“
Alaa El-Sayed, zweiter Vor-
sitzender der Salâhu d-dîn Moschee

Um heranwachsende Muslime vor radikalislamischen Anwerbern in den Moscheen zu schützen und ein Abgleiten in die salafistische Szene zu verhindern, geht Essen zu Beginn des nächsten Jahres mit dem Präventionsprogramm „Wegweiser“ an den Start. Ein Projekt, das quasi auf den Ausstieg schon vor dem Einstieg setzt. Gefördert wird „Wegweiser“ vom Land NRW, die Federführung liegt bei der Stadt. Zwei Sozialarbeiter fungieren als Ansprechpartner für gefährdete junge Muslime. „Islamismus und Salafismus belasten das Integrationsklima auch in unserer Stadt“, sagt Oberbürgermeister Thomas Kufen. „Unsere freiheitliche Gesellschaft garantiert Religionsfreiheit. Jede Form von Gewalt ist völlig inakzeptabel. Der beste Schutz ist nach wie vor die Prävention.“

Nur wenige islamische Gemeinden unterstützen Initiativen wie „Wegweiser“ so vorbehaltlos wie die Salâhu d-dîn Moschee in der II. Schnieringstraße. Deren stellvertretender Vorsitzender Alaa El-Sayed sagt: „Wer einmal im Sumpf des Salafismus steckt, der kommt nur schwer wieder heraus.“

Auch er hat beobachtet, dass die radikalislamische Szene in Essen immer mehr Zulauf hat. „Das hat enorm zugenommen.“ Das von gemäßigten Muslimen, überwiegend Libanesen, geprägte „Islamische Zentrum für das Gemeinwohl“ distanziere sich scharf von jenen Moscheegemeinden in der Stadt, die immer wieder mit salafistischen Aktivitäten in Verbindung gebracht werden.

Dabei seien die Moscheen selten der Ort, an dem Hasspredigten gehalten würden. „Die Moschee dient allenfalls als Treffpunkt und als Ort zum Kennenlernen, die eigentliche Radikalisierung findet für gewöhnlich in Privatwohnungen statt“, berichtet El-Sayed. Oft seien Pseudogelehrte unterwegs, um ihre Hassbotschaften unter die Leute zu bringen.

In der II. Schnieringstraße, das stellt der Moschee-Sprecher klar, seien Islamisten und Fanatiker unerwünscht. „Wir gehen restriktiv vor und erteilen solchen Leuten Hausverbote.“


Verfassungsschutz: 620 gewaltbereite Salafisten in NRW

  • Der NRW-Verfassungsschutz hat von bundesweit 8500 Salafisten etwa 2700 unter Beobachtung (Stand April 2016). Das sind rund 700 mehr als 2015. Besonders hoch ist der Anteil der gewaltbereiten Salafisten.
  • In Deutschland gelten rund 1200 Salafisten als gewaltbereit, davon 620 in NRW. Etwa ein Drittel von ihnen wird als Gefährder eingestuft, denen zugetraut wird, dass sie eine schwere Straftat begehen.
 
Bildunterschrift:
Die mutmaßlichen Tempelbomber Yusuf T. (li.) und Mohammed B. wurden in Tatortnähe gefilmt. Zuvor sollen sie die Assalam-Moschee aufgesucht haben, direkt neben dem Sikh-Tempel befindet sich die Al-Faruk-Moschee. FOTO: POLIZEI ESSEN

WAZ, 08.12.2016 Justiz vergisst den „Tempelbomber“

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WAZ / Rhein-Ruhr (Mantel),Donnerstag, 08.12.2016

Justiz vergisst den „Tempelbomber“

Gefangener wird mit drei Stunden Verspätung zum Prozess in Essen gebracht. Dort geht es um den Sprengstoffanschlag auf ein Sikh-Gotteshaus


Von Stefan Wette

Essen. Die Weltpresse blickt aufs Landgericht Essen. Nur die Justizvollzugsanstalt Heinsberg hat davon nichts mitbekommen und es offenbar vergessen, einen der Angeklagten zum Prozess um den Bombenanschlag auf einen Essener Sikh-Tempel zu bringen. So verzögert sich der Auftakt des Verfahrens um drei Stunden. Erst um zwölf Uhr eröffnet es Richter Volker Uhlenbrock vor der V. Jugendstrafkammer.

Auf versuchten Mord lautet die Anklage gegen die drei Jugendlichen, die sich laut Staatsanwaltschaft zusammengeschlossen hatten, um „Ungläubige“ mit Sprengstoffanschlägen zu töten. Der Gelsenkirchener Yusuf T. (17), der Essener Mohamad B. (16) und der Schermbecker Tolga I. (17) sollen die Tat gemeinsam geplant haben.

Im Feuerlöscher verborgen
Am 16. April explodierte der selbstgebastelte und in einem Feuerlöscher verborgene Sprengsatz vor dem Tempel. Der Priester der Gemeinde wurde dabei schwer verletzt, mehrere andere Besucher leicht. Wenige Minuten zuvor hatte dort noch eine indische Hochzeitsgesellschaft gefeiert.

Unter Ausschluss der Öffentlichkeit läuft das Verfahren vor der Strafkammer, weil alle Angeklagten unter 18 Jahre alt sind. Das Essener Landgericht ist bemüht, die Verhandlung als ganz normalen Jugendstrafprozess darzustellen. Es will auch keine größeren Informationen über den Prozessverlauf mitteilen.

Die Anzahl der TV- und Fotokameras auf dem engen Flur vor Saal 386a widerspricht dem Eindruck eines „ganz normalen“ Verfahrens allerdings gewaltig. Interviews werden gegeben, Zeit genug ist dafür ja wegen der Verzögerung. Verteidiger Burkhard Benecken erzählt in die Kameras, dass seinem Mandanten Yusuf T. die Abkehr vom gewalttätigen Islam gelungen sei: „Ich würde sagen, er ist auch reumütig.“

Allerdings ist es mit der Schuldzuweisung nicht ganz eindeutig, wenn man Benecken folgt. Denn: „Der Staat hat zugeschaut“, sagt er und meint damit, dass alle Angeklagten in staatlichen Aussteigerprogrammen waren, nachdem ihre Mütter den Verdacht auf islamistische Tendenzen den Behörden gemeldet hatten.

„Aufklärung“ erhofft sich Jan Czopka, Nebenklageanwalt für den verletzten Priester der Sikh-Gemeinde, von dem Verfahren. Sein Mandant wolle wissen, aus welchen Gründen der Anschlag geplant und ausgeführt worden sei. Physisch sei der Priester wieder gesund, psychisch sei das weit schwieriger.

Großer Sicherheitsaufwand
Viel Bewachungspersonal hat das Gericht aufgeboten. Das gilt wohl weniger einem Befreiungsversuch durch islamistische Terroristen, denn schusssichere Westen sind am Körper der Justizwachtmeister nicht zu erkennen. Die Ermittlungen hatten auch keine Verbindung zu übergeordneten Terrororganisationen ergeben. So hat die Bundesanwaltschaft auch die Übernahme des Verfahrens abgelehnt, obwohl die Essener Staatsanwaltschaft dies zweimal angeregt hatte. Offenbar dient der Sicherheitsaufwand vor dem Saal nur dazu, die Medien abzuwehren.

Auf dem Flur steht ein massiger, bärtiger Mann. Er stellt sich als Bernhard Falk vor, der in den 90er-Jahren als Mitglied der Antiimperialistischen Zelle (AIZ) wegen diverser Bombenanschläge vom Oberlandesgericht Düsseldorf zu 13 Jahren Haft verurteilt wurde. Vor mehreren Jahren ist er zum Islam gewechselt, nennt sich „Bruder Falk“ oder „Muntasir bi-Ilah“. Eine US-feindliche Weltsicht wird ihn begleitet haben.

Unter seinem Namen betreibt er die „Islamische Gefangenenhilfe“. Zu den Essener Tempelbombern habe er aber keine Kontakte, versichert er der WAZ. Er schaue sich lediglich aus Interesse die Prozesse an. Er wolle mit Anwälten ins Gespräch kommen.


Urteil soll Ende Januar verkündet werden

  • Eine umfangreiche Beweisaufnahme plant das Gericht, das 22 Prozesstage angesetzt hat. Der erste Verhandlungstag hat mit dem Lebenslauf eines Angeklagten begonnen.
  • Ein Urteil soll am 27. Januar verkündet werden.
 
Bildunterschrift:
  • Im Eingangsbereich des Tempels der Sikh-Gemeinde zündete der Sprengsatz. Mehrere Menschen wurden verletzt, FOTO: KDF-TV & PICTURE
  • Steht im Mittelpunkt des Interesses: Die Essener Jugendstrafkammer mit ihrem Vorsitzenden Richter Volker Uhlenbrock (Mitte). FOTO: KERSTIN KOKOSKA
Ebenso berichtete die NRZ kürzer und die WAZ kündigte es auf der Titelseite an. (die anderen Artikel anzeigen)


WAZ, 01.12.2016 Verdacht: Attentat auf Kinder geplant

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WAZ / Titelseite (Mantel),Donnerstag, 01.12.2016

Verdacht: Attentat auf Kinder geplant


Essen. Eine Woche vor dem Prozessauftakt um den Anschlag auf einen Essener Sikh-Tempel ist ein im Gefängnis beschlagnahmter Brief bekannt geworden. Darin spricht ein 18-jähriger Gelsenkirchener von möglichen Attentaten auf Kinder. Allerdings kleidet der mutmaßliche Islamist die Ideen in Fragen nach der religiösen Berechtigung dieser Anschläge, die er dem ebenfalls inhaftierten 17 Jahre alten Anführer der Gruppe stellt.

Bei dem Anschlag auf den Tempel der Sikh-Gemeinde waren am 16. April drei Menschen verletzt worden. Den drei 16 bis 17 Jahre alten Hauptverdächtigen wird versuchter Mord vorgeworfen. Die von der Staatsanwaltschaft Essen angeregte Übernahme der Ermittlungen als Staatsschutzdelikt hatte die Bundesanwaltschaft abgelehnt. Das Landgericht Essen, das wegen des Alters der Angeklagten nicht öffentlich verhandeln wird, hat 22 Prozesstage angesetzt. -ette

WAZ, 01.12.2016 Zwischen Reue und Wahnsinn

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WAZ / Rhein-Ruhr (Mantel),Donnerstag, 01.12.2016

Zwischen Reue und Wahnsinn

Der Anführer der Tempelbomber entschuldigt sich und bietet Schmerzensgeld an. Ein Anhänger jedoch fragt ihn, ob man Kinder mit vergiftetem Eis töten dürfe


Von Stefan Wette

Essen. Knallharte Islamisten oder doch eher verwirrte Jugendliche, die den starken Mann mimen? Diese Frage muss die V. Essener Jugendstrafkammer ab dem 7. Dezember beantworten, wenn der Prozess gegen Yusuf T. (17) aus Gelsenkirchen, Mohamad B. (16) aus Essen und Tolga I. (17) aus Schermbeck beginnt. Sie müssen sich für den Sprengstoffanschlag auf den Essener Sikh-Tempel am 16. April 2016 verantworten. Die Anklage lautet auf versuchten Mord – heimtückisch und aus niedrigen Beweggründen.

Vor dem Eingang des Sikh-Tempels hatten laut Anklage zwei Jugendliche aus der Gruppe, Yusuf T. und Mohamad B., einen in einem Feuerlöscher versteckten Sprengsatz abgelegt und zur Detonation gebracht. Videos aus Überwachungskameras zeigen, dass sie selbst fast getroffen worden wären. Tatsächlich verletzten sie drei Menschen, den Priester der Gemeinde sogar schwer. Zum Glück waren die meisten Besucher gerade an einen weiter entfernten Ort des Tempels umgezogen. Sonst hätte es ein Blutbad geben können.

Es war eine größere Gruppe junger Muslime, die sich seit 2015 über Chatgruppen gegenseitig aufgestachelt hatte. Nur dem Trio legt die Staatsanwaltschaft den Anschlag zur Last. Aber parallel läuft seit Montag ein Berufungsprozess gegen einen 18-jährigen Gelsenkirchener, der „nur“ an Probesprengungen teilnahm. Zwei Jahre Jugendstrafe ohne Bewährung hatte er am Amtsgericht Gelsenkirchen bekommen. Dass ihm die Bewährung versagt wurde, lag vor allem an einem Brief, den er im Gefängnis geschrieben haben soll. Die Zeilen wirken nicht, als ob er sich von der Islamistenszene getrennt habe.


„Darf man gezielt
auch Kinder töten?“
Angeklagter, 18 Jahre
alt, in einer beschlag-
nahmten Knastbotschaft

Gerichtet war das Schreiben an Yusuf T., den er als Chef der Gruppe anerkannte – und als religiösen Ratgeber. Immerhin hatte sich Yusuf T. vor dem Anschlag das Recht herausgenommen, in Hannover jugendliche Muslime zu trauen. Er musste also Ahnung haben, auch wenn er erst 16 Jahre alt war.

Und so stellt der 18-Jährige Fragen zur religiösen Rechtfertigung möglicher Terroranschläge, auf die Yusuf T. antwortet. „Darf man gezielt auch Kinder töten?“, fragt der Gelsenkirchener. Und konkreter: „Ich verkaufe Eis an viele Kinder. Dürfte ich nach der Scharia das Eis mit Arsen oder Warfarin würzen oder besser Strychnin, um damit Kinder zu töten?“ Warfarin ist ein Blutverdünner, der auch als Rattengift eingesetzt wird. Dann fragt er, ob er mit dem Eiswagen anschließend in einen Kindergarten rasen dürfe – als Selbstmordattentäter.

Aus der beschlagnahmten Gefängnisbotschaft hat am Mittwoch erstmals die Bild-Zeitung zitiert, die daraus einen konkreten Anschlagsplan ableitete. Die Ermittler haben das Schreiben bislang anders gewertet. Staatsanwältin Birgit Jürgens teilt mit, dass der Brief bislang kein Anlass gewesen sei, gegen den 18-Jährigen ein neues Ermittlungsverfahren einzuleiten.

Tötung der „ungläubigen Mutter“
Obwohl der 18-Jährige sogar von der Tötung seiner „ungläubigen Mutter“ sprach, sei es eher Ausdruck eines verwirrten Jugendlichen, sagt ein Rechtsanwalt, der den Brief kennt. Die Zitate seien aus dem Zusammenhang gerissen. Ein anderer Anwalt spricht von „Kinderwahnsinn“. Für die Ermittler war bislang vor allem interessant, wie Yusuf T. auf das islamistisch geprägte Schreiben reagiert. Denn der mutmaßliche Anführer der Gruppe gibt sich vor Prozessbeginn reumütig. Sein Anwalt Burkhard Benecken betont, der Mandant sei durch die U-Haft stark beeindruckt. Er habe sich von der Salafistenszene losgesagt.

Auf Strafmilderung setzt der Anwalt. Gegenüber der WAZ erklärt er, dass sich Yusuf T. schriftlich bei der Sikh-Gemeinde entschuldigt habe. Dies solle im Prozess auch persönlich erfolgen. Außerdem biete er dem schwer verletzten Priester ein Schmerzensgeld an.

Mit Reue und Abkehr von der Szene ist zumindest ein weiterer Mittäter, der an Probesprengungen beteiligt war, gut gefahren. Ihm hatte das Amtsgericht Münster am 29. Juli die Umkehr abgenommen und Bewährung gewährt.


Schulrüpel, die an die Tränen der Eltern denken

  • An 22 Prozesstagen will das Landgericht Essen ab dem 7. Dezember den Anschlag auf den Sikh-Tempel aufklären. Dabei wird es sich ein Bild von der Zerrissenheit der jugendlichen Angeklagten machen.
  • Sie sind in Deutschland geboren und fielen als Rüpel in der Schule auf. Einige von ihnen wurden von den Eltern angezeigt. Aber auch die Angeklagten sorgten sich in Chats nach dem Anschlag um die Tränen ihrer Eltern.
 
Bildunterschrift:
  • Der Sprengsatz, versteckt in einem Feuerlöscher, stand am Eingang des Essener Sikh-Tempels. Bei der Explosion wurden drei Menschen zum Teil schwer verletzt. FOTO: KDF-TV & PICTURE
  • Das Bild zeigt zwei Verdächtige auf dem Weg zum Tempel. FOTO: POLIZEI ESSEN>
Auch die NRZ berichtete im überregionalen Teil, allerdings kürzer.


WAZ, 29.11.2016 Tempelbomber: Prozess ohne Öffentlichkeit

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WAZ / Rhein-Ruhr (Mantel),Dienstag, 29.11.2016

Tempelbomber: Prozess ohne Öffentlichkeit

Berufung. In erster Instanz verurteilt


Von Stefan Wette

Essen. Unter strengen Sicherheitsvorkehrungen hat Montag der Berufungsprozess gegen einen 18 Jahre alten Gelsenkirchener begonnen. Er soll zu der Gruppe der Tempelbomber gehören, die am 16. April einen Sprengstoffanschlag auf einen Sikh-Tempel in Essen verübt haben soll.

Mehrere Justizwachtmeister sichern den Saal, in dem die III. Essener Jugendstrafkammer gegen den 18-Jährigen verhandelt. In erster Instanz war er am 21. September zu zwei Jahren Jugendstrafe verurteilt worden, Bewährung hatte ihm das Jugendschöffengericht Gelsenkirchen nicht gewährt. Laut Urteil war er am eigentlichen Anschlag nicht beteiligt, hatte aber an zwei Probesprengungen teilgenommen. Dies wertete das Gericht als Vorbereitung einer schweren staatsgefährdenden Gewalttat.

Verhandelt wird unter Ausschluss der Öffentlichkeit, weil der Angeklagte zur Tatzeit minderjährig war. Das Essener Landgericht lehnt es aber auch ab, über den Verlauf des Prozesses zu informieren. Wie die WAZ erfuhr, hat der Angeklagte gestanden, in der Nähe der Probesprengungen gewesen zu sein. Er sei aber nicht in die Technik des Sprengens eingewiesen worden. Gegen die mutmaßlichen drei Haupttäter wird der Prozess am 7. Dezember beginnen.

WAZ/NRZ, 21.10.2016 Prozess gegen Tempelbomber wegen versuchten Mordes

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WAZ/NRZ / Essen,Freitag, 21.10.2016

Prozess gegen Tempelbomber wegen versuchten Mordes

Teenager-Trio muss sich ab dem 7. Dezember verantworten


Knapp acht Monate nach dem Rohrbombenschlag auf den Sikh-Tempel hat die Jugendkammer des Landgerichts das Hauptverfahren eröffnet. Die nicht-öffentliche Hauptverhandlung gegen die drei Teenager beginnt am 7. Dezember um 9 Uhr. Weitere 21 Termine sind anberaumt.

Mohammed B. aus Essen und Yusuf T. aus Gelsenkirchen waren zum Zeitpunkt der Tat erst 16 Jahre alt, der mitangeklagte Tolga I. aus Schermbeck 17. Die Staatsanwaltschaft Essen wirft dem Tempelbomber-Trio in der Anklageschrift „versuchten Mord in Tateinheit mit gefährlicher Körperverletzung, das Herbeiführen einer Explosion und gemeinschädliche Sachbeschädigung“ vor. Als Mordmerkmale nennt die Anklage „Heimtücke“ und „niedrige Beweggründe“.

Die Tat: Mohammed B. und Yusuf T. sollen am 16. April, einem Samstagnachmittag, einen mit Sprengstoff gefüllten Feuerlöscher am Eingang des Gebetshauses auf der Bersonstraße gezündet haben. Tolga I. soll an der Planung und Vorbereitung beteiligt gewesen sein. Ein Priester der Sikh-Gemeinde, die gerade eine Hochzeit feierte, hat durch die Explosion Brandverletzungen und einen Knochenbruch am Fuß erlitten. Zwei weitere Gemeindemitglieder zogen sich Schnittwunden zu. Die Chemikalien für den Sprengstoff soll Yusuf T. bei einem Internet-Versand bestellt haben.

Kennengelernt hatten sich die Angeklagten - allesamt Salafisten – offenbar über soziale Netzwerke. In einer Whatsapp-Gruppe sollen sie mit anderen Jugendlichen geplant haben, „Kuffar“ – Ungläubige – zu töten. ni
Bildunterschrift:
Die mutmaßlichen Tempelbomber kurz vor der Tat FOTO: POLIZEI ESSEN
Zusätzlich haben die WAZ/NRZ auch im überregionalen Teil auf den Prozessbeginn hingewiesen.


WAZ, 13.10.2016 Leserbrief Beigeschmack

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WAZ / Essen, Rubrik Leserforum,Donnerstag, 13.10.2016

Beigeschmack


Mutter des Tempelbombers. Es hat einen faden Beigeschmack, wenn kurz nach diesem Gewaltakt die Mutter des Täters bereits damit beschäftigt ist, ein Buch herauszubringen. Es erweckt den Anschein, als wenn sie mit der kriminellen Energie ihres Sohnes noch Geld verdienen möchte. Sinn würde es machen, wenn der Verkaufserlös des Buches den Opfern zu Gute kommen würde.
Elvira Windisch, Velbert

WAZ/NRZ, 12.10.2016 Keine Bewährung für Tempelbomber

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WAZ / Rhein-Ruhr (Mantelteil),Mittwoch, 12.10.2016

Keine Bewährung für Tempelbomber

18-Jähriger war bei Probesprengung dabei


Von Von Stefan Wette

Gelsenkirchen. Ein 18-jähriger Gelsenkirchener soll zwei Jahre in Haft, weil er an den Vorbereitungen des Anschlags auf den Essener Sikh- Tempel beteiligt war. Das Urteil ist noch nicht rechtskräftig, er bleibt vorerst in U-Haft, entschied das Jugendschöffengericht Gelsenkirchen in nichtöffentlicher Sitzung.

Die Hauptangeklagten für den Sprengstoffanschlag, drei islamistisch geprägte 16- bis 17-Jährige aus Essen, Gelsenkirchen und Schermbeck, müssen sich ab dem 7. Dezember vor dem Landgericht Essen verantworten. Bei der Explosion am 16. April war der Priester der Gemeinde schwer verletzt worden. Das Trio war über Chat-Gruppen mit anderen Jugendlichen verbunden. Einen 20-Jährigen, der an einer Probesprengung teilgenommen hatte, verurteilte das Amtsgericht Münster am 29. Juli zu einer Bewährungsstrafe.

Das Verfahren gegen den Gelsenkirchener, der an zwei Probesprengungen beteiligt war, lief vor zwei Wochen – unbemerkt von den Medien. Eine Bewährung, die Verteidiger Bernd Kachur beantragt hatte, gewährte das Amtsgericht Gelsenkirchen nicht. Es blieb unter dem Antrag der Staatsanwaltschaft, die zwei Jahre und neun Monate Haft wollte. Beide haben Berufung eingelegt. Verurteilt wurde der 18-Jährige wegen Vorbereitung einer schweren staatsgefährdenden Gewalttat, Umgangs mit explosiven Stoffen und Belohnung von Straftaten.
Fast wortgleich berichtete auch die NRZ.


WAZ/NRZ, 06.10.2016 Tempelbomber: Mutter schreibt über Yusuf T.

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WAZ/NRZ / Essen,Donnerstag, 06.10.2016

Tempelbomber: Mutter schreibt über Yusuf T.

Buch erscheint an diesem Donnerstag


Von Gerd Niewerth

Die Tat ist monströs und das Vorgehen der Mutter recht ungewöhnlich: Der 16 Jahre alte Yusuf T. aus Gelsenkirchen soll am 16. April zusammen mit dem Essener Mohammed B. einen Sprengsatz gegen den Sikh-Tempel geschleudert haben. Noch vor Prozessbeginn am 7. Dezember in Essen hat Yusufs Mutter Neriman Yaman jetzt ein Buch veröffentlicht. Es erscheint an diesem Donnerstag, trägt den Titel „Mein Sohn, der Salafist“ und beschreibt, wie sich der Teenager in einen gefährlichen Salafisten verwandelt hat Die 37-jährige Gelsenkirchenerin gesteht eigene Versäumnisse ein, schildert aber zugleich wie hilflos sie der Radikalisierung des Kindes gegenübergestanden habe. Auch Polizei und Moscheen, Schulen und Ämter hätten nicht verhindern können, dass er ihr entglitten sei. Nach Yusufs Geständnis hofft die Mutter nun, dass sich der 16-Jährige endgültig vom Salafismus lossagt. Er bereue die Tat und absolviere während der Haft eine Industriemechaniker-Lehre. Sie selbst beabsichtige, in Schulen zu gehen und über die Salafismus-Gefahr zu informieren. Berichte Seite 4

WAZ/NRZ, 06.10.2016 Mutter des Tempelbombers bricht ihr Schweigen

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WAZ/NRZ / Essen, Rubrik Essener Sikh-Anschlag: Die Hintergründe,Donnerstag, 06.10.2016

Mutter des Tempelbombers bricht ihr Schweigen

Neriman Yamans Sohn Yusuf soll eine Rohrbombe gegen den indischen Tempel geschleudert haben. Im Buch „Mein Sohn, der Salafist“ berichtet sie jetzt, wie sich der Teenager radikalisierte und ihr entglitt


Von Gerd Niewerth

Es ist ein Verbrechen, das am 16. April auf der Bersonstraße in Nordviertel passiert und der New York Times eine Meldung auf der Titelseite wert ist: der Bomben-Anschlag auf den Sikh-Tempel. Eine heimtückische Tat, bei der drei Gäste einer Hochzeitsgesellschaft verletzt werden – mutmaßlich verübt von zwei erst 16 Jahre alten Salafisten: Mohammed B. aus Bergeborbeck und Yusuf T. aus Gelsenkirchen. Ein halbes Jahr später legt Yusufs Mutter Neriman Yaman auf 256 Buchseiten Rechenschaft ab. „Mein Sohn, der Salafist“ heißt der Band (mvg-Verlag, 19,99 Euro), der heute in den Handel kommt. Es ist der erschütternde Versuch zu ergründen, wie sich Teenager im Namen Allahs radikalisieren und sich aus ihren Kinderzimmern heraus – zwischen Spielkonsole und Smartphone – in unberechenbare Monster verwandeln. Ein Buch, das viele Fragen beantwortet, aber noch mehr aufwirft.

Die Ückendorfer Straße im gleichnamigen Gelsenkirchener Stadtteil: eine alte Zechenkolonie, in der Straßen „Flöz Dickebank“ heißen. Ein Problem-Kiez mit hohem Ausländeranteil. Hier lebt Neriman Yaman – es ist ihr Mädchenname – mit Ehemann Hüseyin und der ältesten Tochter Büsra. Die Dachgeschosswohnung in dem bald 150 Jahre alten, gelb getünchten Zechenhaus ist geräumig, in der Parterrewohnung leben ihre Eltern und im Gründerzeithaus nebenan befindet sich ihr verwaister „Yaman Market 2“. Die Yamans – sie stehen für vier Generationen Einwanderung aus der Türkei.

Noch bis vor einem Monat war das Zimmer des in der JVA Iserlohn einsitzenden Tempelbombers zugeschlossen. Und im selben beklemmenden Zustand wie am Tag der Tat. „Es war ein Alptraum“, sagt die 37-Jährige, eine gelernte Verkäuferin. Jetzt sitzt sie auf dem nagelneuen Bett und mustert den komplett renovierten Raum. „Ich habe alles weggeschmissen, seine Couch, den Teppich, die Schrankwand.“ Alles, was an die bedrückende Zeit erinnert, in der sich Yusuf hier Pierre-Vogel-Videos und die abstrusen Tiraden von Hasspredigern gegen die Kuffar, die „Ungläubigen“, reinzieht. In der er sich konspirativ mit Komplizen aus seiner Whatsapp-Gruppe – Mohammed B. aus Essen und Tolga I. aus Schermbeck, – trifft. Erst recht erinnert es an jenen verhängnisvollen Samstag, an dem er hier den womöglich bei Amazon bestellten Sprengstoff in seinem Rucksack verstaut haben könnte.

Gläubig, aber nicht streng religiös
Heute dominieren warme Töne den Raum, Teppiche und Gardinen sind aus hellem und dunklen Braun. „In dem neuen Zimmer soll er ein neues Leben anfangen und sich wohlfühlen“, hofft die Mutter. Aufs Sideboard hat sie gerahmte Fotos gestellt, die den 15-jährigen Teenager mit lockigem Haar zeigen. Daneben ein selbst gezeichnetes Babybildnis. Ihr Großvater legte Anfang der 60er in Gelsenkirchen als Bergmann an, auch ihr Vater schuftete Untertage. Neriman Yamans Leben handelt von der Sehnsucht nach Aufstieg, vom Streben nach Wohlstand und Bildung. Eine fleißige Familie, die sich als gläubig bezeichnet – „aber nicht streng religiös“.


„Es war ein Alp-
traum. Da habe ich
alles weggeschmis-
sen: Couch, Teppich,
Schrankwand.“
Neriman Yaman,
Mutter und Autorin

Yusuf und Büsra sind ihr Sonnenschein, doch schon früh legt sich ein Schatten auf das Leben des Jungen: Er leidet unter ADHS, dem Zappelphilipp-Syndrom. Ein aufgeweckter Junge, der zwar gute Noten nach Hause bringt, aber ständig den Unterricht stört. 2013 muss er auf die Lessing-Realschule wechseln. Er beginnt sich für Gangsta-Rap zu interessieren, raucht Shisha.

Dass sich der Junge allmählich zum Salafisten entwickelt, diesen fatalen Wendepunkt bemerken die Eltern viel zu spät. Zunächst beobachten sie seinen Wandel mit einer Mischung aus Naivität und Vertrauen. „Er war 14 und interessierte sich für Pierre Vogel“, erinnert sich die Mutter. „Einmal sind wir sogar mit Yusuf zu einer Pierre-Vogel-Veranstaltung nach Dortmund gefahren und haben Kuchen verteilt.“ Auch die Kleidung ändert sich jetzt. Neuerdings trägt der „Bekehrte“ den Qamis, ein langes Gewand. Er hört den Koran, liest und betet. An Lies-Ständen in Essen und Gelsenkirchen verteilt er mit dem Salafistenprediger Abou Nagie eifrig den Koran. Auch von älteren Brüdern in Duisburg habe er berichtet, darunter der Reisebüro-Inhaber Hasan C.. Ein selbsternannter Imam, der unter dem Verdacht steht, junge Muslime in den Dschihad nach Syrien und in den Irak zu schicken.

Heirat mit Burka-Mädchen Serap
Die Eltern sehen mit Entsetzen, wie sich ihr Junge radikalisiert – und ihnen entgleitet wie ein Ertrinkender. „Ich habe 30 Moscheen in der Umgebung um Hilfe gebeten, aber keiner konnte mir helfen.“ Eines Tages versprüht Yusuf Reizgas an der Lessingschule und „fliegt“. Auch an der neuen Schule, der Gertrud-Bäumer-Realschule, kommt es zum Eklat. Als er einer jüdischen Mitschülerin androht, ihr das Genick zu brechen, fängt er sich einen Schulverweis ein. „Diese zehn Monate haben ihn wohl noch schlimmer gemacht.“


Trotz der schreck-
lichen Tat: Yusuf
bleibt mein Sohn.
Mein Kind, das ich
über alles liebe. “
Neriman Yaman,
Buchzitat

Hilfe scheint nun endlich das „Wegweiser“-Projekt, ein Aussteiger-Programm für Salafisten, zu bringen. Doch quasi unter den Augen der Behörden schreitet Yusufs unheilvolle Verstrickung weiter voran. Im Mai 2015 nimmt sie sogar groteske Züge an, als der 15-Jährige die gleichaltrige Salafistin Serap aus Hagen heiratet. Eine Teenie-Ehe, die ein Konvertit in einer Solinger Moschee schließt - und die hierzulande ungültig ist. Neriman Yaman zückt ihr Handy und zeigt Fotos von Yusuf mit der Braut im Burka-Look. „Es passierte an Muttertag, ein grauenhafter Tag.“

Neriman Yaman fühlt sich mitschuldig an der Radikalisierung ihres Sohnes. Sie macht sich Selbstvorwürfe – und leidet unter ihrer Ohnmacht. „Ich habe mit Imamen und Psychologen gesprochen, mit der Polizei und den Wegweisern. Aber niemand konnte etwas tun, niemand konnte helfen.“

Im November 2015 drückt Yusuf nach langer Pause wieder die Schulbank. Doch längst hat er andere Dinge im Kopf: zum Beispiel die selbstgebastelte Bombe. Als Yusuf, Tolga und Mohammed im Ückendorfer Kinderzimmer die Köpfe zusammenstecken, hört die Mutter sie lachen. Sie sieht die Katastrophe kommen und beginnt nun auf eigene Kosten eine private Ausbildung zur Psychologischen Beraterin – „um meinen Jungen aus dem Sumpf herauszubekommen.“ Doch zu spät, um den Anschlag zu verhindern. Als sie am Montag, dem 18. April, zum dritten Ausbildungsabend aufbrechen will, legt Yusuf unter Tränen ein Geständnis ab. „Mama, das haben wir gemacht.“ Tags darauf stellt er sich bei der Polizei in Gelsenkirchen.


Prozess beginnt am 7. Dezember in Essen

Anklage lautet auf versuchten Mord

Von Gerd Niewerth

Für die juristische Aufarbeitung des Essener Sikh-Tempelanschlags wird die 5. Jugendstrafkammer des Landgerichts Essen zuständig sein. Der Prozess beginnt am 7. Dezember – unter Ausschluss der Öffentlichkeit.

Drei junge Männer im Alter von 16 und 17 Jahren sind angeklagt: Yusuf T., Tolga I. und Mohammed B.. Zusammen mit anderen jungen Menschen hatten sich die Drei in sozialen Medien und in einer Chatgruppe bei Whatsapp („Unterstützter des Islamischen Kalifats“) zusammengeschlossen. Die Anklage lautet auf versuchten Mord.

Ursprünglich sollte der Prozess schon im Oktober beginnen. Doch weil die Kinder- und Jugendpsychiater nicht genügend Zeit hatten, um die drei Angeklagten zu begutachten, musste der Prozess verschoben werden. Bereits Ende Juli hat das Amtsgericht Münster den 20 Jahre alten Hilmi T. zu 20 Monaten Jugendhaft auf Bewährung und 100 Sozialstunden verurteilt. Hilmi T. gehörte ebenfalls der Gruppe an, die den Sprengstoffanschlag in Essen geplant hat. An der Tat selbst war er aber nicht beteiligt. Seine Festnahme war schon am 27. März nahe Hildesheim erfolgt. Im Gerichtssaal trat Hilmi T. vermummt auf – ähnlich wie ein IS-Terrorist. Das Gericht hielt es für glaubhaft, dass der geständige 20-Jährige die gewaltbereite Salafistenszene verlassen möchte.


Couragierte und verzweifelte Mütter schalten Polizei ein

Yusuf, Tolga und Hilmi sind drei junge Männer, deren Verwicklung in den Tempelanschlag bemerkenswerte Parallelen aufweist. Es sind ihre Mütter, die in einer Mischung aus Verzweiflung und Vorsicht den Kontakt zu den Strafverfolgungsbehörden gesucht haben. Tolgas Mutter lebt in Schermbeck, ist von Beruf Lehrerin. Ihr war eine Kladde mit handschriftlichen Aufzeichnungen des Sohnes in die Hände gefallen, der darin ankündigte „Ungläubige“ töten zu wollen. Daraufhin schaltete sie die Polizei ein, die dafür sorgte, dass sein Pass eingezogen wurde.

Hilmi T.’s Mutter wandte sich am 25. März an die Polizei in Münster. Sie befürchtete, ihr Sohn werde nach Syrien ausreisen und sich dem so genannten Islamischen Staat anschließen. Das Amtsgericht erließ Haftbefehl. Bei der Festnahme führte Hilmi T. ein verbotenes Springmesser mit sich. Die Auswertung seines Computers und Mobiltelefons hätten Hinweise auf eine radikalislamische Einstellung ergeben, so die Staatsanwaltschaft.
Bildunterschrift:
  • Neriman Yaman hat die alten Möbel weggeworfen und Yusufs Zimmer neu gestaltet. Eines Tages, so hofft sie, könnte er hier ein neues Leben beginnen. FOTO: KERSTIN KOKOSKA
  • Die mutmaßlichen Tempelbomber Yusuf T. (li.) und Mohammed B. wurden in Tatortnähe gefilmt. Im Rucksack soll sich die Bombe befunden haben. FOTO: POLIZEI ESSEN
  • Ein Schock: An Muttertag 2015 erfährt Neriman Yaman, dass Yusuf eine Salafistin geheiratet hat. Die 15-Jährige trägt Burka. FOTO: KERSTIN KOKOSKA
  • Sah die Katastrophe kommen: Neriman Yaman. FOTO: KERSTIN KOKOSKA
  • Zu 20 Monaten Jugendstrafe wurde Hilmi T. verurteilt. FOTO: JOACHIM KLEINE-BÜNING

WAZ, 30.07.2016 Ein Islamist will umkehren

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WAZ / Rhein-Ruhr (Manteilteil),Samstag, 30.07.2016

Ein Islamist will umkehren

Ein 20-Jähriger aus Münster gehörte zu der Essener Tempelbomber-Gruppe. Jetzt plant er den Ausstieg. Und das Gericht gibt ihm eine Bewährungschance


Von Stefan Wette

Münster. So, wie Hilmi T. den Saal im Amtsgericht Münster betritt, erinnert er sofort an einen zu Attentaten bereiten Islamisten. Vermummt mit einem Schal um den Kopf ähnelt er IS-Terroristen aus Bekennervideos. Aber das Gericht glaubt dem 20-Jährigen, dass er die gewaltbereite Szene verlassen will, obwohl er zu der Gruppe gehörte, die den Sprengstoffanschlag auf den Essener Sikh-Tempel geplant hatte. Es verurteilt ihn zu einem Jahr und acht Monaten Jugendstrafe auf Bewährung, außerdem muss er 100 Sozialstunden leisten und sich dem Aussteigerprogramm für Islamisten anschließen.

Hilmi T. saß in Untersuchungshaft
„Er wird an einer engen Leine geführt werden“, erläutert seine Verteidigerin Iris Grohmann die gesamten Bewährungsauflagen für den Deutsch-Türken aus Münster. „Es ist zu hoffen, dass er diese Chance nutzt“, fügt sie hinzu.

An dem Essener Anschlag vom 16. April war Hilmi T. gar nicht beteiligt. Sein Alibi: Er saß in Untersuchungshaft, weil seine Mutter sich kurz zuvor bei der Polizei gemeldet hatte. Denn sie befürchtete, ihr Sohn werde sich nach Syrien absetzen und dort dem IS beitreten. So nahm die Polizei ihn am 27. März in der Nähe von Hildesheim fest. Er hatte ein verbotenes Springmesser mit neun Zentimeter Klingenlänge dabei.

Dass er sich tatsächlich dem IS in Syrien verpflichten wollte und die Ausreise plante, bestätigten die Ermittlungen nicht. Dafür erhärtete sich aber nach dem 16. April der Verdacht, dass er zur Gruppe der Essener Tempelbomber gehörte. Allerdings soll er nur bei der Vorbereitung eines „staatsgefährdenden“ Anschlags mitgewirkt haben, ohne schon konkret zu wissen, dass der Sikh-Tempel das Ziel ist.

Ungewöhnlich für einen 20 Jahre alten Heranwachsenden: Dass Gericht schloss die Öffentlichkeit komplett aus, „um die weitere Entwicklung“ des jungen Mannes durch eine öffentliche Berichterstattung nicht zu gefährden. Es bestehe zudem die Gefahr, dass er sich mit Öffentlichkeit zu sehr im Mittelpunkt sähe. Da war was dran angesichts der martialisch wirkenden Gesichtsvermummung, die er erst abnahm, als die Journalisten draußen waren.

Was ihm im Gerichtssaal vorgeworfen wurde, war bekannt. Denn die Gruppe um die in Essen angeklagten Yusuf T. (16) aus Essen, Mohamad B. (16) aus Gelsenkirchen und Tolga I. (17) aus Schermbeck hatte bereits am 2. Januar eine „Probesprengung“ im Gelsenkirchener Skater-Park in der Nähe der Ückendorfer Straße durchgeführt. Da soll Hilmi T. dabei gewesen sein.

Seit Ende 2015 soll Hilmi T. auch zu Chat-Gruppen in sozialen Netzwerken gehört haben. Eine davon nannte sich „Unterstützer des islamischen Kalifats“. Ganz offen wurde dort besprochen, dass man es ernst meine, dass man keine „Kindergartensachen“ durchführen wolle. Das Ganze gipfelte im Anschlag auf den Sikh-Tempel.

Ein wenig Verfolgungswahn
Hilmi T., der in der Schule Probleme und zuletzt keinen Job hatte, gehörte in dem Chat nicht zu den aktiven Mitgliedern. Allerdings forderte er dort nach ersten Polizeimaßnahmen gegen einzelne Mitglieder die Gruppe auf, alle Fotos zu löschen. Ein wenig Verfolgungswahn plagte ihn wohl auch, denn er soll in seinem Zimmer „Magie“ gefürchtet haben. Schließlich durfte er in Hamburg dabei sein, als sich der damals 16 Jahre alte Schermbecker Tolga I. das Recht herausnahm, ein junges Pärchen „nach islamischem Recht“ zu verheiraten.

Mit all dem soll Schluss sein. Wie Christoph Neukäter, Sprecher des Amtsgerichtes Münster versicherte, gestand Hilmi T. im Prozess die Taten und erklärte sich bereit, am Aussteigerprogramm teilzunehmen. Diese Chance will das Jugendschöffengericht ihm geben.
Bildunterschrift:
Martialisch vermummt: Hilmi T. mit Verteidigerin. FOTO: JOACHIM KLEINE-BÜNING
Auf der Titelseite der WAZ wurde dieser Artikel angekündigt


NRZ, 30.07.2016 Anschlag auf Sikh-Tempel: Bewährungsstrafe für Unterstützer

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NRZ / Die Seite 3 (Manteilteil),Samstag, 30.07.2016

Anschlag auf Sikh-Tempel: Bewährungsstrafe für Unterstützer

Vermummt erscheint ein 20-Jähriger zum ersten Prozess um den Anschlag. Er muss an einem Aussteigerprogramm teilnehmen


Münster. Im ersten Prozess um den Bombenanschlag auf einen Essener Sikh-Tempel ist ein 20-jähriger Mann aus Münster gestern zu 20 Monaten Jugendhaft auf Bewährung verurteilt worden. Der geständige Mann gehörte nach Überzeugung des Gerichts zum Unterstützerkreis der Attentäter und war bei einer Probesprengung dabei. Das Gericht machte ihm unter anderem zur Auflage, an einem Aussteigerprogramm für radikale Islamisten teilzunehmen. Dazu hat er sich laut einem Gerichtssprecher selbst bereiterklärt.

Zum Prozess erschien der 20-Jährige vollständig vermummt. Er hatte sich einen schwarzen Schal um das Gesicht gewickelt, auf dem Kopf trug er eine schwarze Kappe.

Die Verhandlung fand unter Ausschluss der Öffentlichkeit statt. Laut Gericht wäre die Gefahr einer Stigmatisierung des noch jungen Angeklagten ansonsten zu groß. Nach Angaben von Gerichtssprecher Christoph Neukäter legte der Angeklagte ein umfassendes Geständnis ab. Er habe zugegeben, sich mit den späteren Attentätern über Whats-App-Gruppen zusammengeschlossen zu haben. Ziel sei es gewesen, mit Sprengstoffanschlägen gegen Andersdenkende vorzugehen. Dass der 20-Jährige in die konkreten Anschlagspläne auf den Essener Tempel eingeweiht war, sei ihm aber nicht nachgewiesen worden.

Der junge Mann war bereits rund drei Wochen vor dem Anschlag auf das indische Gebetshaus vorübergehend festgenommen worden. Laut Staatsanwaltschaft hatte sich seine Mutter an die Polizei gewandt, da sie befürchtete, dass ihr Sohn nach Syrien ausreisen und sich der Terrororganisation „Islamischer Staat“ anschließen wolle. Dieser Verdacht habe sich nicht bestätigt. Das Urteil ist noch nicht rechtskräftig. dpa

WAZ/NRZ, 22.07.2016 Dschihad mit Bomben und Tränen

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WAZ/NRZ / Panorama / Nordrhein-Westfalen (Mantelteil),Freitag, 22.07.2016

Dschihad mit Bomben und Tränen

Anklage gegen die Essener Tempelbomber liegt vor. Anschlag auf Hindu-Kirche war genau geplant. Das Weinen ihrer Eltern beeindruckte die 16-Jährigen


Von Stefan Wette

Essen. Eine schreckliche Tat haben sie zu verantworten, die Tempelbomber von Essen. Aber die auf versuchten Mord lautende Anklage, die ihnen jetzt zugestellt wurde, zeigt auch die innere Zerrissenheit der 16 und 17 Jahre alten Beschuldigten. Von den Tränen ihrer Eltern ließen sie sich beeindrucken, nachdem sie diesen den Bombenanschlag auf den Essener Sikh-Tempel vom 16. April 2016 gestanden hatten. Der 60 Jahre alte Priester der Hindu-Gemeinde war dabei schwer verletzt worden.

Den Dschihad, den aus islamistischer Sicht „Heiligen Krieg“, hatten sie führen wollen, aber direkte Verbindungen zur Terrorgruppe „Islamischer Staat“ weist die Anklage ihnen nicht nach. Das mag mit ein Grund sein, dass die Bundesanwaltschaft die Ermittlungen gegen die Jugendlichen aus dem Ruhrgebiet bislang nicht übernommen hat. Folgerichtig hat Staatsanwältin Birgit Jürgens die Anklage auch nicht beim Staatsschutzsenat in Düsseldorf eingereicht, sondern bei der Jugendstrafkammer am Landgericht Essen.

Auffällig waren alle drei. Yusuf T. (16) aus Gelsenkirchen mit türkischen Wurzeln gilt als Anführer des Trios, als der „Amir“. Häufig hatte er die Schule wechseln müssen, kam vom Gymnasium in Gelsenkirchen zur Realschule in Essen, wo er mit Feuerwerkskörpern auffiel, aber auch durch gewalttätiges Verhalten. Seine Mitschüler sprechen von Frauenfeindlichkeit und von islamistischen Sprüchen. Zum Schluss flog er wieder von der Schule, kam an eine Realschule in Gelsenkirchen.

Etwa ab Frühling 2014 begann laut Staatsanwaltschaft die Radikalisierung von Yusuf T., der sich fast nur noch mit dem Islam beschäftigte. Mittlerweile ist der 16-Jährige auch von einem Imam in Hannover mit einer jungen Hagenerin nach islamischem Recht verheiratet worden. Offenbar kein glückliches Ereignis, denn die Ermittler erfuhren, dass die Eltern von Braut und Bräutigam nichts von dieser Hochzeit wussten.

Mohamad B. (16) aus Essen-Borbeck ist Türke, hat aber libanesische Wurzeln. Auch er musste die Schule wechseln, zeigte sich sozial auffällig und ging sogar Lehrerinnen körperlich an. Wie bei Yusuf T. hatte auch bei ihm die Strafjustiz bereits reagiert.

Der Schermbecker Tolga I. (17) ist ebenfalls ein Schulverweigerer, der wechseln musste. Auch er hat türkische Wurzeln. Seine Eltern trennten sich 2012 in einem „Rosenkrieg“, seine Mutter ist mittlerweile mit einem pensionierten deutschen Lehrer zusammen. Auch Tolga I. ist nach islamischem Recht in Hannover verheiratet worden.

Wie und wann genau dieses Trio sich kennenlernte, das wissen die Ermittler nicht. Klar ist aber, dass es über Facebook geschah und die drei sich gegenseitig anstachelten. Der Islam, oder das, was sie darunter verstanden, war offenbar der Rettungsanker für ihr verkorkstes Leben. Sie gaben sich Regeln, unterschrieben brav Protokolle über ihre geplanten Aktivitäten. Auch die Wahl des Sikh-Tempels als Gotteshaus der „Ungläubigen“ trafen sie gemeinsam. Der Grund: Die Sikhs massakrierten angeblich in Indien Muslime. Dass sie in ihren Chats schon mal Buddhisten und Hindus verwechselten, erlaubt einen Blick auf ihr Wissen.

Nach der Tat wurde der Fahndungsdruck so groß, dass sie per Textnachrichten darüber diskutierten, sich zu stellen. Die Angst vor dem Knast war groß: Mindestens fünf Jahre hätten sie zu erwarten. Und von ihren Eltern zeigten sie sich beeindruckt, belegen die Chat-Protokolle: „Mein Vater hat geweint, Alter.“ „Meine Mutter auch.“ Vier Tage nach dem Anschlag ging Yusuf T. mit seinem Vater zur Polizei und stellte sich.


Landgericht Essen muss die Anklage prüfen

  • Die 88 Seite starke Anklage ist den Beschuldigten und ihren Verteidigern Mitte der Woche zugegangen. Sie können sich seitdem zu den Vorwürfen äußern.
  • Erst danach entscheidet die Essener Jugendstrafkammer, ob es die Anklage zulässt. Falls ja, wird gegen die Jugendlichen nicht öffentlich verhandelt.
 
Bildunterschrift:
Direkt am Eingang des Tempels zündete die Bombe. FOTO: KDF-TV & PICTURE 2016

WAZ/NRZ, 19.07.2016 Tempelbombern wird der Prozess gemacht

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WAZ/NRZ / Essen,Dienstag, 19.07.2016

Tempelbombern wird der Prozess gemacht

Die Staatsanwaltschaft Essen hat drei minderjährige Salafisten wegen versuchten Mordes angeklagt. Sikh-Tempel war im April das Ziel des Sprengstoffanschlags. Der Fall kommt vor die Jugendstrafkammer


Von Gerd Niewerth

Drei Monate nach dem Anschlag auf den Sikh-Tempel im Nordviertel hat die Staatsanwaltschaft Essen jetzt drei minderjährige Salafisten aus Essen, Gelsenkirchen und Schermbeck angeklagt – wegen versuchten Mordes, gefährlicher Körperverletzung und der Herbeiführung einer Sprengstoffexplosion. Bei dem Anschlag am 16. April auf der Bersonstraße sind drei Teilnehmer einer indischen Hochzeitsfeier verletzt worden.

Oberstaatsanwältin Birgit Jürgens bestätigte am Montag auf Anfrage, dass die Anklageschrift schon am vergangenen Dienstag verschickt worden ist.

Verhandelt wird der Aufsehen erregende Fall vor einer Jugendstrafkammer, zu deren Sitzungen keine Öffentlichkeit zugelassen ist. Die Höchststrafe ist eine zehnjährige Jugendstrafe. Der Tempelbomber-Prozess ist vom Landgericht Essen noch nicht terminiert worden, er muss aber bis spätestens Mitte Oktober angesetzt werden.

Bei den Angeklagten handelt es sich um den Essener Mohammed B., den Gelsenkirchener Yusuf T. (beide 16) und den 17 Jahre alten Tolga I. aus Schermbeck. Mohammed B. und Yusuf T. , die die selbst gebastelte Bombe zündeten, sind nur wenige Tage nach dem Anschlag festgenommen worden. Videokameras der Evag hatten sie gefilmt. Tolga I. gilt als Mit-Anstifter.


„Es ist gut, dass sie
von der Straße sind.
Sie sind wirklich
brandgefährlich.“
Michael Kiefer,
Islamwissenschaftler

Offenbar haben sich die Teenager-Dschihadisten über eine Whats-App-Gruppe radikalisiert, die sich „Unterstützer des Islamischen Kalifats“ nennt. Ihr sollen zwölf überwiegend türkeistämmige Jungs angehören. Gegen zwei weitere Mitglieder, die ebenfalls inhaftierten Muhammed Ö. (17) aus Gelsenkirchen und Hilmi T. (20) aus Münster, wird gesondert ermittelt.

Der Fall der Tempelbomber ist ein Politikum. Drei Jugendliche haben am NRW-Präventionsprogramm „Wegweiser“ teilgenommen, das sie eigentlich vor salafistischer Hasspropaganda schützen sollte. Stattdessen haben sich Yusuf T. & Co quasi unter der Aufsicht des Jugendamtes radikalisiert. Die Verdächtigen waren auch den Sicherheitsbehörden schon seit Längerem bekannt. Trotzdem hat NRW-Innenminister Ralf Jäger die Polizei in Schutz genommen. Der Anschlag sei nicht zu verhindern gewesen.

Hinter den Kulissen ist heftig über die Frage gerungen worden, ob es sich bei der Explosion um einen Terroranschlag und bei der Whats-App-Gruppe um einen terroristische Vereinigung handelt. In diesem Fall hätte der Generalbundesanwalt in Karlsruhe den Essener Fall an sich ziehen müssen. Dass er es nicht tat, ruft bei gestandenen Ermittlern Kopfschütteln hervor. Über die Motive wird gerätselt. Will Karlsruhe nicht wahrhaben, dass die Terrormiliz „Islamischer Staat“ womöglich radikalisierte Teenager aus deutschen Kinderzimmern holt und zu Terroranschlägen anstiftet?

Der Islamwissenschaftler Michael Kiefer, der zurzeit die Chatprotokolle der Whats-App-Gruppe für Januar bis April auswertet, klassifiziert die Sprengstoffexplosion nicht als Dumme-Jungen-Streich, sondern als Terroranschlag. „Es ist gut, dass sie von der Straße sind, sie sind wirklich brandgefährlich“, sagt der Wissenschaftler.
Bildunterschrift:
Auf dem Weg zum Tatort in der Bersonstraße wurden die mutmaßlichen Tempelbomber Muhammed B. aus Essen und Yusuf T. aus Gelsenkirchen von einer Video-Kamera der Evag gefilmt. FOTO: POLIZEI ESSEN
Im überregionalen der WAZ erschien auch ein Artikel dazu


Letzte Ermittlungen

NRZ, 29.06.2016 Radikales Netzwerk plante Sikh-Anschlag

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NRZ / Die Seite 3,Mittwoch, 29.06.2016

Radikales Netzwerk plante Sikh-Anschlag

Behörden gehen von einem Dutzend Mitwissern in einer islamistischen Chat-Gruppe aus


Von Tobias Blasius

Düsseldorf. Hinter dem Bomben-Anschlag auf den Essener Sikh-Tempel, bei dem Mitte April drei Menschen verletzt wurden, steckte offenbar ein größeres islamistisches Netzwerk als bislang bekannt.

Wie NRW-Innenminister Ralf Jäger (SPD) am Dienstag in einer Vorlage für den zuständigen Landtagsausschuss bekannt gab, haben die bisherigen Ermittlungen ergeben, dass ein Dutzend Personen „konspirative Anschlagsplanungen“ über eine WhatsApp-Gruppe mit dem Namen „Ansaar Al Khalifat Al Islamiyya“ (Anhänger des Islamischen Khalifats) schmiedete.

Noch immer seien nicht alle identifiziert, räumte das Innenministerium ein.

Als Mitglieder bekannt sind bislang die beiden Hauptverdächtigen, Yusuf T. aus Gelsenkirchen und Mohammed B. (beide 16) aus Essen. Ebenso der Salafist Tolga I. (17) aus Schermbeck, Mohammed Ö. (17) aus Essen sowie Hilmi I. (20) aus Münster, der bereits drei Wochen vor dem Sikh-Anschlag wegen „Vorbereitung einer staatsgefährdenden Gewalttat“ festgenommen worden war. Alle fünf sitzen in Untersuchungshaft.

Zugang zur WhatsApp-Gruppe erhielten die Sicherheitsbehörden ausgerechnet über ein Mobiltelefon von Yusuf T., was zu weiteren kritischen Fragen im Innenausschuss des Landtags führen dürfte. Möglicherweise handelt es sich um ein Handy, das die Behörden bei einer Hausdurchsuchung im Kinderzimmer von T. kurz vor Weihnachten 2015 nicht gefunden hatten. Einem Hinweis der Klassenlehrerin von Yusuf T. nochmals im Januar 2016 an die Polizei, dass ihr Schüler ein Handyvideo mit einer Probesprengung auf dem Schulhof herumzeige, wurde offenbar zu wenig Beachtung geschenkt.

Yusuf T., so die heutigen Ermittlungsergebnisse, sei Anführer und Administrator der islamistischen Chat-Gruppe gewesen. Der Realschüler aus Gelsenkirchen habe schon am 7. Januar per WhatsApp alle Mitglieder, die dort mit arabischen Namensattributen kommunizierten, auf die „gemeinsame Sache“ eingeschworen.

Alle fünf bislang Inhaftierten waren den Sicherheitsbehörden in NRW vor dem Sikh-Anschlag bekannt, wurden teilweise sogar im landeseigenen Salafismus-Aussteigerprogramm „Wegweiser“ betreut. Dennoch blieb Innenminister Jäger in der neuen Ausschussvorlage bei seiner bisherigen Bewertung: „Hinweise auf konkrete Anschlagsplanungen lagen jedoch nicht vor. Eine Verhinderung der Tat war in soweit auch nicht möglich.“
In der WAZ erschien der Artikel verkürzt


WAZ, 11.06.2016 Vom Kinderzimmer in den Dschihad

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WAZ / Politik (Mantel),Samstag, 11.06.2016

Vom Kinderzimmer in den Dschihad

Anschlag auf Essener Sikh-Tempel: Das Protokoll ihrer Whatsapp-Gruppe belegt, wie sich die festgenommenen Jugendlichen radikalisiert haben


Von Gerd Niewerth

Essen. Yusufs Weg vom Kinderzimmer in den Dschihad führt über Whatsapp. „Unterstützer des Islamischen Khalifat“ tauft der erst 16 Jahre alte Gelsenkirchener die Chatgruppe, die er vier Monate vor dem Sprengstoffanschlag auf den Sikh-Tempel in Essen ins Leben ruft. Ein Smartphone-Geheimbund, in dem bis zu 13 salafistische Jugendliche vom islamischen Gottesstaat schwärmen – und sich radikalisieren. Solange bis sie am 16. April tatsächlich zur Tat schreiten. Bald sieben Wochen nach dem Anschlag sitzen schon fünf Mitglieder dieser Gruppe in Untersuchungshaft, und es scheint nur eine Frage der Zeit zu sein, wann die sechste Festnahme erfolgt.

Yusuf T. und sein Kumpan Mohammed B. (ebenfalls 16) aus Essen sind Haupttäter eines Attentats, bei dem drei Gäste einer indischen Hochzeitsfeier verletzt wurden. Als dritter Mann dieser Teenie-Terrortruppe gilt Tolga I. (17) aus Schermbeck. Die beiden zuletzt Festgenommenen sind Hilmi T. (20) aus Münster und Muhammed Ö. (17) aus Gelsenkirchen.

Dieser Zeitung liegen Auszüge aus dem Chatverlauf der Whats­app-Gruppe vor. Das Gesprächsprotokoll von Anfang Februar belegt, wie sich die Aktivisten zu diesem Zeitpunkt radikalisiert haben. Aufgeregt schreibt Yusuf an Tolga: „Ikhwan (Bruder, Anm. d. Red) sie wissen alles und sie kennen euch.“ Mit „sie“ sind die Ermittlungsbehörden gemeint, die tatsächlich seit längerer Zeit eine Auge auf die Jugendlichen geworfen hatten. Drei von ihnen, auch Yusuf T., nehmen am NRW-Präventionsprogramm „Wegweiser“ teil. Eigentlich sollen sie darin auf den Pfad der Tugend zurückgeführt werden.


„Löscht alle Bilder
und Videos vom IS.“
Yusuf T. warnt per
Whatsapp die vermeint-
liche Teenie-Terrortruppe

Aus Angst erwischt zu werden, erteilt Yusuf via Whatsapp hektisch einen „Befehl“: „Löscht ALLE Bilder und Videos vom IS. Löscht eure Chats. . . Bleibt mehr zuhause.“ Abschließend verlangt der „Amir“, der Befehlshaber: „Alles was Waffen artig ist oder ähnlich (Bomben auch) muss umgehend entsorgt werden (von eurem Wohnsitz). Verkauft es, verschenkt es, verlagert es oder zerstört es“.

Michael Kiefer von der Universität Osnabrück erforscht für das Bundesjugendministerium, warum junge Menschen in den Salafismus abdriften. „Soziale Medien wie Whatsapp oder Facebook sind für die islamistische Szene von größter Bedeutung“, sagt der Islamwissenschaftler, und fügt hinzu: „Junge Muslime radikalisieren sich in Gruppen, das geschieht nicht blitzartig, sondern schleichend.“

Die couragierten Mütter
Die Festgenommenen sind einschlägig aufgefallen. Schon 2014 drohte der damals 14 Jahre alte Yusuf T. einer jüdischen Mitschülerin an, ihr das Genick zu brechen. Und Mohammed B. nannte sich bei Facebook bereits im August 2015 ungeniert „Kuffr Killer“ – Mörder der Ungläubigen. Die Polizei ermittelte gegen ihn, doch die Staatsanwaltschaft Essen, so heißt es, habe das Verfahren eingestellt. Muhammed Ö. stand erst kürzlich vor dem Jugendrichter, weil er Enthauptungsvideos des IS verbreitet hatte.

Islamwissenschaftler Kiefer irritiert am Fall der Essener Sikh-Tempelbomber, „wie wenig Kommunikation es zwischen Jugendamt, Schule, Polizei, Justiz, Wegweiser und Eltern gegeben hat“. Ein schwerwiegendes Versäumnis, aus dem zumindest der Gelsenkirchener OB Konsequenzen gezogen hat. Er will die Zusammenarbeit der Behörden verbessern.

Der Sikh-Anschlag handelt aber nicht nur von Pannen, sondern auch von couragierten Frauen. Es sind die Mütter von Yusuf T.,. Tolga I. und Hilmi T., die – unabhängig voneinander – ihre Söhne bei der Polizei anzeigten und so womöglich Schlimmeres verhinderten. So fiel Tolgas Mutter eine Kladde mit handschriftlichen Aufzeichnungen in die Hände, in der der 17-Jährige ankündigte, Ungläubige töten zu wollen. Auch Hilmis Mutter reagierte prompt, als sie den „Abschiedsbrief“ ihres Sohnes las, der offenbar im Begriff war, sich der IS-Terrormiliz anzuschließen. Auch die Mutter von Yusuf T. setzte die Polizei auf ihr eigenes Kind an. „Ein klares Indiz dafür, wie verzweifelt die Mütter gewesen sein müssen“, sagt Forscher Michael Kiefer.

So blutrünstig sich die selbsternannten „Gotteskrieger“ in ihren Chats auch geben mögen, an manchen Stellen sind sie immer noch Kind. So bekennt Tolga gegenüber Yusuf: „Ich vermisse meine Oma.“


Suche nach möglichen Hintermännern

  • Bei den Ermittlungen beschäftigt die Fahnder auch die Suche nach Hintermännern.
  • Nach Informationen der WAZ sollen die Festgenommenen enge Kontakte zu zwei umstrittenen Köpfen der Islamistenszene gehabt haben, darunter zu dem Duisburger Imam und Reisebüro-Inhaber Hasan Celenk.
 
Bildunterschrift:
Das Foto der Polizei zeigt zwei der verdächtigen Jugendlichen, nach denen nach der Explosion in Essen am 16. April gesucht wurde. Drei Menschen waren bei dem Anschlag auf eine indische Hochzeitsgesellschaft verletzt worden. FOTO: POLIZEI

NRZ, 09.06.2016 Sikh-Anschlag: Noch eine Festnahme

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NRZ / Essen,Donnerstag, 09.06.2016

Sikh-Anschlag: Noch eine Festnahme

Fünfter Verdächtiger sitzt in U-Haft


Von Gerd Niewerth

Sieben Wochen nach dem Anschlag auf den Sikh-Tempel an der Bersonstraße ist gestern ein weiterer Verdächtiger in Gelsenkirchen festgenommen worden. Im Elternhaus des mutmaßlichen Salafisten Muhammed Ö. vollstreckten Fahnder den Haftbefehl „wegen des Verdachts der Vorbereitung einer schweren staatsgefährdenden Gewalttat und anderer Straftaten“. Der 17-jährige Deutschtürke, Schüler des Technik-Berufskollegs, sitzt jetzt wegen Flucht- und Verdunkelungsgefahr in Untersuchungshaft.

Mohammed B. aus Essen, Yusuf T. aus Gelsenkirchen, Tolga I. aus Schermbeck, Hilmi T. aus Münster und jetzt Muhammed Ö. aus Gelsenkirchen: Es ist die mittlerweile fünfte Festnahme nach dem Sprengstoffanschlag, bei dem drei Teilnehmer einer indischen Hochzeitsfeier verletzt wurden. Diesmal ging den Fahndern ein junger Salafist ins Netz, der bereits als Hetzer aufgefallen war.

Erst vor wenigen Wochen, so die Staatsanwaltschaft, habe sich Muhammed Ö. vor dem Jugendrichter verantworten müssen: wegen der Verbreitung gewaltverherrlichender IS-Propaganda während einer Jugendfreizeit. Nach Informationen dieser Zeitung soll es sich um eine Veranstaltung von „Milli Görüs“ gehandelt haben, einer national-islamischen Organisation mit Sitz in Kerpen. Der 17-Jährige habe dort Enthauptungsvideos gezeigt und sei daraufhin nach Hause geschickt worden. Der Jugendrichter ahndete den Vorfall dem Vernehmen nach mit erzieherischen Maßnahmen.

An Probesprengung beteiligt
Innenminister Ralf Jäger teilte mit, dass der Festgenommene – ähnlich wie der mutmaßliche Haupttäter Yusuf T. – seit April 2014 im NRW-Präventionsprogramm „Wegweiser“ war. „Der islamistische Terror hat sich massiv verjüngt“, sagte Jäger.

Muhammed Ö. war nach Erkenntnissen der Staatsanwaltschaft Essen Mitglied jener 13-köpfigen Whats­app-Gruppe, der auch die vier anderen Festgenommenen angehörten. Dem Gelsenkirchener wird vorgeworfen, mit den beiden 16 Jahre alten Haupttätern des Anschlags, Mohammed B. und Yusuf T., an einer Probesprengung Anfang des Jahres teilgenommen zu haben. Zudem soll er den bevorstehenden Sprengstoffanschlag in Essen begrüßt haben.
Auch im überregionalen Teil der NRZ ist ein Artikel dazu erschienen


WAZ, 09.06.2016 17-jähriger Schüler nach Sikh-Anschlag festgenommen

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WAZ / Politik (Mantel),Donnerstag, 09.06.2016

17-jähriger Schüler nach Sikh-Anschlag festgenommen

Fünfter Verdächtiger in Untersuchungshaft


Von Gerd Niewerth

Gelsenkirchen/Essen. Die Fahnder fuhren am frühen Dienstagmorgen im Gelsenkirchener Stadtteil Hassel vor – bald zwei Monate nach dem Anschlag auf den Essener Sikh-Tempel. Im Elternhaus des mutmaßlichen Salafisten Muhammed Ö. vollstrecken sie den Haftbefehl „wegen des Verdachts der Vorbereitung einer schweren staatsgefährdenden Gewalttat und anderer Straftaten“. Der 17-jährige Deutschtürke, Schüler des Technik-Berufskollegs, wird dem Haftrichter vorgeführt und sitzt wegen Flucht- und Verdunkelungsgefahr in Untersuchungshaft.

Mohammed B. aus Essen, Yusuf T. aus Gelsenkirchen, Tolga I. aus Schermbeck, Hilmi T. aus Münster und jetzt Muhammed Ö. aus Gelsenkirchen: Es ist die mittlerweile fünfte Festnahme nach dem Sprengstoffanschlag, bei dem drei Teilnehmer einer indischen Hochzeitsfeier verletzt wurden. Diesmal ging den Fahndern ein junger Salafist ins Netz, der bereits als Hetzer aufgefallen war. Erst vor wenigen Wochen, so die Staatsanwaltschaft, habe sich Muhammed Ö. vor dem Jugendrichter verantworten müssen: wegen der Verbreitung gewaltverherrlichender IS-Propaganda während einer Jugendfreizeit. Nach Informationen dieser Zeitung soll es sich um eine Veranstaltung von „Milli Görüs“ gehandelt haben, einer national-islamischen Organisation mit Sitz in Kerpen. Der 17-Jährige habe dort Enthauptungsvideos gezeigt und sei daraufhin nach Hause geschickt worden. Der Jugendrichter ahndete den Vorfall dem Vernehmen nach mit erzieherischen Maßnahmen.

An Probesprengung beteiligt
Innenminister Ralf Jäger (SPD) teilte mit, dass der Festgenommene – ähnlich wie der mutmaßliche Haupttäter Yusuf T. – seit April 2014 im NRW-Präventionsprogramm „Wegweiser“ war. Trotz des „engmaschigen Präventionsnetzes in NRW“ bleibe eine 100-prozentige Erfolgsquote illusorisch. „Es gelingt uns, machen verhetzten Menschen zurückzuholen. Doch entgleiten uns manche am Ende doch.“ Jäger kündigte an, die Präventionsarbeit weiterauszubauen. „Der islamistische Terror hat sich massiv verjüngt.“

Muhammed Ö. war nach Erkenntnissen der Staatsanwaltschaft Essen Mitglied jener 13-köpfigen Whats­app-Gruppe, der auch die vier anderen Festgenommenen angehörten.
Auch auf der Titelseite und im Regionalteil Essen sind in der WAZ Artikel dazu erschienen


WAZ, 07.06.2016 Bundesanwaltschaft prüft Übernahme des Sikh-Anschlags

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WAZ / Politik (Mantel),Dienstag, 07.06.2016

Bundesanwaltschaft prüft Übernahme des Sikh-Anschlags


Essen. Die Bundesanwaltschaft prüft laut dem WDR weiter, ob sie die Ermittlungen im Fall des Anschlags auf den Essener Sikh-Tempel Mitte April mit drei Verletzten übernimmt. Es sei immer noch nicht klar, ob es eine terroristische Vereinigung gegeben habe. Erst dann könne die Behörde in Karlsruhe den Fall übernehmen.

Die Ermittlungen haben ergeben, dass sich die beiden mutmaßlichen Täter aus Essen und Gelsenkirchen zuvor mit anderen ausgetauscht haben. Es gab eine WhatsApp-Gruppe. Zwei weitere Festnahmen folgten. Daraus könne laut Bundesanwaltschaft noch nicht auf eine terroristische Vereinigung geschlossen werden. Es müsse zweifelsfrei bewiesen sein, dass sich mindestens drei Personen dauerhaft zusammengeschlossen haben, um mit einer schweren Gewalttat ihre politische Überzeugung durchzusetzen.

Der mutmaßliche Attentäter Yusuf T. hat sich mit einer öffentlichen Entschuldigungsschreiben an die indische Sikh-Gemeinde gewandt. Er habe nicht mit solch einer Detonation gerechnet, schreibt er in dem Brief, der der WAZ vorliegt.

WAZ, 03.06.2016 Jäger räumt Ermittlungspannen ein

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WAZ / Politik (Mantel),Freitag, 03.06.2016

Jäger räumt Ermittlungspannen ein

Essener Sikh-Anschlag: Opposition spricht von „eklatantem Versagen“


Düsseldorf. NRW-Innenminister Ralf Jäger (SPD) hat im Landtag Ermittlungspannen im Zusammenhang mit dem Terroranschlag auf einen Sikh-Tempel in Essen Mitte April eingeräumt. „Was man anders bewerten muss“, sei aus heutiger Sicht der Umgang der Gelsenkirchener Polizei mit einer frühen Warnung des Schulleiters des mutmaßlichen Bombenlegers Yusuf T., sagte Jäger.

Anfang des Jahres hatte sich der Schulleiter einer Gelsenkirchener Realschule an die Polizei gewandt. Der 16-jährige Yusuf T. habe mit dem Handy-Video von einer Explosion geprahlt. Die Beamten fertigten ei­nen Bearbeitungsvermerk, rieten dem Lehrer jedoch recht lapidar, er solle sich wieder melden, wenn das Video noch einmal die Runde mache. Weder das Landeskriminalamt noch das Innenministerium wurden informiert.

Yusuf T. wurde bereits 2014 im Landes-Präventionsprojekt „Wegweiser“ für junge Salafisten betreut. Später gab es bei ihm sogar eine Razzia. Auch der zweite 16-jährige Tatverdächtige aus Essen war den Sicherheitsbehörden bekannt. Ebenso der mutmaßliche Anführer Tolga I. aus Schermbeck, dessen Mutter sich mit Hinweisen auf Waffen und islamistische Aufzeichnungen an das Duisburger Polizeipräsidium gewandt hatte. Zudem sitzt seit Ende März ein 20-jähriger Mann aus Münster in Untersuchungshaft, dem eine Tatbeteiligung beim Essener Sikh-Anschlag vorgeworfen wird. Auch hier kamen die entscheidenden Tipps von der Mutter.

FDP-Fraktionsvize Joachim Stamp sprach von einem „eklatanten Versagen“ der Behörden. Es sei „vor Ort schlampig gearbeitet worden“. Jäger wies die Vorwürfe zurück. Dass die mutmaßlichen Bombenleger bekannt waren, zeige, „dass die Sicherheitsbehörden an den Richtigen dran sind“.

Auf das „Wegweiser“-Projekt, bei dem Jugendhilfe-Partner das Abrutschen von Heranwachsenden in den Salafismus verhindern sollen, lässt Jäger trotz des Anschlags nichts kommen. „Wir sind mit Präventionsprojekten in Deutschland ganz weit vorne“, sagte er. Unmittelbar nach dem Anschlag hatte das Innenministerium die Tatverdächtigen noch als Mitläufer der salafistischen Szene beschrieben, die nicht zum gewaltbereiten Kern zu zählen seien.
Bildunterschrift:
NRW-Innenminister Ralf Jäger (SPD) FOTO: DPA
Es gab auch einen Ankündigungsartikel auf der Titelseite von WAZ und eine Kurzform in der NRZ


WAZ, 01.06.2016 Sikh-Anschlag: Jäger stellt sich vor Behörden

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WAZ / Rhein-Ruhr (Mantel),Mittwoch, 01.06.2016

Sikh-Anschlag: Jäger stellt sich vor Behörden

Bericht bestätigt Ermittlungspanne


Düsseldorf. NRW-Innenminister Ralf Jäger (SPD) hat sich nach Ermittlungspannen rund um den Anschlag auf den Essener Sikh-Tempel im April ausdrücklich hinter Polizei und Staatsanwaltschaft gestellt. Die in Untersuchungshaft sitzenden Tatverdächtigen Yussuf T. und Tolga I. aus Gelsenkirchen und Schermbeck waren den Sicherheitsbehörden zwar ausdrücklich bekannt, doch sei „die Anschlagsplanung dabei nicht erkennbar und damit die Tat für die Behörden auch nicht abwendbar“ gewesen, heißt es in einer am Dienstag bekannt gewordenen Vorlage des Innenministeriums für den Landtag.

Darin räumt Jäger ein, dass der Polizei Gelsenkirchen ein Fehler unterlaufen ist. Zu Jahresbeginn gab der Leiter der Realschule von Yussuf T. den Hinweis auf ein Handy-Video, auf dem wohl eine Probesprengung zu sehen war. Diese Info wurde nicht an das Landeskriminalamt weitergeleitet. Im Fall von Tolga I. lehnte die Staatsanwaltschaft Duisburg im März einen Durchsuchungsbeschluss ab, weil ihr durch dessen Mutter übermittelte islamische Aufzeichnungen und Hinweise auf Waffen nicht ausreichten. Bei dem Sprengstoffanschlag auf den Sikh-Tempel in Essen am 16. April wurden drei Menschen verletzt. tobi

WAZ/NRZ, 31.05.2016 Vierte Festnahme nach Sikh-Tempel-Anschlag

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WAZ/NRZ / Essen,Dienstag, 31.05.2016

Vierte Festnahme nach Sikh-Tempel-Anschlag

Die Staatsanwaltschaft Münster wirft jungem Deutsch-Türken Mittäterschaft vor. Er war im Januar an Probesprengung beteiligt. Seine Mutter alarmierte die Polizei, weil er für IS-Terrormiliz kämpfen wollte


Von Gerd Niewerth

Die Ermittlungen nach dem islamistisch motivierten Anschlag auf den Sikh-Tempel am 16. April sind ausgeweitet worden. Die Staatsanwaltschaft Münster hat am Montag mitgeteilt, dass sie ein Ermittlungsverfahren gegen einen 20 Jahre alten Münsteraner führt. Ihm wird die „Vorbereitung einer schweren staatsgefährdenden Gewalttat“ und der „Verstoß gegen das Sprengstoff- und Waffengesetz“ vorgeworfen. Nach Erkenntnissen aus Münster hatte der Deutsch-Türke, der schon am 27. März bei Hildesheim festgenommen wurde, Verbindungen zu der „Gruppe junger Salafisten, die Sprengstoffanschläge auf Andersgläubige durchführen wollte“.


„Wir wollten unsere
Ermittlungserfolge
nicht gefährden.“
Martin Botzenhardt,
Sprecher der Staats-
anwaltschaft Münster

Anfang dieses Jahres soll der Münsteraner mit anderen mutmaßlichen Tempelbombern an einer Probesprengung auf einem Gelsenkirchener Zechengelände teilgenommen haben. Bislang hat die Polizei nach dem Tempelanschlag drei junge Salafisten festgenommen: Mohammed B. (16) aus Essen, Yussuf T. (16) aus Gelsenkirchen und Tolga I. (17) aus Schermbeck.

Sechs Wochen nach dem Anschlag zeichnet sich ab, dass wohl keine verirrten Einzeltäter am Werke waren, sondern offenbar ein weit verzweigtes islamistisches Netzwerk – eines, das sich über Essen, Duisburg, Lohberg, Schermbeck, Gelsenkirchen, Münster bis nach Hildesheim erstreckt. Die Gruppe, die über Whatsapp kommunizierte, soll aus 14 Personen, überwiegend Teenager, bestanden haben.

Am Tempel-Anschlag selbst ist der junge Münsteraner nicht beteiligt gewesen. Denn zu seiner Festnahme war es schon knapp drei Wochen vorher gekommen. Aus lauter Verzweiflung hatte seine Mutter am 25. März die Polizei eingeschaltet. Sie befürchtete, ihr Sohn werde nach Syrien ausreisen und sich der Terrormiliz des „Islamischen Staates“ (IS) anschließen.

Bemerkenswert sind Ähnlichkeiten mit dem Fall Tolga I. Auch hier hatte die Mutter, eine Lehrerin, Alarm geschlagen und der Polizei von der dramatischen Radikalisierung ihres Sohnes berichtet. Daraufhin wurde zwar sein Reisepass eingezogen, trotzdem konnte er sich frei bewegen. In Münster hingegen zogen die Ermittler den 20-Jährigen rasch aus dem Verkehr. Der Richter erließ bereits tags darauf einen Haftbefehl, so dass der 20-Jährige am 27. März in der Nähe von Hildesheim festgenommen werden konnte.

Hildesheim gilt nach Einschätzung des Landeskriminalamtes als Zentrum des radikalen Islamismus in Niedersachsen. Am 29. März war der „Deutschsprachige Islamkreis“ in Hildesheim Ziel einer Razzia des LKA. Zwei Ehepaaren wurden die Reisepässe abgenommen. Offenbar hatten sie die Ausreise nach Syrien geplant, um für den IS zu kämpfen.

Dass die Festnahme des Münsteraners erst jetzt, mehr als zwei Monate später, publik gemacht wurde, begründet Martin Botzenhardt, Sprecher der Staatsanwaltschaft, so: „Wir wollten unsere Ermittlungserfolge nicht gefährden.“

Bei einer Wohnungsdurchsuchung hatten die Ermittler den Computer und das Mobiltelefon des jungen Mannes sichergestellt. Darauf hätten sie Hinweise „auf eine radikal-islamistische Einstellung des Beschuldigten“ gefunden. Die Verbindungen zu den Tempelbombern seien erst nach dem Anschlag ermittelt worden. Daraufhin sei der bestehende Haftbefehl am 23. Mai erweitert worden.

Der Beschuldigte bestreitet die gegen ihn erhobenen Vorwürfe und befindet sich weiterhin in Untersuchungshaft. Die „umfangreichen Ermittlungen“ dauern an, so die Staatsanwaltschaft.


Drei Verletzte im Essener Sikh-Tempel

  • Am Tag des Anschlags wurde im Sikh-Tempel auf der Bersonstraße eine Hochzeit gefeiert. Drei Menschen wurden verletzt.
  • Vor der Tat hatten Mohammed B. und Yussuf T. in der Assalam-Moschee gebetet. B. nennt sich „Kuffr-Killer“, Kuffar sind Ungläubige.
 
Bildunterschrift:
Auf das Gebetshaus der indischen Sikh-Gemeinde in der Bersonstraße verübten junge Islamisten am 16. April einen Sprengstoffanschlag. FOTO: ULRICH VON BORN
Es gab auch einen Ankündigungsartikel auf der Titelseite von WAZ und NRZ


Behörden sollen im Vorfeld versagt haben

WAZ, 26.05.2016 Anschlag auf Sikh: Vorwürfe gegen die Polizei

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WAZ / Titel (Mantel),Donnerstag, 26.05.2016

Anschlag auf Sikh: Vorwürfe gegen die Polizei

Alle drei Verdächtigen waren den Behörden bekannt. Dennoch wurde der Terrorakt nicht verhindert


Von Annika Fischer und Matthias Korfmann

Ruhrgebiet. Im Fall des Terroranschlags auf den Essener Sikh-Tempel werden die Vorwürfe ge­gen die Behörden und das NRW-Innenministerium immer schärfer. Bei dem Attentat im April hatte es drei Verletzte gegeben.

Nachdem nun bekannt wurde, dass auch der dritte mutmaßliche Attentäter der Polizei schon im Vorfeld bekannt war, wirft die Landtags-Opposition Innenminister Ralf Jäger (SPD) erneut Versagen vor. Für die CDU ist es „erschütternd“, dass deutliche Hinweise „nicht verfolgt oder zusammengeführt“ wurden: „Der Anschlag hätte mit hoher Wahrscheinlichkeit vermieden werden können“, so der innenpolitische CDU-Fraktionssprecher Theo Kruse. Er beklagte „strukturelle Defizite“ bei der Polizei in NRW.

Mutter informierte die Polizei
Die FDP nannte es einen „Skandal“, dass „trotz der Warnungen nicht adäquat reagiert wurde“.

Medien hatten berichtet, dass die Mutter von Tolga   I. aus Schermbeck – Anfang Mai als dritter Tatverdächtiger festgenommen – der Duisburger Polizei Kopien aus einer Kladde ihres Sohnes übergeben habe: Darin seien Pläne zur „Bekämpfung Ungläubiger“ verzeichnet gewesen. Bearbeitet worden, so die Recherchen, seien die Unterlagen aber erst zehn Tage nach dem Attentat von Essen. Unterschrieben seien sie vom Trio Tolga I., Mohammed B. aus Essen und Yussuf T. aus Gelsenkirchen – den mutmaßlichen Attentätern. Alle drei sitzen derzeit in Untersuchungshaft.

Beamte weisen Darstellung zurück
Tolga I. war schon zu Jahresbeginn der Pass entzogen worden: Seine Mutter hatte sich wegen der Radikalisierung des 17-Jährigen und seiner möglichen Ausreisepläne nach Syrien an die Polizei gewandt. Von Mohammed B., (16) weiß man inzwischen, dass er in Essen polizeibekannt war, weil er eine salafistische Hetzseite im Netz betrieb. Yussuf T., ebenfalls 16, war im Aussteigerprogramm „Wegweiser“. Im Januar hatte seine Schule die Polizei alarmiert, weil der Jugendliche in der Pause das Video einer Bombenexplosion herumzeigte. Die Gelsenkirchener Polizei hatte zu Wochenbeginn eingeräumt, auf diese Hinweise nicht konsequent genug reagiert zu haben.

Die Duisburger Kollegen wiesen die Berichte am Mittwoch „entschieden“ zurück. In den Un­terlagen habe es keine konkreten Hinweise auf Anschläge gegeben, der Antrag auf einen Durchsuchungsbeschluss sei von der Staatsanwaltschaft abgelehnt worden. Innenminister Jäger betonte, Präventionsarbeit, „ist kein Allheilmittel“. Vergeblich aber sei sie nie.

WAZ, 26.05.2016 Terrorpläne aus dem Kinderzimmer

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WAZ / Rhein-Ruhr (Mantel),Donnerstag, 26.05.2016

Terrorpläne aus dem Kinderzimmer

Attentat auf den Sikh-Tempel in Essen: Die Behörden kannten die Verdächtigen Tolga I., Yussuf T. und Mohammed B. - Mutter warnte vor 17-jährigem Sohn


Von Annika Fischer

Ruhrgebiet. Wie ein Poesiealbum sollen sie aussehen, die Aufzeichnungen von Tolga I. Nur stecken in seiner Kladde keine Gedichte. Sondern „Pläne zur Bekämpfung von Ungläubigen“, heißt es in Medienberichten. Nein, „allein Hinweise auf mögliche Eigentumsdelikte“, widerspricht die Polizei. Poesie klingt jedenfalls anders, und unterschrieben sind die Notizen „in unbeholfener Kinderschrift“ von drei jungen Männern: Yusuf T. als „Emir“, also der Chef, Mohammed B. für den „Zusammenbau“ und Tolga I. als Geldbeschaffer – die drei mutmaßlichen Attentäter auf den Essener Sikh-Tempel.

Hinweise schon am Tag nach Ostern
Was auch immer wirklich darin stand – die Kladde lag der Duisburger Polizei seit dem 29. März vor, dem Dienstag nach Ostern. Zweieinhalb Wochen vor dem Anschlag auf die Hochzeit, bei dem drei Menschen verletzt wurden. Die Mutter von Tolga I., dem 17-Jährigen aus Schermbeck, spielte den Ermittlern Fotos aus dem Kinderzimmer ihres Sohnes zu, von „acht Bilddateien“ ist die Rede. Es soll bereits das zweite Mal gewesen sein, dass die Mutter sich an die Polizei wandte.

Tatsächlich war Tolga I. dort kein Unbekannter: Der Staatsschutz Duisburg hatte ihn schon seit Monaten im Visier, hatte ihm im Januar den Pass entzogen – ein Ausreiseverbot. Offenbar gab es Hinweise auf Verbindungen des Berufsschülers zu den IS-Sympathisanten von Dinslaken-Lohberg und konkrete Reisepläne nach Syrien oder in den Irak. Anfang Mai wurde der junge Mann als dritter Tatverdächtiger im Essener Fall festgenommen. Er sitzt seither in Untersuchungshaft.

Nach den Recherchen geht es in den Notizen des 17-Jährigen um konkrete Anschlagspläne, akribisch festgehalten. Unter anderem geht es darum, mit Straftaten an Geld für Bomben zu kommen. Tatsächlich, ergaben die Ermittlungen, hat das Trio später Einzelteile zum Bombenbau unter Klarnamen im Internet bestellt. Die Duisburger Polizei will tatsächlich Belege für möglicherweise geplante Diebstähle, aber „keine konkreten Hinweise auf geplante Anschläge“ in der Kladde entdeckt haben. Sie untersuchte die Fotos am 30. März, dem Tag, nachdem sie die Bilder erhalten hatte. Laut Medienberichten soll dies erst am 26. April, also zehn Tage nach der Bombenexplosion passiert sein. Die Inspektion Staatsschutz, heißt es in einer am Mittwoch veröffentlichten Stellungnahme der Polizei, habe ein Ermittlungsverfahren eingeleitet und bei der zuständigen Duisburger Staatsanwaltschaft einen Durchsuchungsbeschluss angeregt. Diese habe jedoch keinen Anfangsverdacht gesehen.

Offensichtlich ist damit in jedem Fall, dass jeder der drei mutmaßlichen Anschlagsbeteiligten der Polizei schon vorher bekannt war. Auch wenn der Staatsschutz wegen des jugendlichen Alters keine Da­ten speichern durfte: Tolga I., 17, hatte keinen Pass mehr, seine Mutter hatte der Duisburger Polizei von ihrer Sorge berichtet, der Sohn radikalisiere sich. Mohammed B., 16, aus Essen war der örtlichen Polizei mit seiner Internetseite „Kuffr-Killer“ aufgefallen, in der er etwa die Terroropfer von Paris verhöhnte.

Yussuf T., 16, aus Gelsenkirchen, befand sich längst im „Wegweiser“-Programm des Landes für Salafisten-Aussteiger, war also als Gefährder bekannt. Trotzdem war es ihm gelungen, bei einer polizeilichen Durchsuchung seines Zimmers sein Handy zu verstecken. Als er sich damit brüstete, auf dem Schulhof das Video einer Explosion zeigte, riefen seine Klassenlehrerin und sein Schulleiter die Gelsenkirchener Polizei zur Hilfe. Im Jugendamt wunderte man sich am Dienstag, wie „dünn“ Yussufs Akte dort trotzdem war.

Ermittler entschuldigen sich
Die Polizei entschuldigte sich Anfang der Woche für ihre „falsche Entscheidung“, keine „Maßnahmen in Absprache mit der Justiz“ eingeleitet zu haben. Die Reaktion auf die Hinweise der Schule seien „nicht konsequent genug“ gewesen. Warum das so war, werde „innerhalb des Polizeipräsidiums Gelsenkirchen ausgewertet“. Auch die Stadt untersucht den Vorgang.

Das aber dürfte womöglich nicht genug sein. Gelsenkirchen kannte Yussuf, Essen kannte Mohammed, Duisburg kannte Tolga – doch offenbar wurden die Informationen nirgendwo zusammengeführt. Niemand sah voraus, welch’ verhängnisvolles Trio da bereits konkrete Pläne schmiedete und am 16. April auch umsetzte. Hinterher ist man immer schlauer? Der Generalbundesanwalt prüft, ob er das Verfahren wegen des Verdachts des versuchten Mordes und der Herbeiführung einer Sprengstoffexplosion gegen die drei an sich zieht.


Sympathie für den IS

  • Spaß am Böllerbauen“ gaben die Festgenommen zunächst als Tatmotiv an; einen islamistischen Hintergrund gebe es nicht.
  • Schnell erhärtete sich jedoch der Verdacht: Alle drei waren als Salafisten bekannt, sympathisieren mit dem IS.
 
Bildunterschrift:
  • Der Sikh-Tempel in Essen nach der Explosion am 16. April. Drei Menschen wurden verletzt, einer von ihnen schwer. FOTO: MARCEL KUSCH/DPA
  • Zwei der Täter auf dem Bild einer Überwachungskamera FOTO: POLIZEI/DPA

NRZ, 26.05.2016 Sikh-Tempel: Opposition greift Jäger an

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NRZ / Titel (Mantel),Donnerstag, 26.05.2016

Sikh-Tempel: Opposition greift Jäger an

Polizei wehrt sich gegen Medienbericht


Essen/Duisburg. Im Fall des Terroranschlags auf den Essener Sikh-Tempel werden die Vorwürfe gegen die Behörden und das NRW-Innenministerium immer heftiger. Nachdem nun bekannt wurde, dass auch der dritte mutmaßliche Attentäter der Polizei im Vorfeld bekannt war, wirft die Opposition im Landtag Innenminister Ralf Jäger (SPD) erneut Versagen vor. Die Polizei Duisburg widerspricht derweil einem Bericht von SZ, WDR und NDR, wonach sie durch eine Kladde über Anschlagspläne informiert gewesen sein soll. Richtig sei, dass die von der Mutter eines Verdächtigen übergebene Kladde allein Hinweise auf mögliche Eigentumsdelikte enthalten habe. Eine Durchsuchung bei dem Jugendlichen habe die Staatsanwaltschaft abgelehnt. NRZ/Klartext S. 2

NRZ, 26.05.2016 Gut aufgestellt?

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NRZ / Meinung und Hintergrund (Mantel),Donnerstag, 26.05.2016

Gut aufgestellt?

Vorwürfe gegen die Behörden


Von Michael Minholz (m.minholz<a>nrz.dePost_icon.png)

Der Vorwurf vom Behördenversagen im Vorfeld des Anschlags auf den Essener Sikh-Tempel ist schnell erhoben. Der Verdacht liegt nahe, dass da jemand geschlafen hat. Grundsätzlich bleibt die Frage, ob unsere Polizei angesichts sich deutlich verschärfender Sicherheitslage in Sachen Terror vernünftig aufgestellt ist; ob es genug Personal und eine adäquate technische Ausstattung gibt, um diesen Kampf zu gewinnen?

NRZ, 25.05.2016 Anschlag in Essen: Eine Mutter warnte

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NRZ / Die Seite 3 (Mantel),Mittwoch, 25.05.2016

Anschlag in Essen: Eine Mutter warnte

Duisburger Polizei bestätigt Kontakt


Im Ruhrgebiet. Der Anschlag auf den Sikh-Tempel in Essen mit drei Verletzten hätte möglicherweise verhindert werden können, wenn Behörden beherzter auf Warnungen reagiert hätten. Erst vor wenigen Tagen hatte sich die Polizei in Gelsenkirchen entschuldigt, weil sie im Vorfeld einen Hinweis aus der Schule eines jugendlichen Tatverdächtigen nicht konsequent genug verfolgte. Jetzt wird bekannt: Die Mutter eines anderen Verdächtigen - die von Tolga I. aus dem niederrheinischen Schermbeck - hatte sich auch an die Polizei gewandt und gewarnt. Drei Wochen vor der Tat am 16. April soll sie laut Recherchen von Süddeutscher Zeitung, WDR und NDR Staatsschutz-Beamten in Duisburg eine Kladde ihres Sohnes mit Plänen zur „Bekämpfung der Ungläubigen“ übergeben haben.

Gefunden hatte sie die Kladde im Jugendzimmer von Tolga. Endgültig ausgewertet wurden die Unterlagen den Recherchen zufolge aber erst zehn Tage nach dem Anschlag – „ein möglicherweise großes Versäumnis“, heißt es in dem Bericht. Die Polizei soll den Fall „Tolga I.“ mit Jugendamt und dem Verfassungsschutz erörtert haben.

Eine Polizeisprecherin bestätigte gestern Abend auf NRZ-Nachfrage den Kontakt zu der Mutter. Sie erklärte, dass man nach der Übergabe der Kladde unmittelbar mit der Einleitung eines Strafverfahrens reagiert habe. Zudem habe man „gefahrenabwehrende Maßnahmen“ getroffen. Es habe beispielsweise mehrere sogenannte Gefährderansprachen gegeben, bei denen man Tolga I. erklärt habe, dass er im Blick der Behörden sei. Zudem habe man der Mutter Verhaltensregeln aufgezeigt. Die Polizeisprecherin betonte: „Zu diesem Zeitpunkt lagen uns noch keine Hinweise auf die Identitäten der übrigen Tatverdächtigen des Anschlags vor.“

Das Innenministerium in Düsseldorf will am 2. Juni im Innenausschuss des Landtages zu dem Sachverhalt informieren. dum
Bildunterschrift:
Die Bombe detonierte im Eingangsbereich des Tempels. FOTO: KDF

WAZ, 25.05.2016 Anschlag auf Tempel: Mutter warnte Polizei

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WAZ / Rhein-Ruhr,Mittwoch, 25.05.2016

Anschlag auf Tempel: Mutter warnte Polizei

Duisburger Ermittler bestätigen Kontakt


Essen. Der Anschlag auf den SikhTempel in Essen mit drei Verletzten hätte möglicherweise verhindert werden können, wenn Behörden beherzter auf Warnungen reagiert hätten. Erst vor wenigen Tagen hatte sich die Polizei in Gelsenkirchen entschuldigt, weil sie im Vorfeld einen Hinweis aus der Schule eines jugendlichen Tatverdächtigen nicht konsequent genug verfolgte. Jetzt wird bekannt: Die Mutter eines anderen Verdächtigen hatte sich auch an die Polizei gewandt und gewarnt. Drei Wochen vor der Tat am 16. April soll sie laut Recherchen von Süddeutscher Zeitung, WDR und NDR Staatsschutz-Beamten in Duisburg eine Kladde ihres Sohnes mit Plänen zur „Bekämpfung der Ungläubigen“ übergeben haben.

Eine Polizeisprecherin bestätigte gestern Abend auf Nachfrage den Kontakt zu der Mutter. Sie erklärte, dass man nach der Übergabe der Kladde unmittelbar mit der Einleitung eines Strafverfahrens reagiert habe. Zudem habe man „gefahrenabwehrende Maßnahmen“ getroffen. Die Polizeisprecherin betonte: „Zu diesem Zeitpunkt lagen uns noch keine Hinweise auf die Identitäten der übrigen Tatverdächtigen des Anschlags vor.“ Das NRW-Innenministerium will am 2. Juni im Innenausschuss des Landtages zu dem Sachverhalt informieren. dum

WAZ, 25.05.2016 CDU macht Druck auf Jäger wegen Essener Attentats

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WAZ / Politik,Mittwoch, 25.05.2016

CDU macht Druck auf Jäger wegen Essener Attentats


Düsseldorf. Im Zusammenhang mit Polizeipannen beim Umgang mit den beiden Hauptverdächtigen für das Attentat auf den Essener Sikh-Tempel hat die CDU-Opposition Vorwürfe gegen NRW-Innenminister Ralf Jäger (SPD) erhoben und einen Bericht des Ministers im Innenausschuss am 2. Juni verlangt.

Jäger müsse erklären, warum er die Öffentlichkeit in der Innenausschusssitzung am 28. April nicht über ein brisantes Video informiert habe, obwohl die Sicherheitsbehörden bereits seit Anfang 2016 Kenntnis gehabt hätten, dass einer der beiden 16-jährigen Hauptverdächtigen vor dem Anschlag Sprengversuche durchgeführt habe, sagte der CDU-Abgeordnete Theo Kruse. Trotz ausdrücklicher Warnungen eines Schulleiters verfuhren die Behörden offenbar nach dem Motto „Knicken, lochen, abheften!“ goe

WAZ/NRZ, 24.05.2016 Anschlag auf Sikh-Tempel: Polizei räumt Fehler ein

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WAZ/NRZ / Essen,Dienstag, 24.05.2016

Anschlag auf Sikh-Tempel: Polizei räumt Fehler ein

Ermittler nahmen Warnung der Schule nicht ernst. Yussuf T. zeigte Mitschülern Video einer Explosion


Von Jörg Maibaum

Über einen Monat nach dem Bombenanschlag auf den Sikh-Tempel mit drei Verletzten an der Bersonstraße hat die Polizei Fehler eingeräumt – zumindest was den Umgang mit einem der beiden mutmaßlichen Terroristen Yussuf T. angeht: Trotz eines Hinweises des Leiters einer Realschule in Gelsenkirchen-Hassel im Januar dieses Jahres, dass der 16-Jährige Mitschülern angeblich ein Video von der Detonation eines Polenböllers gezeigt habe, wurden von der Polizei keine Maßnahmen gegen den Jugendlichen eingeleitet, hieß es gestern seitens der Gelsenkirchener Behörde: „Aus heutiger Sicht war unsere Reaktion nicht konsequent genug.“ Anstatt die Justiz einzuschalten, wurden lediglich Verhaltensregeln mit der Schulleitung vereinbart. Diese Entscheidung schien zum damaligen Zeitpunkt vertretbar, so die Polizei, „ist jedoch im Rückblick falsch gewesen“. Die Behörde kündigte eine interne Aufarbeitung der Versäumnisse an.

Nach Informationen des Nachrichtenmagazins „Westpol“ sollen die Ermittler bereits kurz vor Weihnachten des vergangenen Jahres das Kinderzimmer des verdächtigen Yussuf T. durchsucht haben. Sichergestellt wurde dabei aber nicht das Handy, mit dem der 16-Jährige seinen Mitschülern kurze Zeit später die Explosion gezeigt haben soll. Wie berichtet, hatten die Ermittler erst nach dem Bombenanschlag auf den Sikh-Tempel Videoaufnahmen einer Probesprengung bei Mohammed B., dem zweiten Verdächtigen aus Altendorf, sichergestellt. Die beiden 16-Jährigen und ein 17 Jahre alte mutmaßlicher Anstifter aus Schermbeck sitzen in Untersuchungshaft.
Bildunterschrift:
Ein Priester der Sikh-Gemeinde wurde schwer verletzt. FOTO: KDF-TV & PICTURE

WAZ, 23.05.2016 WDR: Behörden schlampten vor Tempel-Anschlag

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WAZ / Poltik (Mantel),Montag, 23.05.2016

WDR: Behörden schlampten vor Tempel-Anschlag

Infos über Verdächtige anscheinend ignoriert


Essen. Den Behörden werden im Fall des Sprengstoffanschlags auf den Essener Sikh-Tempel Pannen vorgeworfen, so die Sonntags-Ausgabe der WDR-Sendung „Westpol“.

Die Klassenlehrerin des dringend tatverdächtigen Yusuf T. bestätigte dem WDR, dass ihr Schüler nach den Weihnachtsferien von einer Durchsuchung bei sich zuhause erzählt haben soll. Er soll ein Handy besessen haben, das bei der Durchsuchung nicht gefunden wurde. Darauf hätten sich nach Aussage von Mitschülern Aufnahmen einer Explosion befunden. Die Reaktion der Klassenlehrerin: „Ich habe die Schulleitung informiert, und meines Wissens hat die Schulleitung den Staatsschutz informiert.“ Offenbar ist die Information dort aber nicht entsprechend verarbeitet worden. Die Polizei reagierte nicht, das verbliebene Handy von Yusuf T. wurde offenbar nicht beschlagnahmt.

Erst nach dem Bombenanschlag fanden die Behörden Videoaufnahmen einer „Probesprengung“ bei Mohammed B., einem weiteren Verdächtigen. Beide standen unter Beobachtung des Staatsschutzes. Wieso die Hinweise der Schulleitung vor der Tat offenbar ignoriert wurden, steht derzeit nicht fest. NRW-Innenministerium und Staatsschutz wollten sich laut WDR nicht äußern.

Nach der Festnahme der Täter

WAZ/NRZ, 05.05.2016 Dritte Festnahme nach Sikh-Attentat

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WAZ/NRZ / Essen,Donnerstag, 05.05.2016

Dritte Festnahme nach Sikh-Attentat

Verdächtiger soll der 17 Jahre alte „Befehlshaber“ der Tempelbomber sein. Spezialeinheiten fassen den Schermbecker am Mittwochabend am Hauptbahnhof


Von Von Gerd Niewerth

Nach dem Sprengstoffanschlag auf den Sikh-Tempel in der Bersonstraße haben Spezialeinheiten der Essener Polizei gestern einen dritten Tatverdächtigen festgenommen. Das berichtete am Abend das Polizeipräsidium. Nach Informationen dieser Zeitung handelt es sich bei dem Festgenommenen um den 17 Jahre alten Salafisten Tolga I. aus Schermbeck. Er soll der „Befehlshaber“ der mutmaßlichen Terrorgruppe sein.

Der Zugriff der Spezialkräfte sei am Hauptbahnhof erfolgt, heißt es. Ein Begleiter des Mannes befand sich nach Polizeiangaben am Mittwochabend in Gewahrsam. Bei den anderen beiden Tatverdächtigen handelt es sich um die 16 Jahre alten Mohammed B. aus Essen und Yussuf T. aus Gelsenkirchen. Sie sollen am Abend des 16. April am Eingang des Sikh-Tempels einen selbstgebastelten Sprengsatz gezündet haben. Drei Menschen wurden verletzt.

Kontakte zur Lohberger Brigade
Schon vier Tage nach dem Anschlag stand Tolga I. unter Tatverdacht. Er und ein weiterer Jugendlicher wurden festgenommen, aber am selben Tag wieder auf freien Fuß gesetzt. Der Verdacht gegen die sie hatte sich zunächst nicht erhärtet. Nach einem Bericht des ARD-Politmagazins „Report München“ soll Tolga I. der Anführer einer zwölfköpfigen Whatsapp-Gruppe sein, zu der auch Mohammed B. und Yussuf T. sowie weitere Jugendliche gehörten. Außerdem werden ihm Kontakte zu Dschihadisten und zur berüchtigten Lohberger Brigade in Dinslaken nachgesagt. Dabei handelt es sich um Jugendliche, die in Dinslaken aufgewachsen sind, sich radikalisiert haben und zusammen als Dschihadisten in Syrien gekämpft haben.


„Wir arbeiten seit
Wochen eng mit
dem Staatsschutz
und der Polizei
zusammen.“
Mike Rexforth,
Bürgermeister
von Schermbeck

Anscheinend kennt die Polizei den Inhalt der Textnachrichten, die sich die Gruppe geschickt hat. Yussuf T. soll dem 17 Jahre alten Befehlshaber Tolga I. in einer solchen Nachricht bestätigt haben, dass er die Bombe in Essen gelegt habe. Tolga I. soll nach Informationen dieser Zeitung bei einem Berufskolleg in Dinslaken angemeldet sein, die Schule aber schon seit geraumer Zeit gar nicht mehr besucht haben.

Der Schermbecker Bürgermeister Mike Rexforth bestätigte auf Anfrage, dass gegen den 17-Jährigen ein Ausreiseverbot verhängt wurde und die Kommune per Ordnungsverfügung ein Passentzugsverfahren eingeleitet habe. „Wir arbeiten seit Wochen eng mit der Polizei in Wesel und mit dem Staatsschutz in Duisburg zusammen“, sagte der Bürgermeister. Ziel der Behörden sei in erster Linie, den IS-Sympathisanten Tolga I. an der Ausreise in den Nahen Osten (Syrien, Irak) zu hindern. Der Reisepass und der Personalausweis seien ihm schon vor einigen Wochen entzogen worden.

Über Details der Festnahme machten die Fahnder gestern keine Angaben. Auf Antrag der Staatsanwaltschaft habe das Amtsgericht einen Haftbefehl erlassen. „Die Ermittlungskommission arbeitet nach wie vor mit Hochdruck an der Aufhellung der Ereignisse und Strukturen“, sagte ein Polizeisprecher am Abend.
Bildunterschrift:
Anschlagsziel der mutmaßlichen Bombenleger war am 16. April der Sikh-Tempel an der Bersonstraße. FOTO: KDF-TV

WAZ/NRZ, 04.05.2016 Polizei findet Video von „Probesprengung“

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WAZ / Politik (Mantel),Mittwoch, 04.05.2016

Polizei findet Video von „Probesprengung“

Ermittler: Mutmaßliche Bombenleger von Essen waren „augenscheinliche IS-Fans“


Von unseren Stadtredaktionen und Reportern

Ruhrgebiet. Die beiden 16-jährigen mutmaßlichen Bombenleger von ­Essen waren offenbar tiefer in islamistische Strukturen eingebunden, als es bisher schien. So hielten sie sich kurz vor dem Angriff auf den Sikh-Tempel in einer Essener Moschee auf, in der Islamisten seit langem auffällig präsent sind. Jetzt werten die Ermittler unter Hochdruck Videomaterial aus der Moschee aus.

Eine weitere einschlägige Spur führt nach Duisburg. Dort sollen die beiden, Yussuf T. aus Gelsenkirchen und Mohammed B. aus Essen, oft in einem Reisebüro in Rheinhausen gebetet haben. Der Inhaber steht laut Polizei unter Verdacht, ein selbsternannter Imam mit guten Kontakten in die salafistische Szene bis hin nach Syrien zu sein. Er erklärte, er kenne die Jugendlichen nicht. Duisburgs Polizei bestätigte freilich, dass sie das Reisebüro im Blick habe und „dort auch schon öfter Gefährder­ansprachen durchgeführt“ habe.

Ein weiterer Kontakt bestand zu einem 17-Jährigen aus der Gegend von Wesel. Mit ihm, dem „Befehls­haber“, soll das Duo eine zwölf­köpfige WhatsApp-Gruppe gebildet haben, der vor allem minderjährige Deutsch-Türken angehörten. Wie die Tageszeitung „Die Welt“ berichtet, habe die Polizei die Telefone der beiden 16-Jährigen inzwischen ­ausgewertet. Ermittler bezeichnen die Jugendlichen demnach als ­„augenscheinliche IS-Fans“. Ebenfalls per Textnachricht soll T. dem 17-Jährigen informiert haben, dass er die Bombe gelegt habe.

Und so scheint es, dass der Angriff auf den Tempel vielleicht doch ­besser vorbereitet war, als die beiden Verdächtigen es selbst beschrieben – mehr oder weniger als Zufallstat. Doch nach Informationen des „Spiegel“ fanden Beamte im Kinderzimmer von Mohammed B. in Essen einen USB-Stick, auf dem ein Video gespeichert war. Der Film, in dem T. zu sehen sein soll, zeige die Deto­nation einer selbst gebauten Bombe im freien Gelände. Die Ermittler ­bewerteten das als Probesprengung.

Weiter fanden sie in dem Zimmer Rechnungen über Chemikalien und Drähte, wie sie in dem Sprengsatz vor dem Tempel verwendet worden waren, sowie einen Fernzünder. Die Essener Polizei wollte sich dazu nicht äußern, um „die Ermittlungen nicht zu gefährden“.

Nach all dem prüft die Bundes­anwaltschaft in Karlsruhe nun, ob sie die Ermittlungen in dem Fall von der Staatsanwaltschaft Essen übernimmt. Das greift dann, wenn bei Kriminalfällen der Verdacht besteht, dass man es mit einer terroristischen Vereinigung zu tun haben könnte.

Die CDU-Opposition im Landtag wird in der nächsten Woche bean­tragen, die Altersgrenze zur Datenspeicherung bei jugendlichen ­Gefährdern auf 14 Jahre zu senken. Bisher dürfen solche Daten in Nordrhein-Westfalen nur gespeichert ­werden, wenn die Verdächtigen mindestens 16 sind. Die CDU begründet das nach dem Essener Anschlag mit einer „Verjüngung islamistischer ­Gefährderkreise“. mit epd
Bildunterschrift:
Ein Fahndungsfoto zeigt die beiden Tatverdächtigen. FOTO: DPA
Verkürzt erschien der Artikel auch in der NRZ


WAZ/NRZ, 03.05.2016 Assalam-Moschee im Visier

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WAZ/NRZ / Essen,Dienstag, 03.05.2016

Assalam-Moschee im Visier

Kurz vor dem Anschlag auf den Sikh-Tempel besuchten die Tempelbomber offenbar das Gotteshaus in Altenessen. Spekulationen über Hintermänner


Von Gerd Niewerth

Welche Rolle spielt die Assalam-Moschee auf der Altenessener Straße 6 beim Sikh-Attentat vom 16. April? Offenbar keine gute. Denn dass sich die 16 Jahre alten Tempelbomber nach Erkenntnissen der Fahnder kurz vor dem Anschlag in dem Altenessener Gebetshaus aufhielten, rückt diesen arabisch-islamischen Moscheeverein abermals in ein obskures Licht.

Wie diese Zeitung erfuhr, werten die unter Hochdruck arbeitenden Ermittler auch Videomaterial aus, das von der Problem-Moschee selbst mitgeschnitten wurde. Überwachungskameras gibt’s nicht nur am Eingang der Moschee, sondern auch reichlich in ihrem Inneren: angeblich ein halbes Dutzend.

Der Essener Realschüler Mohammed B. und der Gelsenkirchener Yussuf T. sollen am Sikh-Tempel um 19 Uhr den selbstgebastelten Sprengsatz gezündet haben. Drei Menschen wurden verletzt, einer schwer.

Schon wieder die Assalam-Moschee – das ARD-Politmagazin Report München zitiert einen LKA-Beamten so: „Die Einrichtung ist eine einschlägige Adresse, ein beliebter Treffpunkt für gefährliche Islamisten.“ Schon seit längerer Zeit gibt es eine auffällige Präsenz von Islamisten in der Altenessener Moschee: IS-Terrorist Silvio K. etwa war einst Stammgast in dieser Moschee. Auch der ehemalige Frida-Levy-Gesamtschüler Abdullah („Miqdad“), der im März 2011 als Dschihadist nach Afghanistan ging und dort als „Märtyrer“ ums Leben kam, soll sich dort radikalisiert haben.


„Wir wollen auf die Assalam-
Moschee zugehen und fragen,
was dort los ist.“
Muhammet Balaban, KIM

Bei Ali Rehan, einem ehemaligen, 2009 abgeschobenen Vorbeter der Assalam-Moschee, entdeckte man nicht nur ein Abschiedsvideo von Miqdad, sondern auch El Kaida-DVDs und eine Anleitung zur Herstellung von Bomben. Die vier Mitglieder der mutmaßlichen Terrorzelle um Marco G., die sich zurzeit in einem Staatsschutzprozess in Düsseldorf für den geplanten Anschlag auf den Pro-NRW-Vorsitzenden verantworten müssen, verkehrten ebenfalls in der Assalam-Moschee. Einer von ihnen, Tayfun S. (26) aus Essen, soll sogar einen Schlüssel besessen haben. Und jetzt die beiden Sikh-Attentäter Yussuf T. und Mohammed B., ein Schüler, der sich damit brüstete, „Killer der Ungläubigen“ zu sein.

Was hatten die beiden Teenager-Terroristen wenige Stunden vor dem Sikh-Attentat in der Moschee verloren? Haben sie sich dort gar den Segen für ihre feige Tat geholt?

„Report München“ berichtet unterdessen über mögliche Hintermänner. Der eine soll in Duisburg ein Reisebüro betreiben, Imam sein und über beste Kontakte zu Salafisten in Syrien verfügen. Der Mann streitet jedoch ab, das Terror-Duo radikalisiert zu haben. Eine Duisburger Polizeisprecherin bestätigt derweil, dass der Staatsschutz wachsam sei: „Wir haben das Büro seit längerer Zeit im Blick und dort auch schon öfter Gefährderansprachen durchgeführt.“

Als zweiten Hintermann nennt Report Tolga I. (17), der aus der Nähe von Wesel stammt. Mit ihm, dem „Befehlshaber“, soll das Duo eine zwölfköpfige Whatsapp-Gruppe gebildet haben. Tolga I. werden Verbindungen zu Dinslakener IS-Dschihadisten und zur Lohberger Brigade nachgesagt.

Und wie steht die Kommission Islam und Moscheen in Essen (KIM) zur Assalam-Moschee, die zu den meistfrequentierten der Stadt zählt, aber mit dem Dachverband praktisch nichts am Hut hat? „Ich war noch nie dort und kenne sie nicht“, sagt der Vorsitzende Balaban auf Anfrage. „Wir wollen aber auf die Moschee zugehen und fragen, was dort los ist .“


Korrektur in WAZ/NRZ 04.05.2016

SO IST ES RICHTIG: Die Assalam-Moschee befindet sich auf der Altenessener Straße 6. Dieser Abschnitt gehört zum Nordviertel und nicht – wie gestern irrtümlich berichtet – zu Altenessen.
Bildunterschrift:
Nur für 50 Personen ist die umstrittene Assalam-Moschee genehmigt, doch an manchen Tagen beten dort 350 Gläubige. Wenn drinnen kein Platz mehr ist, stehen sie auf dem Bürgersteig. Unser Bild entstand Ende August 2015 FOTO: STEFAN AREND

NRZ, 03.05.2016 Leserbrief Gefühllos

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NRZ / Essen, Rubrik Leser-Klartext,Dienstag, 03.05.2016

Gefühllos


Moscheeverein: Die Äußerung des Moscheevorstehers, „Wir haben damit nichts zu tun“, ist nicht nur erschreckend gefühllos, sie verunsichert auch die Öffentlichkeit. Wo bleiben, in Verantwortung für die vielen friedliebenden Muslime in unserer Stadt, eine Entschuldigung und vor allem, auch zur Warnung für vielleicht gefährdete Mitglieder, eine deutliche Ächtung der Taten und der Täter als unislamisch und verdammenswürdig?
Jürgen Bordt, per Mail

WAZ, 02.05.2016 Leserbrief Keine Zukunft

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WAZ / Essen, Rubrik Leserforum,Montag, 02.05.2016

Keine Zukunft


Anschlag Sikh-Tempel. Nur mit Glück sind wir als Büronachbarn dem Anschlag auf den Sikh-Tempel entgangen. Muslime bekämpfen Andersdenkende und westliche Werte, deren Annehmlichkeiten sie aber wahrnehmen. Integration ist eine Frage des Willens. Nicht der Bildung. Wann kommt die ungute Allianz aus Gutmenschen, egozentrierter Politik und abwiegelnder Presse in der Realität an? Jetzt soll durchgegriffen werden. Lächerlich! Für meine Familie liegt die Zukunft nicht in diesem (Bundes-)Land.
Heike Olmes, Essen

WAZ, 02.05.2016 Leserbrief Deutsch predigen

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WAZ / Essen, Rubrik Leserforum,Montag, 02.05.2016

Deutsch predigen


Tempelbomber verhöhnte Paris-Opfer. Wer trägt die Verantwortung? Und wer in unserer Stadt verantwortlich dafür, dass es nach Jahren der Integration soweit kommen konnte? Was mir bei aller Ratlosigkeit einfällt: In allen Moscheen wird auf Deutsch gepredigt. Jeder hat – unabhängig von seiner Religionszugehörigkeit – Zutritt zu Gebeten und Predigten in Moscheen. Das ist in Kirchen auch so. Illusorisch? Lippenbekenntnisse reichen nicht, um Vertrauen zu schaffen.
Susanne Schmitz, Essen

WAZ/NRZ, 30.04.2016 Tempelbomber verhöhnte Pariser Terror-Opfer / Kommentar

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WAZ/NRZ / Essen,Freitag, 30.04.2016

Tempelbomber verhöhnte Pariser Terror-Opfer

Schon am 27. November 2015 hat diese Zeitung das Facebook-Profil des mutmaßlichen Terroristen Mohammed B. veröffentlicht. Darauf brüstete er sich damit, der „Killer der Ungläubigen“ zu sein


Von Gerd Niewerth

Der Essener Salafist Mohammed B. (16) steht unter schwerem Terror-Verdacht. Gemeinsam mit seinem Kumpanen Yussuf T. (16) aus Gelsenkirchen soll er vor zwei Wochen eine Bombe in den Sikh-Tempel auf der Bersonstraße geschleudert haben. Wie sich jetzt herausstellt, handelt es sich bei dem Essener Realschüler um denselben „Mohammad“, den diese Zeitung schon am 27. November 2015 auf dem Bildschirm hatte. Unter der Schlagzeile „Blutspur des Dschihad reicht bis nach Essen“ veröffentlichte der Lokalteil einen Screenshot seiner hasserfüllten Facebook-Seite. Ein Foto, das schockiert: Denn unter dem Namen „Mohammad Sham“ brüstet sich der Teenager als „Kuffr-Killer“. Ein schauriger Jargon, der aus dem Dschihadisten-Milieu stammt: „Kuffr“ oder auch „Kuffar“ sind „Ungläubige“, denen der 16-Jährige als „Killer“ entgegentritt.

Eine makabre, ja prophetische Bezeichnung, die am 16. April auf der Bersonstraße um ein Haar Wirklichkeit geworden wäre. Denn bei dem heimtückischen Bombenanschlag auf die Sikh-Hochzeitsgesellschaft werden drei Menschen verletzt, einer von ihnen schwer.

Damit nicht genug: Unmittelbar nach dem islamistischen Massaker in Paris vom 13. November aktualisierte der Essener Schüler sein für jedermann zugängliches Facebook-Profil. Jetzt prangte die Trikolore oben auf seiner Seite – allerdings nicht mit den damals populären Trauer- und Beileidssymbolen. Stattdessen wird die französische Fahne mit einem Stiefelabdruck verunglimpft: eine unerträgliche Verhöhnung der 130 Terroropfer.

Auch drei Wochen nach dem Paris-Attentat und eine Woche nach dem Bericht in dieser Zeitung zeigte Mohammed B. keinerlei Anzeichen von Reue. Im Gegenteil: Über seine inzwischen anonymisierte Facebook-Seite schrieb er am 3. Dezember 2015 vorwurfsvoll an die Facebook-Seite der WAZ Essen: Was fällt Euch ein? -.-“. Auf unsere Nachfrage („Was meinst Du?“) schickte er einen Screenshot unseres Online-Berichtes mit dem anstößigen Facebook-Foto und schrieb: „Das mein ich“.

Daraufhin reagierte unsere Redaktion mit dieser scharfen Klarstellung: „Dein Profilbild steht symbolisch für den Hass, den gewaltbereite Islamisten gegenüber der westlichen Gesellschaft empfinden: Du verherrlichst mit deinem Facebook-Auftritt die Terroranschläge von Paris und verhöhnst die Opfer, und du suggerierst/drohst, dass du (in deinen Augen) Ungläubige töten möchtest. Wir finden das schockierend.“


„Du verherrlichst
mit deinem Face-
book-Auftritt die
Terroranschläge von
Paris und verhöhnst
die Opfer.“
Facebook-Nachricht
der Redaktion an
Mohammed B. am
3. Dezember2015


„Wir haben damit
nichts zu tun, pro
Woche kommen bis
zu 4000 Menschen
zu uns, wir können
nicht alle kennen.“
Vorsitzender
der Assalam-Moschee

Im Innenausschuss des Landtages berichtete ein Referatsleiter von Innenminister Ralf Jäger (SPD) am Donnerstag, dass die Staatsschutz-Inspektion gegen den „Kuffr-Killer“ Mohammed B. wegen dschihadistischer Symbole auf seinem Facebook-Profil ermittelt habe. Allerdings, so heißt es, sei das Ermittlungsverfahren von der Staatsanwaltschaft Essen eingestellt worden, weil ihm keine Straftat zur Last gelegt werden konnte. Wie die weiteren Ermittlungen ergaben, wurde der 16-Jährige, ein Heranwachsender mit türkisch-kurdischen Wurzeln, im Januar wegen Körperverletzung angezeigt und nur einen Tag vor dem Tempelanschlag wegen versuchten Einbruchs festgenommen. Und unmittelbar nach dem Attentat hatte er Kontakt zu einem 16-jährigen Salafisten aus Wesel.

Der Bombenanschlag hat die Sicherheitsbehörden in Alarmstimmung versetzt. Und auch die verunsicherte Öffentlichkeit will wissen, ob und wie fest die Tempelbomber in dschihadistische Terrornetzwerke eingebunden sind.

Nach Informationen dieser Zeitung haben die beiden mutmaßlichen Teenager-Terroristen in Essen offenbar Kontakt zu zwei Moscheen: zur Assalam-Moschee auf der Altenessener Straße 6 und zu ihrem Ableger, der Al-Faruk-Moschee auf der Bersonstraße 11, die direkt neben dem Sikh-Tempel steht. Auch am Tattag sollen die beiden Tatverdächtigen in der Assalam-Moschee gewesen sein.

Der Vorsitzende des Moscheevereins reagierte auf Anfrage dieser Zeitung aufgeregt und kurz angebunden auf eine eventuelle Verbindung des Islamvereins zu den Terrorverdächtigen: „Wir haben damit nichts zu tun, pro Woche kommen drei- bis viertausend Menschen zu uns, wir können nicht alle kennen.“ Weitere Auskünfte lehnte der Vorsitzende brüsk ab – und kappte die Handyverbindung.


(Nur WAZ:) Kommentar Moscheen besser kontrollieren

Von Gerd Niewerth

Der islamistisch motivierte Bombenanschlag auf den Essener Sikh-Tempel ist an sich schon verstörend genug. Jetzt kommt auch noch die schmerzliche Gewissheit hinzu, dass die beiden erst 16 Jahre alten Bombenleger durch das Präventionsnetz gefallen sind.

Es beschleicht einen der böse Verdacht, dass die bisherigen Maßnahmen bei weitem nicht ausreichen, um Schlimmes zu verhindern. Insbesondere der Sicherheitsapparat mit seinem Innenminister an der Spitze muss sich fragen lassen, warum die beiden Bombenleger – um im Bilde zu bleiben – nicht entschärft werden konnten.

Widerlegt dürfte die Annahme sein, dass es sich bei den beiden mutmaßlichen Terror-Teenagern um durchgedrehte Einzeltäter handelt. Vieles spricht nun dafür, dass sie Teil eines Terrornetzwerkes sind, das sich mitten in dieser Stadt ausgebreitet hat.

An dieser Stelle rücken unweigerlich die Essener Moscheen ins Blickfeld, in denen sich die Lebenswege heranwachsender Salafisten, Sympathisanten des Heiligen Krieges und womöglich späterer Dschihadisten kreuzen.

Die gebetsmühlenartig vorgetragene Entschuldigung, man könne nicht allen Betern in den Kopf schauen, kommt mit jedem neuen Vorfall unglaubwürdiger, ja grotesker daher. Schon bei der umstrittenen Einladung des Hasspredigers in eine Steeler Moschee wollte man der verblüfften Öffentlichkeit achselzuckend weismachen, aus blanker Unwissenheit heraus gehandelt zu haben.

Nichts spricht dafür, dass junge Muslime bei den traditionell gut besuchten Freitagsgebeten zu Terrorakten aufgepeitscht werden und in blinder Wut mit Sprengstoffgürteln hinausrennen.

Aber die Vermutung keimt auf, dass einige Problem-Moscheen wie die Assalam-Moschee den Nährboden bilden, auf dem sich Wut und Hass auf monströse Weise auswachsen. Eine wirksame Kontrolle der Moscheen ist notwendig. Wer nichts Schlechtes im Schilde führt, hat auch nichts zu verbergen.
Bildunterschrift:
  • Eine Überwachungskamera der Evag filmte die beiden mutmaßlichen Tempelbomber Mohammed B. (rechts im Bild) und Yussuf T. an der U-Bahnstation Bamlerstraße in der Nähe des Tatortes auf der Bersonstraße.FOTO: POLIZEI ESSEN/DPA
  • Das schockierende Facebook-Profil von Mohammed B.FOTO: GN Symbol: Stiefelabruck auf französischer Flagge, Text: "Mohammed (Kuffr-Killer)"
  • Anschlag auf Sikh-Tempel: Drei Menschen wurden verletzt. FOTO: KDF-TV
  • Stadtplanauszug Innenstadt, gesondert markiert sind "Al-Faruk-Moschee", "Sikh-Tempel", "Assalam-Moschee"

WAZ/NRZ, 29.04.2016 Sikh-Attentäter war im Aussteigerprogramm

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WAZ / Titelseite (Mantel),Freitag, 29.04.2016

Sikh-Attentäter war im Aussteigerprogramm

Beide 16-Jährige waren schon lange auffällig


Essen/Düsseldorf. Die mutmaßlichen Bombenleger vom Essener Sikh-Tempel waren den NRW-Sicherheitsbehörden viel bekannter, als zunächst eingeräumt worden war. Wie Innenminister Ralf Jäger (SPD) am Donnerstag im Landtag erklären ließ, wurde der 16-jährige Yussuf T. aus Gelsenkirchen bereits seit 2014 im Präventionsprogramm „Wegweiser“ des Landes gegen gewaltbereiten Salafismus betreut. Er stand im Verdacht, sich in Syrien der Terrororganisation „Islamischer Staat“ anschließen zu wollen und traktierte Mitschüler bis zum zeitweiligen Ausschluss vom Realschulbesuch. Nur vier Tage vor dem Bombenanschlag auf den Essener Sikh-Tempel, bei dem am 16. April drei Menschen verletzt wurden, war Yussuf T. mit seiner Mutter noch bei einem „Wegweiser“-Beratungsgespräch.

Die Opposition im NRW-Landtag reagierte empört: „Wenn man schon jemandem, der im Präventionsprogramm des Landes ist, nicht von einem Anschlag abhalten kann, wen denn eigentlich dann?“, fragte CDU-Innenexperte Gregor Golland.

Wie erst jetzt bekannt wurde: Auch gegen den Essener Mittäter Muhammed B. (16) hat der Staatsschutz bereits ermittelt, weil er im Internet den islamistischen Terror verherrlichte. tobi Kommentar Seite 1 Bericht Rhein-Ruhr
Verkürzt erschien der Artikel auch in der NRZ


WAZ, 29.04.2016 Kommentar Islamisten – durchs Netz gerutscht

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WAZ / Titelseite (Mantel), Rubrik Kommentar,Freitag, 29.04.2016

Islamisten – durchs Netz gerutscht


Tobias Blasius zu Sikh-Attentätern

Die Attentäter vom Essener Sikh-Tempel haben sich nicht in einem islamistischem Getto, einem deutschen Molenbeek radikalisiert, sondern als im Ruhrgebiet aufgewachsene Realschüler. Mit aufmerksamen Lehrern, die früh Sozialarbeiter und Verfassungsschutz alarmierten. Mit einem Kinderzimmer, das nicht zum Bombenbauen vorgesehen war. Mit Eltern, die den zur Fahndung ausgeschriebenen Sohn persönlich zur Polizeiwache schleppten.

Je mehr sich der Nebel des Anschlags auf das Essener Gemeindehaus lichtet, desto deutlicher wird: Die 16-jährigen Bombenleger sind durch ein Präventionsnetz gerutscht, auf das die NRW-Behörden immer so stolz waren.

Dass der eine Tatverdächtige seit 2014 im Landesprogramm „Wegweiser“ gegen gewaltbereiten Salafismus betreut wurde und der andere bereits den Staatsschutz wegen IS-Propaganda im Nacken hatte, wirft Fragen auf. Hat der Sicherheitsapparat wirklich alle „Gefährder“ auf dem Radar? NRW-Innenminister Jäger dürfte seine Kritik an der angeblich fehlenden Wachsamkeit der belgischen Behörden nach den Brüsseler Anschlägen Ende März so schnell nicht wiederholen.

WAZ/NRZ, 29.04.2016 Betreute Bombenleger

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NRZ / Politisches Magazin,Freitag, 29.04.2016

Betreute Bombenleger

Anschlag auf Sikh-Tempel: Verdächtige waren NRW-Behörden als Salafisten bekannt


Von Tobias Blasius

Düsseldorf. Yussuf T. und Mohammed B. treffen sich am Nachmittag des 16. April in B.s Kinderzimmer in Essen, um einen entleerten Feuerlöscher mit sprengbaren Chemikalien zu befüllen. Magnesium, Schwefel, Gips und Teile für den Elektrozünder haben die beiden 16-jährigen im Internet bestellt. Die Bauanleitung gab es bei Youtube. Wenige Stunden darauf detoniert die gebastelte Bombe vor dem Sikh-Tempel in der Essener Bersonstraße. Drei Menschen werden verletzt, eine noch größere Katastrophe verhindert nur eine standfeste Glastür im Eingangsbereich des von Indern und Afghanen besuchten Gemeindehauses.

In den Verhören sagen Yussuf T. und Mohammed B. später aus, sie hätten den Sprengsatz aus „Spaß am Böllerbauen“ gezündet. Den Sikh-Tempel hätten sie ohne Grund ausgewählt. Es gebe keinen religiösen Hintergrund für den Anschlag. Die Zweifel an dieser Zufallstheorie wachsen täglich, immer neue Einzelheiten über den salafistischen Hintergrund der beiden türkischstämmigen Jugendlichen aus Gelsenkirchen und Essen werden bekannt. Mehr noch: Inzwischen drängt sich der Eindruck auf, Yussuf T. und Mohammed B. haben sich unter den Augen der NRW-Behörden radikalisiert. Ein Anschlag mit Ansage?

Was Innenminister Ralf Jäger (SPD) dem Landtag gestern über seinen Referatsleiter für Kriminalitätsangelegenheiten mitteilen ließ, machte einige Parlamentarier sprachlos: Yussuf T. befand sich seit 2014 im Präventionsprogramm „Wegweiser“ des Landes gegen gewaltbereiten Salafismus. Die aufmerksame Leitung seiner Gelsenkirchener Realschule hatte sich damals wegen einer offenkundigen Radikalisierung des Jungen an den NRW-Verfassungsschutz gewandt. Yussuf T. verherrlichte die Terroranschläge des Islamischen Staats, stand im Verdacht, sich in Syrien zum Kämpfer ausbilden lassen zu wollen. Er beteiligte sich an einer Koran-Verteilaktion in der Fußgängerzone, bespuckte Mitschülerinnen, drohte einem jüdischen Mädchen, ihm das Genick zu brechen.

Yussuf T. wurde zeitweilig vom Schulbesuch ausgeschlossen, auf eine andere Realschule geschickt, vor allem immer wieder zu Beratungsgesprächen im Programm „Wegweiser“ gebeten. Zuletzt hatten die Behörden ihn und seine Mutter am 12. April zu Gast, vier Tage vor dem Essener Terrorakt. „Wenn man schon jemandem, der im Präventionsprogramm des Landes ist, nicht von einem Anschlag abhalten kann, wen denn eigentlich dann?“, empörte sich CDU-Innenexperte Gregor Golland.

Innenminister Jäger verwies schmallippig auf die Grenzen der Sozialarbeit: „Wir können die Tür nur aufmachen, aber die Betroffenen müssen durchgehen.“ Im Programm „Wegweiser“ betreut das Land 160 Jugendliche auf der Kippe zum Salafismus.

Auch der Essener Mohammed B. war den Behörden schon besser bekannt, als zunächst eingeräumt worden war. Im Januar wurde er wegen Körperverletzung angezeigt. Am 15. April, nur einen Tag vor dem Anschlag, wurde er wegen versuchten Einbruchs festgenommen. Seine beiden älteren Brüder sind nach NRZ-Informationen im Intensivtäter-Programm des Essener Polizei.

Vor allem aber: Die Staatsschutz-Inspektion der Essener Polizei ermittelte bereits gegen Mohammed B., weil sein Facebook-Profil dschihadistische Symbole zierten und er unter dem Namen „Puffer Killer“ den Islamischen Staat verherrlichte. Kurz nach dem Anschlag hatte er Kontakt zu einem behördenbekannten 16-jährigen Salafisten aus Wesel, der bereits mit einer Ausreisesperre belegt wurde. NRZ


Wegweiser soll ausgebaut werden
  • Im Programm „Wegweiser“ betreut das Land 160 Jugendliche auf der Kippe zum Salafismus. Es gibt weitere 4500 Anfragen nach Plätzen.
  • Verfassungsschutz-Chef Burkhard Freier will das Netzwerk in Nordrhein-Westfalen angesichts des großen Bedarfs landesweit ausbauen.

Bildunterschrift:
Das Überwachungsfoto zeigt die beiden mutmaßlichen Täter. FOTO: POLIZEI ESSEN
Etwas gekürzt erschien der Artikel auch in der WAZ



WAZ/NRZ, 26.04.2016 16-Jähriger vor Bombenanschlag wegen Straftat in Gewahrsam

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WAZ/NRZ / Essen,Dienstag, 26.04.2016

16-Jähriger vor Bombenanschlag wegen Straftat in Gewahrsam

Einbruchsversuch: Mohammed B. festgenommen


Einer der mutmaßlichen Tempelbomber von der Bersonstraße hatte am Tag vor dem Anschlag auf die Sikh-Gemeinde einen intensiven Kontakt mit der Polizei. Nach einem Einbruchsversuch in Borbeck wurde Mohammed B. erwischt und festgenommen. Dies bestätigte Polizeisprecher Ulrich Faßbender auf Nachfrage. Danach sei das passiert, was in solchen Fällen üblich ist: Die Personalien des Jugendlichen seien aufgenommen worden, ein Strafverfahren wurde eingeleitet, danach konnte der 16-Jährige wieder nach Hause gehen. Mohammed B. ist den Essener Behörden seit längerem bekannt. Nach Informationen dieser Zeitung ist der 16-Jährige ein so genannter Intensivtäter, hat bereits mehrere Straftaten auf dem Kerbholz und wird in einem speziellen Programm der Polizei betreut. Über eine Woche nach dem Anschlag arbeiten die Ermittler weiter daran, mögliche Verbindungen von Mohammed B. und Yusuf T. in die Salafisten-Szene abzuklären. j.m.

WAZ/NRZ, 25.04.2016 Die Sikhs bekennen Farbe gegen den Terror

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WAZ/NRZ / Essen,Montag, 25.04.2016

Die Sikhs bekennen Farbe gegen den Terror

Drei große geschmückte Wagen, knapp 800 Teilnehmer und unzählige Köstlichkeiten: Die Prozession der Religionsgemeinschaft ging am Samstag nach dem Tempel-Anschlag ohne Zwischenfälle über die Bühne


Von Susanne Klose

Zwei Männer in fein verzierten, schwarz-gelben Kostümen, mit imposanten Bärten und geschmückten Turbanen auf dem Kopf umkreisen sich leichtfüßig mit Schwert und Schild. Umringt von Zuschauern, die sofort ihre Handys zücken, schlagen die Männer blitzschnell aufeinander ein. Schwert auf Schild, immer und immer wieder, jeder Treffer sitzt. Was so martialisch anmutet, ist eine Kostprobe der Kampfkunst „Gatka“, die Männer sind Teil der Gruppe „Miri Piri Gatka Akhara France“. Sie sind extra aus Paris für die Essener Prozession mit über 800 Sikhs angereist, die bunt gekleidet und lautstark vom Tempel an der Bersonstraße Schritt für Schritt zum RWE-Stadion ziehen. Selbstbewusst und weltoffen – trotz und ein wenig wohl auch wegen des Terroranschlags auf ihre Gebetsstätte im Nordviertel.

Ab 10 Uhr am Samstag sammeln sich am Stammsitz die zahlreichen Gläubigen zum gemeinsamen Frühstück unter den Augen der Polizei. Die zeigt deutliche Präsenz. „Wir sind heute natürlich besonders sensibilisiert“, erklärt Polizeipräsident Frank Richter. „Uns lagen aber keinerlei Hinweise auf mögliche Gefahren vor.“ Doch so lange die Hintergründe des Sprengstoff-Anschlags mit drei Verletzten ungeklärt sind, können weitere Taten kaum ausgeschlossen werden. Deshalb hat man in Absprache mit der Gemeinde vorsorglich die Route geändert – anstatt auf dem Kennedyplatz endet die Prozession nun am RWE-Stadion. Dorthin startet der Festzug mit leichter Verspätung gegen halb 12 unter den Dudelsackklängen der „The Rhine Area Pipes & Drums Düsseldorf“. In Begleitung der Sikhs ziehen die drei prunkvoll geschmückten Wagen über die Bottroper Straße – ein schillernd bunter Anblick, den Essen so noch nie gesehen hat.

Vor dem Stadion begrüßt auch Oberbürgermeister Thomas Kufen die Gläubigen. Er findet klare Worte zum Anschlag auf die Sikhs: „Die Gemeinde ist ein Teil unserer Stadt. Ich bin auch der Oberbürgermeister der Sikhs in Essen. Wir dürfen uns nicht einschüchtern lassen.“

Das bekräftigt auch Taman Gogar noch einmal. Die Prozession ist für den gläubigen Sikh aber nicht nur aus religiösen Gründen wichtig. „Die Menschen sollen uns und unsere Gemeinschaft besser kennen lernen.“ Daher verteilen Freiwillige Broschüren und Faltblätter, die detailliert über die Religion aufklären. Denn – so Gogar – häufig würden sie wegen der Turbane und der Bärte mit den Taliban, einer islamistischen Terrortruppe, verwechselt.

Einen ähnlichen Hintergrund vermutet derweil auch die Polizei, die eine Woche nach dem Attentat auf den Tempel der Sikhs nach Hintermännern fahndet – eine Einschätzung, die nicht alle teilen. „Ich glaube nicht, dass das Attentat dem IS zuzurechnen ist“, meint Anna Pal-Singh, die seit 40 Jahren mit einem Sikh verheiratet und für die Prozession aus Bonn angereist ist. Für sie steht aber wie für Melanie Kaur aus Duisburg das friedliche Miteinander im Vordergrund: „Jeder ist bei uns willkommen.“


Der Nagar Kirtan – die Sikh-Prozession

  • Der Begriff Nagar Kirtan beschreibt eine religiöse Prozession.
  • Anlass war vergangenen Samstag das Vaisakhi-Fest – der Tag an dem Guru Gobind Singh Ji im Jahr 1699 die Sikh-Gemeinschaft gegründet hat.
  • Als Zeichen des Respekts bedecken alle Männer und Frauen ihr Haupt entweder mit einem Tuch Fetter Textoder einem Turban.
    Bildunterschrift:
  • Rund 800 Teilnehmer ließen sich von dem Attentat auf den Sikh-Tempel in Essen vergangene Woche nicht einschüchtern. Die Polizei hatte die Route der Prozession in Absprache mit der Gemeinde geändert. FOTO: IMAGO
  • Männer tragen die Nishan Sahib – die Fahne der Sikhs. FOTO: SOCRATES TASSOS

WAZ/NRZ, 25.04.2016 Leserbrief Problem-Stadtteil

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WAZ/NRZ / Essen, Rubrik Leserforum / Leser-Klartext,Montag, 25.04.2016

Problem-Stadtteil


Zum Anschlag auf Sikh-Tempel. In Ihrem Bericht schreiben Sie u. a.: ... Seinen Komplizen nehmen die Fahnder in dessen Elternhaus im Essener Problem-Stadtteil Altendorf fest. Warum schreiben Sie schon wieder „Problem-Stadtteil Altendorf“? Das Zusatzwort ist absolut überflüssig! Inzwischen weiß ja fast jeder Essener, dass Altendorf ein Problem-Stadtteil geworden ist. Schlimm genug! Aber durch den regelmäßigen Hinweis darauf in der Presse wird alles noch viel schlimmer!
Hannelore Winterhoff, Essen

WAZ/NRZ, 23.04.2016 Sikh-Prozession zieht heute zum Stadion

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WAZ/NRZ / Essen,Samstag, 23.04.2016

Sikh-Prozession zieht heute zum Stadion

Sicherheitsbedenken nach Terrorakt. Ermittlungen laufen


Von Jörg Maibaum

Auch wenn der Polizei nach dem Terrorakt gegen den Sikh-Tempel am vergangenen Samstag nach eigener Aussage keine konkreten Hinweise auf eine mögliche weitere Bedrohung vorliegen, so gilt für die Behörden dennoch nach wie vor die höchste Alarmstufe.

Ein klares Indiz dafür: Aus Sicherheitsgründen wurde die für den heutigen Samstag geplante Groß-Prozession der indischen Glaubensgemeinschaft von der Berson-straße im Nordviertel zum Kennedyplatz in der Innenstadt abgesagt. Die zentrale Veranstaltung wird nach einem Zug durch die Gemeinde nun am Rot-Weiss-Stadion an der Hafenstraße stattfinden. Dies bestätigte Polizeisprecher Lars Lindemann gestern auf Nachfrage.

Auf den neuen, weniger zentralen Ort hatten sich Vertreter der Sikhs und der Stadt bei einem Gespräch mit dem Polizeipräsidenten in der Nacht zu Freitag geeinigt. „Das Stadionumfeld“, so Lindemann, „ist für uns leichter im Auge zu behalten als der Kennedyplatz.“

Nachdem den Ermittlern klar geworden war, dass es sich bei dem Bombenanschlag offenbar um eine islamistisch motivierte Tat handelte, habe die Behörde ihr Einsatzkonzept für die Sikh-Prozession den neuen Erkenntnissen angepasst. „Wir werden deshalb deutlich mehr Polizisten im Einsatz haben als zunächst geplant“, sagte Lindemann. Bevor der Sprengsatz an der Bersonstraße hochgegangen war, ist die Behörde noch davon ausgegangen, sich bei der Sikh-Prozession auf ein paar verkehrslenkende Maßnahmen beschränken zu können.

Doch die Sicht der Dinge ist inzwischen eine komplett andere, seitdem die beiden 16-jährigen Yusuf T. und Mohammed B. unter dem Verdacht des versuchten Mordes in Tateinheit mit einer Herbeiführung einer Sprengstoffexplosion, so Oberstaatsanwältin Birgit Jürgens, in Untersuchungshaft sitzen. Mohammed B. ist der Polizei seit längerer Zeit bekannt und nach Informationen dieser Zeitung im Programm für jugendliche Intensivtäter.

Im Zusammenhang mit dem Anschlag haben die Ermittler am Donnerstagabend zwei weitere Jugendliche festgenommen. Es handelt sich um Bekannte der mutmaßlichen Terroristen. Eine Beteiligung an dem Anschlag sei ihnen nicht nachzuweisen gewesen. Man habe ihnen aber klar gemacht, dass die Ermittler sie im Auge behalten werden.

Nach wie vor ist unklar, warum sich die Jugendlichen ausgerechnet den Sikh-Tempel als Anschlagsziel aussuchten. Vielleicht hatten sie einen Auftraggeber. Die Suche nach möglichen Hintermännern geht weiter.
Bildunterschrift:
Nach dem Anschlag verzichten die Sikhs und Joginer Singh als einer ihrer Prediger auf die Prozession zum Kennedyplatz. FOTO: WEIHRAUCH

WAZ/NRZ, 22.04.2016 OB Kufen entsetzt über junge Täter

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WAZ/NRZ / Essen,Freitag, 22.04.2016

(WAZ:) OB Kufen entsetzt über junge Täter
(NRZ:) „16-Jährige! Was lief da falsch?“

(WAZ:) Stadtoberhaupt ist froh über die Festnahme der mutmaßlichen Bombenleger, die erst 16 Jahre alt sind. Evag-Videos lieferten entscheidende Bilder. Altendorf im Fokus
(NRZ:) Oberbürgermeister Thomas Kufen ist ebenso froh wie fassungslos über die Festnahme der mutmaßlichen Bombenleger. Evag-Videos lieferten entscheidende Bilder


Von Wolfgang Kintscher

Es ist eine Premiere, nicht nur für den OB: Noch nie hat sich ein Essener Stadtoberhaupt einfach so unter die Journalisten gemischt, um an einer Pressekonferenz der Polizei teilzunehmen. Erste Reihe vorne rechts, Thomas Kufen sitzt da und blickt ziemlich ernst drein. Nachher wird er sagen, dass er einfach das Gefühl hatte, „mein Platz ist heute hier – und nicht in einer Karnaper Kita, um den ,blauen Elefanten’ zu verleihen.“

Den „blauen Elefanten“ bekommen Einrichtungen vom Kinderschutzbund verliehen, wenn sie ein besonders vielfältiges Angebot bieten. Und vom Kümmern um die Kleinsten muss man den Bogen gar nicht mehr so weit schlagen zu dem, was den OB umtreibt: „Zwei 16-Jährige!“, sagt Kufen, als könnte er es selbst noch nicht fassen: „Wie können die auf so eine schiefe Bahn geraten? Was lief falsch? Wie haben die sich so radikalisiert?“

Ob man hätte eingreifen können, eingreifen müssen – darüber wird zu reden sein, wenn die Stadt irgendwann mehr weiß als nur, dass einer der beiden Täter aus Altendorf kommt. Ausgerechnet aus jenem Stadtteil also, den man zum Essener Sorgenquartier Nr. 1 erklärt hat, seit ein international bekannter Boxer dort angeschossen und ein Passant des Nachts von ebenfalls blutjungen Räubern tödlich verletzt wurde.


„Das ist nicht zwin-
gend der erste IS-An-
schlag in Deutsch-
land. Aber es gibt
Bezüge, ganz klar“
Frank Richter,
Polizeipräsident,
über den Terror-
bezug der Attentäter


„Wir holen die ja
nicht, setzen sie
auf einen Stuhl, und
dann erzählen die
zehn Stunden was“
Lars Lindemann,
Polizeisprecher,
über die vielen
offenen Fragen

Jetzt kommt ein Bombenleger dazu, und das, so der OB, ist ja nicht mehr nur Sache der Politik: „Das muss jeden sorgen. Da ist mir auch Wurst, ob es sich um einen Islamisten oder einen Rechtsextremisten handelt.“

Immerhin, ein schwacher Trost bleibt Kufen: der schnelle Fahndungserfolg, nur rund 100 Stunden nach dem Terroranschlag auf das Gemeindezentrum der Sikh-Religion an der Bersonstraße im Nordviertel. Entscheidenden Anteil hatten wohl gestochen scharfe Bilder von Überwachungskameras der Essener Verkehrs-AG am U-Bahnhof Bamlerstraße. Ein Umstand, der jedem regelrecht grotesk vorkommen muss, der beim Ortstermin einen versifften und mit Graffiti völlig übersäten Treppenabgang vor sich hat. Dass hier jemand genauer hinschaut – und sei’s via Kamera – scheint abwegig.

Doch just hier wurde vor ein paar Monaten brandneue Überwachungstechnik angeschafft, wie Evag-Sprecher Nils Hoffmann bestätigt: Kamera BLS P-2, an unauffälliger Stelle im gläsernen Aufzugs-Vorbau angebracht, lieferte jene gestochen scharfen Fotos, die der Polizei die Öffentlichkeits-Fahndung erleichterte. „Ein gutes Zusammenspiel“ zwischen Polizei, Stadt und Evag, fand gestern der OB. Dass die mutmaßlichen Täter schon nach so kurzer Zeit dingfest gemacht werden konnten, „das ist auch unser Erfolg“.

Damit aber ist der Vorrat an guten Nachrichten für die Stadt auch schon erschöpft. Kufen ist überzeugt: „Das Nachbeben des Anschlags“, und sei er am Ende mit nur drei Verletzten auch eher glimpflich abgelaufen, „wird uns noch Jahre bewegen.“


Evag 72 Stunden im Bilde
  • Die neuen Überwachungskameras der Evag liefern Aufnahmen in HD-Qualität.
  • Diese bleiben im Zuge einer so genannten „Ringspeicherung“ für 72 Stunden auf einem Server verfügbar, bevor sie anschließend unwiederbringlich überschrieben werden.

Bildunterschrift:
„Der Bezug zur islamistischen Szene besorgt mich auch persönlich“, sagte OB Thomas Kufen am Rande der Polizei-Pressekonferenz. Im Hintergrund die Evag-Aufnahmen der mutmaßlichen Täter mit unkenntlich gemachten Gesichtern. FOTO: WK

NRZ, 22.04.2016 Kommentar Eine Horrorvorstellung fürs Kopf-Kino

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NRZ / Essen,Freitag, 22.04.2016

Eine Horrorvorstellung fürs Kopf-Kino


Von Wolfgang Kintscher

Als die Kameras ausgeschaltet waren und die Mikrofone verstaut, da stellte Thomas Kufen gestern am Rande der Polizei-Pressekonferenz etwas ratlos jene Frage, die wohl jedem von uns unwillkürlich in den Sinn kommt: „Was haben wir eigentlich mit 16 gemacht?“

Die erste Rockpalast-Nacht durchgefeiert und für mehr Taschengeld Zeitungen ausgetragen, am heimischen Küchentisch die ersten größeren Kämpfe ausgefochten und in der Schule wortreich die Welt gerettet. Mit sechzehn durfte man mehr und nutzte das auch, die Tür zum Erwachsenwerden stand plötzlich sperrangelweit offen, es war eine Zeit der großen Gefühle und großspuriger Pläne aus geschützter behüteter Position, es war das Zwischengeschoss auf dem Weg in die langersehnte Freiheit mit 18.

Und auch wenn die jungen Leute heutzutage anders erwachsen werden, schneller, ungebremster, was wir manchmal toll finden und mitunter auch sehr schade – am Ende sind die Etappen doch die gleichen. Und man fragt sich, was um alles in der Welt schief gelaufen ist mit zwei Jungs, die mit der U-Bahn nicht zum Konzert oder zu ein paar Kumpels fahren, sondern ein eher unscheinbares Sikh-Gemeindezentrum in einem Gewerbegebiet ansteuern, dort eine (selbstgebastelte?) Bombe platzieren und hernach das Weite suchen. Auf dem Überwachungsvideo, das die Polizei im Zuge der Fahndung veröffentlichte, sieht man noch den Blitz und die Wucht der Explosion, die die umstehenden Autos erzittern lässt.

Das Kopf-Kino schaltet sich von alleine an: Was, wenn die Bombe – unabsichtlich gezündet – in der U-Bahn hochgegangen wäre? War die Platzierung am Eingang eines größtenteils leeren Gemeindesaals Absicht, oder eher Zufall? Und welche Motivation, welche Verblendung bringt zwei Jugendliche überhaupt dazu, den Tod oder schwerste Verletzungen anderer zumindest billigend in Kauf zu nehmen?

Was ist bei den beiden Jungs schief gelaufen? Ja, gute Frage. Fast wünscht man, es würde sich im Laufe der Ermittlungen herausstellen, dass da bei den beiden 16-Jährigen in der Tat gehörig was schiefgelaufen ist, dass es greifbare Umstände gab, die einem ein Erklärungsmuster für diese Rohheit bieten. Denn die Alternative frisst sich als bohrendes Misstrauen in den Alltag unserer Gesellschaft: Traue aus bestimmten Kreisen niemandem. Nicht mal denen, die ihr Leben noch vor sich haben.

Eine unerträgliche Vorstellung.

Vor der Festnahme

WAZ/NRZ, 21.04.2016 Nach Fehlgriff läuft Fahndung weiter

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WAZ/NRZ / Essen,Donnerstag, 21.04.2016

Nach Fehlgriff läuft Fahndung weiter

Sprengstoff-Anschlag auf Sikh-Tempel: Verdacht gegen zwei Festgenommene hat sich nicht erhärtet. Indische Gemeinde rechnet mit 6000 Prozessions-Teilnehmern


Von Jörg Maibaum und Britta Prasse

Die Fahnder griffen gegen Mitternacht zu: In Essen und Bochum nahm die Polizei am späten Dienstagabend zwei junge Männer unter dem Verdacht vorläufig fest, den Sprengstoffanschlag mit drei Verletzten auf den Sikh-Tempel an der Bersonstraße im Nordviertel verübt zu haben.

Die Beiden wurden auf dem Präsidium verhört, ihre Wohnungen durchsucht, nachdem ein Hinweisgeber sich zuvor bei der Polizei gemeldet hatte. Er meinte, die beiden mutmaßlichen Attentäter auf den Fahndungsfotos erkannt zu haben. Doch der Zugriff stellte sich als Fehlgriff heraus. „Der Verdacht gegen die beiden Festgenommenen hat sich nicht weiter erhärtet“, sagte Polizeisprecherin Tanja Hagelüken am gestrigen Nachmittag. Kurze Zeit später kamen die beiden wieder auf freien Fuß, die Fahndung der Polizei nach den Unbekannten läuft auf Hochtouren weiter. Gestern veröffentlichte die Behörde ein neues, besseres Bild von den mutmaßlichen Tätern in der Hoffnung, nun dem richtigen Duo auf die Spur zu kommen.


„Der Verdacht
gegen die beiden
Festgenommenen
hat sich nicht wei-
ter erhärtet.“
Tanja Hagelüken,
Polizeisprecherin

Während die Polizei und die indische Gemeinde auf eine schnelle Aufklärung hoffen, schlägt der hinterhältige Anschlag auf den Essener Sikh-Tempel, bei dem die Gäste einer Hochzeitsfeier nur knapp einem Blutbad entronnen sind, weiterhin hohe Wellen. Auch der deutsche Sikh-Verband meldete sich jetzt mit einer Facebook-Botschaft zu Wort. Ein Sprecher bedankt sich darin bei der Polizei, beim Landeskriminalamt und bei Oberbürgermeister Thomas Kufen für die Unterstützung und Solidarität – und lud im gleichen Atemzug die Verantwortlichen des Anschlags zu der großen Sikh-Prozession am Samstag von der Bersonstraße zum Kennedyplatz ein. Das wiederum kam bei der Gemeinde in Essen nicht gut an. Man schaltete die Kriminalpolizei ein, die zweifelhafte Botschaft verschwand mit dem Hinweis: „Aus Kooperationsgründen mit der Polizei und vor allem, um deren Ermittlungen nicht zu behindern, wurde das Video auf deren Bitte vorerst aus der Chronik genommen.“ Dass die Essener Sikhs in diesem Zusammenhang eine Strafanzeige gegen Vertreter des Kölner Dachverbands gestellt haben sollen, konnte die Essener Polizei gestern nicht bestätigen. Wie auch immer: Der mediale Rummel nach dem Anschlag bleibt nicht ohne Wirkung, die Anteilnahme nach dem Anschlag ist hoch. Die Sikh-Gemeinde erwartet inzwischen 6000 Prozessions-Teilnehmer, die Polizei etwa die Hälfte. „Wir werden uns der Lage anpassen“, sagt Tanja Hagelüken: „Die Kräfte werden aufgestockt.“ Zur Sicherheit.
Bildunterschrift:
Wer kennt diese beiden jungen Männer? Hinweise: 829-0.

WAZ/NRZ, 15.04.2016 Sprengstoff im Rucksack

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WAZ/NRZ / Essen,Freitag, 15.04.2016

Sprengstoff im Rucksack

Anschlag auf Sikh-Tempel: Polizei fahndet mit Fotos


Von Jörg Maibaum

Nach dem Sprengstoffanschlag auf den Sikh-Tempel an der Bersonstraße fahndet die Polizei jetzt mit Fotos aus den Kameras, die das Gewerbegebiet im Nordviertel überwachen, nach dem Täter und einem Komplizen. Zudem hat die Staatsanwaltschaft eine Belohnung über 5000 Euro für Hinweise auf deren Identität ausgesetzt. Am Tatort fanden sich neben einer Maske Reste eines blauen Rucksacks mit braunen Riemen der Marke „Russel Athletic“. Es spricht vieles dafür, so Polizeisprecher Lars Lindemann, dass sich darin die Sprengladung befunden haben dürfte.

Beide Männer waren 1,70 bis 1,80 Meter groß und zwischen 20 und 30 Jahre alt. Der Rucksackträger mit Kopfbedeckung war bekleidet mit einem karierten Hemd, schwarzer Hose, schwarzer Jacke und vermutlich blauen Einweghandschuhen. Der andere trug einen grauen Kapuzenpullover, blaue Hose und eine schwarze Jacke mit weißem Aufnäher „3“. Hinweise unter: 829-8180.
Bildunterschrift:
  • Die Polizei sucht diesen Mann mit Rucksack...
  • ...und seinen mutmaßlichen Komplizen mit dem Käppi.

WAZ/NRZ, 19.04.2016 Nach dem Anschlag eine Prozession

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WAZ/NRZ / Essen,Dienstag, 19.04.2016

Nach dem Anschlag eine Prozession

Sikh-Gemeinde lässt sich nicht einschüchtern: Eine geplante Großveranstaltung am Samstag soll stattfinden, wenn auch unter erhöhten Sicherheitsvorkehrungen


Von Jörg Maibaum

Ein Anschlag mit drei Verletzten und zwei Essener Sikh-Gemeinden, die mitsamt ihrer Präsidenten unter Polizeischutz stehen, wären wohl Grund genug für eine nachhaltige Verunsicherung – doch die Mitglieder der beiden örtlichen indischen Gemeinschaften Gurdwara Nanaksar und Gurdwara Singh Sabha wollen sich nach der hinterhältigen Sprengstoffattacke während einer Hochzeitsfeier auf den Tempel an der Bersonstraße nicht einschüchtern lassen.

„Wir haben keine Angst“, sagte Preet Singh, Sohn des Sikh-Präsidenten im Nordviertel, gestern ziemlich bestimmt. Und selbst wenn der unbekannte Täter, der die zerstörerische Explosion herbeiführte, noch auf freiem Fuß ist: Die Sikhs denken gar nicht daran, ihre schon seit langem für das kommende Wochenende geplante Prozession mit 1500 Teilnehmern von der Bersonstraße bis zum Kennedyplatz und zurück abzusagen.


„Leider erleben wir
in Essen eine neue
Dimension der Gewalt.“
Jörg Uhlenbruch,
CDU-Fraktionschef

Zu diesem Ergebnis sei man in Gesprächen mit den Spitzen von Stadt und Polizei gekommen. „Es ist passiert, das nehmen wir so hin“, sagt Singh, während die Polizei weiterhin mit einer Ermittlungskommission nach dem Täter fahndet, die Spuren auswertet und mit Blick auf die Großveranstaltung am Samstag über vielleicht notwendige schärfere Sicherheitsvorkehrungen nachdenkt.

„Die Situation wird neu bewertet“, sagte Polizeisprecher Lars Lindemann auf Nachfrage: „Ich gehe davon aus, dass wir uns anders aufstellen werden.“ Die Ausgangslage ist nach dem Anschlag natürlich eine völlig andere als noch im Februar. Vor zwei Monaten bereits hatte die Sikh-Gemeinde ihre mehrstündige Prozession bei der Behörde angemeldet. Die Essener sollen ihren Glauben und ihre Kultur kennenlernen. Jeder ist willkommen, heißt es.

Doch jetzt, nach dem Anschlag, wird der Tempel an der Bersonstraße rund um die Uhr bewacht. An mehreren Privatanschriften von hochrangigen Sikh-Vertretern schauen Polizisten mehrmals täglich nach dem Rechten. Denn nach wie vor ist unklar, wer und was hinter der Explosion steckte, die den Priester der Gemeinde schwer und zwei weitere Gäste der Feier leicht verletzte. Zu dem dabei verwendeten Sprengstoff macht die Polizei noch keine Angaben.

Den „feigen Anschlag“ haben die Rats-Fraktionen von CDU und Linken gestern aufs Schärfste verurteilt. „Leider erleben wir in Essen seit einigen Wochen eine neue Dimension der Kriminalität und Gewalt, der wir uns entschieden entgegenstellen“, sagte CDU-Fraktionschef Jörg Uhlenbruch: „Wir werden nicht zulassen, dass mithilfe dieser schrecklichen Taten versucht wird, in unserer Gesellschaft Hass und Angst zu schüren.“

Linke-Chefin Gabriele Giesecke ist der Überzeugung, dass das friedliche Zusammenleben zwischen den verschiedenen Kulturen und Religionen jetzt umso stärker zu fördern sei: „Dazu gehört auch der längst fällige Beitritt zur ,Städtekoalition gegen Rassismus’.“

Die Polizei hofft auf Hinweise: Der Täter war 25 bis 30 Jahre alt, 1,80 Meter groß und dunkelhaarig. Er trug eine schwarze Jacke, schwarze Hose und ein weißes T-Shirt. Kontakt unter 829-0.
Bildunterschrift:
Der Sikh-Tempel an der Bersonstraße wird von der Polizei rund um die Uhr bewacht. FOTO: JÖRG SCHIMMEL

WAZ, 18.04.2016 Von der Bersonstraße in die Welt

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WAZ / Essen,Montag, 18.04.2016

Von der Bersonstraße in die Welt

Die Nachricht des Anschlags auf die Essener Sikh-Gemeinde hat bis nach Indien hohe Wellen geschlagen. Und der OB sucht erneut nach Worten gegen die Gewalt


Von Wolfgang Kintscher

Sieben Mal haben sie „Adi Guru Granth Shaib“ umrundet, die zentrale Schrift der Sikh-Religion. Die Zeremonie dauerte nicht lange, danach waren sie ein Paar. Der Rest sollte dann Party sein: erst nebenan, bei Reis und Erbsen, Suppe und Joghurt, Spinat und Käse, später im Efes-Festsaal um die Ecke, für den sich viele gerade umziehen.

„Sunny“, der Cousin aus Hamburg, ist auch mit Familie gekommen, sein Mercedes parkt im Hof, man quatscht, trinkt grünen Tee. Alles gut. Bis die Bombe hochgeht.

Sein erster Gedanke? „Eine Gasexplosion“, sagt „Sunny“, der den Tee stehen lässt und rüber in den Festsaal eilt. Dort bietet sich ihm ein Bild der Verwüstung, den Türrahmen hat es mit Wucht ins Innere geschleudert, überall liegen Scherben, durch die die Gäste mit nackten Füßen staksen, immer in der Angst vor einer zweiten Explosion. „Sunny“ weiß sofort, dass Gas nicht im Spiel ist, „ich bin in Afghanistan geboren“, sagt er, „ich weiß, wie Sprengstoff riecht.“

Von Stund an ist für viele die Lust an der Party passé. Und während die Ärzte sich um die drei Verletzten kümmern, die Polizei die Gäste zur ersten Befragung in die große Malteser-Garage gegenüber geleitet, lernt die Welt, zumindest die Welt der Sikhs, den Namen der Stadt Essen kennen. Weltweit überträgt der „Sikh Channel“ die „Breaking News“ aus der Bersonstraße im Nordviertel: „Gurdwara Attacked in Germany“.

Gurdwara, so heißen die Tempel oder auch Gemeindezentren der Sikhs, von denen es knapp 30 in Deutschland gibt, zwei in Essen. Und dieser hier, im Gewerbegebiet nördlich der Uni macht gerade Medienkarriere: Es gibt Live-Schalten ins Netz, Kommentare, Szenenfotos, ein Ton-Dokument mit der Explosion und ein Handy-Video, gedreht nur acht Minuten nach dem Anschlag.

Das sieht abgebrüht aus, aber in Wahrheit wühlt es sie alle auf, die vor der Tür stehen: Denn hier kommen sie ja sonst aus dem gesamten Ruhrgebiet hin, um zu beten oder auch Musik zu machen. So wie Shanker Sachdeva, dem die Knie noch schlottern: Oben im ersten Stock hat seine 13-jährige Tochter Malvika Unterricht gehabt, als unten der Sprengsatz detonierte. Er wüsste keinen Grund, warum jemand so etwas der Gemeinde antun könnte: „Wir sind friedliche Leute. Wir haben keinen Streit.“


„Wir sind auch als Stadt
getroffen worden.“
OB Thomas Kufen
zum Anschlag

„Sunny“ hätte dagegen eine Theorie. Sein Bruder will den maskierten und mit einer Jogginghose bekleideten Täter gesehen haben, wie er die Bombe vor den Eingang schleuderte, wegrannte und die Maske nicht weit entfernt ins Gebüsch warf. Die Polizei hat das Teil ausgemacht, sucht es nach DNA-Spuren ab und beteuert, „in alle Richtungen“ zu ermitteln.

Dabei arbeite man „mit den indischen Behörden zusammen“, sagt Polizeipräsident Frank Richter tags darauf – wie immer man sich das vorstellen mag. Zuvor hat er gemeinsam mit Oberbürgermeister Thomas Kufen den indischen Generalkonsul Raveesh Kumar getroffen, man hat Polizeischutz angeordnet und versichert sich der gegenseitigen Solidarität. Durch den Vorfall am Sikh-Tempel, so Kufen, „sind wir auch als Stadt getroffen worden.“ Wieder muss er nach Worten gegen die Gewalt suchen. Erst am Freitag hatte er die Selbstjustiz unter libanesischen Kurden scharf kritisiert.

Wo die Täter zu finden sind? In der Bersonstraße, wo die Sikhs größtenteils nicht mit den Journalisten sprechen mögen, schießen die Gerüchte ins Kraut. Man habe, sagt „Sunny“ nach langem Zögern, ein Islamismusproblem, was feindlich gesinnte Twitter-Kommentare im Netz zu bestätigen scheinen. „Das wird nicht kleiner“, meint „Sunny“ und dreht sich ein letztes Mal um: „Dank Merkel.“
Bildunterschrift:
  • Nach dem Anschlag auf den Sikh-Tempel an der Bersonstraße werden die Verletzten ins Krankenhaus gebracht. FOTO: STEPHAN WITTE
  • Der Tatort an der Bersonstraße. Inzwischen stehen beide Essener Sikh-Gemeinden sowie die Präsidenten unter Polizeischutz. Hinweise an die Polizei: 829-0.

NRZ, 18.04.2016 Breaking News von der Bersonstraße

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NRZ / Essen,Montag, 18.04.2016

Breaking News von der Bersonstraße

Die Nachricht des Anschlags auf die Essener Sikh-Gemeinde hat bis nach Indien hohe Wellen geschlagen. Und der OB sucht erneut nach Worten gegen die Gewalt


Von Wolfgang Kintscher

Sieben Mal haben sie „Adi Guru Granth Shaib“ umrundet, die zentrale Schrift der Sikh-Religion. Die Zeremonie dauerte nicht lange, danach waren sie ein Paar. Der Rest sollte dann Party sein: erst nebenan, bei Reis und Erbsen, Suppe und Joghurt, Spinat und Käse, später im Efes-Festsaal um die Ecke, für den sich viele gerade umziehen.

„Sunny“, der Cousin aus Hamburg, ist auch mit Familie gekommen, sein Mercedes parkt im Hof, man quatscht, trinkt grünen Tee. Alles gut. Bis die Bombe hochgeht.

Sein erster Gedanke? „Eine Gasexplosion“, sagt „Sunny“, der den Tee stehen lässt und rüber in den Festsaal eilt. Dort bietet sich ihm ein Bild der Verwüstung, den Türrahmen hat es mit Wucht ins Innere geschleudert, überall liegen Scherben, durch die die Gäste mit nackten Füßen staksen, immer in der Angst vor einer zweiten Explosion. „Sunny“ weiß sofort, dass Gas nicht im Spiel ist, „ich bin in Afghanistan geboren“, sagt er, „ich weiß, wie Sprengstoff riecht.“


„Jede Form von Gewalt
ist völlig inakzepta-
bel. Wir sind auch
als Stadt getroffen
worden.“
OB Thomas Kufen zum Anschlag

Von Stund an ist für viele die Lust an der Party passé. Und während die Ärzte sich um die drei Verletzten kümmern, die Polizei die Gäste zur ersten Befragung in die große Malteser-Garage gegenüber geleitet, lernt die Welt, zumindest die Welt der Sikhs, den Namen der Stadt Essen kennen. Weltweit überträgt der „Sikh Channel“ die „Breaking News“ aus der Bersonstraße im Nordviertel: „Gurdwara Attacked in Germany“.

Gurdwara, so heißen die Tempel oder auch Gemeindezentren der Sikhs, von denen es knapp 30 in Deutschland gibt, zwei in Essen. Und dieser hier, im Gewerbegebiet nördlich der Uni macht gerade Medienkarriere: Es gibt Live-Schalten ins Netz, Kommentare, Szenenfotos aus dem Umfeld, es gibt ein 16-sekündiges Ton-Dokument mit der Explosion in Sekunde sechs und schon zur Tagesthemen-Zeit ein Handy-Video, gedreht nur acht Minuten nach dem Anschlag.

Das sieht abgebrüht aus, aber in Wahrheit wühlt es sie alle auf, die vor der Tür stehen: Denn hier kommen sie ja sonst aus dem gesamten Ruhrgebiet hin, um zu beten oder auch Musik zu machen.

So wie Shanker Sachdeva aus Dortmund, dem die Knie noch schlottern: Oben im ersten Stock hat seine 13-jährige Tochter Malvika Unterricht gehabt, als unten der Sprengsatz detonierte. Er wüsste keinen Grund, warum jemand so etwas der Gemeinde antun könnte: „Wir sind sehr friedliche Leute. Wir haben keinen Streit, gar nichts.“

„Sunny“ hätte dagegen eine Theorie. Sein Bruder will den maskierten und mit einer Jogginghose bekleideten Täter gesehen haben, wie er die Bombe vor den Eingang schleuderte, wie er wegrannte und die Maske nicht weit entfernt ins Gebüsch warf. In der Tat hat die Polizei das Teil ausgemacht, sucht es nach DNA-Spuren ab und beteuert, „in alle Richtungen“ zu ermitteln.

Dabei arbeite man „mit den indischen Behörden zusammen“, sagt Polizeipräsident Frank Richter tags darauf – wie immer man sich das vorstellen mag. Zuvor hat er gemeinsam mit Oberbürgermeister Thomas Kufen den indischen Generalkonsul Raveesh Kumar getroffen, man hat Polizeischutz für beide Essener Sikh-Gemeinden und ihre Präsidenten angeordnet und versichert sich der gegenseitigen Solidarität, was auch sonst?

Durch den Vorfall am Sikh-Tempel, so Kufen, „sind wir auch als Stadt getroffen worden.“ Wieder muss er nach Worten gegen die Gewalt suchen. Erst am Freitag hatte er die Selbstjustiz unter libanesischen Kurden scharf kritisiert.

Wo die Täter diesmal zu finden sind? Jedenfalls nicht in dem luxuriösen schwarzen Mercedes G350, den die Polizei noch am Tatabend auf der Bottroper Straße stoppt. Gemeindemitglieder hatten das Fahrzeug in der Nähe ihres Tempels gesehen, aber die drei Insassen haben ein Alibi, kommen nur knapp zwei Stunden nach ihrer vorläufigen Festnahme wieder frei.

In der Bersonstraße, wo die Sikhs größtenteils lieber nicht mit den Journalisten sprechen mögen, schießen derweil die Gerüchte ins Kraut. Man habe, sagt „Sunny“ nach langem Zögern, schließlich ein Islamismusproblem, was entsprechend feindlich gesinnte Twitter-Kommentare im Netz zu bestätigen scheinen. „Das wird nicht kleiner“, meint „Sunny“ und dreht sich noch ein letztes Mal um: „Dank Merkel.“
Bildunterschrift:
  • Knapp an der Katastrophe vorbei: Nur zwei Stunden früher hatten unter bunten Girlanden 200 Gäste eine Hochzeitszeremonie der Sikhs gefeiert. FOTO: KDF
  • Der Tatort an der Bersonstraße. Inzwischen stehen beide Essener Sikh-Gemeinden sowie die Präsidenten unter Polizeischutz. Hinweise an die Polizei: 829-0.



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