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"Stolpersteine" in Essen

Eq-stolp-15s.jpgDie Stolpersteine sind ein Projekt des Künstlers Gunter Demnig . Mit diesen Gedenktafeln soll an das Schicksal der Menschen erinnert werden, die im Nationalsozialismus ermordet, deportiert, vertrieben oder in den Suizid getrieben wurden. Die Stolpersteine sind kubische Betonsteine mit einer Kantenlänge von zehn Zentimetern, auf deren Oberseite sich eine individuell beschriftete Messingplatte befindet. Sie werden in der Regel vor den letzten Wohnhäusern der NS-Opfer niveaugleich in das Pflaster des Gehweges eingelassen (siehe http://www.stolpersteine.com).

Die Verlegung der Essener Stolpersteine werden vom Historischen Verein Essen organisiert (http://www.hv-essen.de/projekte/stolpersteine/).

Seit mehreren Jahren finden zum jährlichen Gedenktag der Reichspogromnacht am 9. November dezentrale Gedenkaktionen an Stolperstein-Standorten statt (Siehe z.B. 9.11.2016, 9.11.2015 ).


Inhaltsverzeichnis

2017

WAZ/NRZ, 20.06.2017 Gedenkstein für Karl Wolf

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WAZ/NRZ / Aus den Stadtteilen,Dienstag, 20.06.2017

Gedenkstein für Karl Wolf

Der Gewerkschafter und Sozialdemokrat aus Frohnhausen kam 1942 im KZ Sachsenhausen ums Leben. Bewegender Vortrag der Enkeltochter


Von Markus Grenz

Frohnhausen. Der Frohnhauser Karl Wolf, engagierter Sozialdemokrat und Gewerkschafter, gehört in Essen zu den bekanntesten Opfern des Nazi-Terrors. Am 5. Juli wird Künstler Gunter Demnig zum Gedenken an ihn vor dem ehemaligen Wohnhaus des Funktionärs an der Hurterstraße 5 einen Stolperstein aus Messing in den Gehweg einlassen. Die SPD Frohnhausen lud nun Wolfs 75-jährige Enkelin Edith Neumann ins örtliche Awo-Büro zum Vortrag über den Großvater.

„Bis zum Jahre 1933 waren Karl Wolf und seine Frau sowie die Kinder eine fröhliche, gesellige und aufgeschlossene Familie. Mit dem Machtantritt der Nazis begann für ihn eine Zeit der Leiden und Verfolgung“, berichtet Edith Neumann. Sie selbst hat ihren Großvater persönlich nie kennengelernt. Als er schließlich am 12. März 1942 im Konzentrationslager Sachsenhausen starb – höchstwahrscheinlich ermordet – da war sie gerade einmal einen Monat alt. Aus zahlreichen Familienerzählungen, Unterlagen des Deutschen Gewerkschaftsbundes (DGB), Rechercheergebnissen des Studenten Seckin Söylemez, eigenen Internet-Ergebnissen und anderen Quellen hat sie möglichst viele Details zum Schicksal des Großvaters zusammengetragen.


„Es gab Menschen,
die sich in Gefahr
brachten, um
andere zu warnen.“
Edith Neumann,
Enkeltochter

Als Gewerkschaftssekretär des Deutschen Metallarbeiterverbandes und Bezirksleiter für das Ruhrgebiet war der gebürtige Frankfurter sicherlich schon vor dem 2. Mai 1933 ins Visier der Nazis geraten. Doch als sie an diesem Tag mit ihrer „Gleichschaltung“ der Gewerkschaften begannen, die Büros des Allgemeinen Deutschen Gewerkschaftsbundes (Huyssenallee) und des Deutschen Metallarbeiterverbandes an der Hindenburgstraße stürmten, Mitarbeiter festnahmen und schwer misshandelten, da befand sich Karl Wolf gerade auf einer Tagung in Berlin.

Als die Nazis drohten, den ältesten Sohn Karl Wolfs in „Schutzhaft“ zu nehmen, stellte er sich freiwillig. Doch das Damoklesschwert schwebte trotzdem über den Kindern des Funktionärs. „Meine beiden Eltern waren auch in der SPD. Ein Polizist entdeckte die Unterlagen und flüsterte meiner Mutter zu, diese schnell verschwinden zu lassen“, berichtet Edith Neumann vom Tag der Verhaftung ihres Großvaters. „Erschwerend“ kam für ihre Eltern hinzu, dass auch ihr Vater Gewerkschaftsmitglied war – eine Verhaftung mit Verhör wäre ihm wohl sicher gewesen. „Es gab aber auch in dieser Zeit beherzte Menschen, die sich selbst in Gefahr brachten, um andere zu warnen und damit oft zu retten“, sagt Edith Neumann.

Denunziert vom Vorarbeiter
Ihrem Großvater blieb diese Hilfe wohl verwehrt. Der ersten Festnahme folgte ein zweite, seinen Arbeitgeber, den Deutschen Metallarbeiterverband, gab es in der ursprünglichen Form nicht mehr, Wolf war dort eine unerwünschte Person. Erst 1938 sollte der gelernte Dreher bei Krupp eine Arbeit finden.

Seine Gesinnung konnte oder wollte er jedoch nicht verbergen. Nachdem ihn sein Vorarbeiter denunziert hatte, begann für Wolf ein Martyrium, das ihn schließlich ins KZ Sachsenhausen führte. Dort, so schilderte ein Mitgefangener im Jahr 1965, habe er andere Häftlinge abtransportieren müssen, die per Genickschuss ermordet worden waren. Wie Wolf selbst genau ums Leben kam, ist nicht bekannt.

Die Familie hielt das Andenken lebendig, die Witwe Hedwig Wolf lief sich nach dem Krieg buchstäblich die Hacken ab, um als Geschädigte des Nazi-Terrors anerkannt zu werden. Sie starb 1954 – noch bevor ihr Mann als Opfer eingestuft worden war. Edith Neumann: „Bei uns zuhause wurde viel über die Nazi-Zeit und das Schicksal meines Großvaters gesprochen. Aber nicht in einem heroischen Sinn – er war ein Mensch, der einfach unheimlich viel gelitten hat.“


SPD veranlasst die Verlegung von zwölf Stolpersteinen

  • Der Stolperstein für den sehr wahrscheinlich ermordeten Karl Wolf soll am Mittwoch, 5. Juli, gegen 15.15 Uhr an der Hurterstraße 5 von Künstler Gunter Demnig verlegt werden. Die Gedenktafel ist eine von zwölf für ermordete Sozialdemokraten, die die Essener SPD anlässlich ihres 150. Geburtstages veranlasst.
  • Nach Karl Wolf ist im Stadtteil Horst übrigens eine Straße benannt worden. Allerdings wird dort sein Vorname mit „C“ geschrieben.
  • Außerdem hat der Deutsche Gewerkschaftsbund im DGB-Haus an der Teichstraße einen Saal nach Karl Wolf benannt.
 
Bildunterschrift:
  • Die „Flüchtlingsgespräche“ von Brecht im Theater Courage. Es spielen Michael Hoch (links), Arnd Federspiel (Mitte) und Gabi Dauenhauer.. FOTO: KNUT VAHLENSIECK
  • Denunziert und deportiert: Karl Wolf starb 1942 in Sachsenhausen. FOTO: DGB
  • Hurterstraße 5: Dort wird am 5. Juli in Gedenken ein Stolperstein verlegt.

2016

WAZ/NRZ, 30.12.2016 Stolpersteine erinnern an Familie Strauß

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WAZ/NRZ / Essen,Freitag, 30.12.2016

Stolpersteine erinnern an Familie Strauß

Das Haus an der Weiglestraße ist verschwunden, doch nun gibt es ein spätes Gedenken an die jüdischen Eheleute, die dort einst lebten. Ihre Tochter (89) kam zu diesem Anlass in ihre frühere Heimatstadt


Von Christina Wandt

Else Möller war elf Jahre alt, als sie ihre Heimatstadt Essen verlassen musste: Ihre Eltern setzten sie in einen Zug nach Malmö, wo sie bei Verwandten unterschlüpfen sollte. „Ich dachte, dass ich in Schweden gar nicht zur Schule gehen muss, weil meine Eltern bald nachkommen und wir dann alle zusammen in die USA auswandern.“ Das war 1939. Else Möller, geborene Strauß, hat ihre Eltern nie wieder gesehen.


„Die Karte, die ich
an meinen Vater
geschrieben hatte,
kam zurück: Emp-
fänger verstorben.“
Else Möller (89),
geborene Strauß

77 Jahre später steht sie an der Weiglestraße in Essen und beobachtet, wie Stolpersteine für ihre Mutter und ihren Vater in den Bürgersteig eingelassen werden. Die Messingplaketten sind eine späte Erinnerung an Arnold und Hedwig Strauß, die in den 1920er Jahren in Altendorf ein gut gehendes Konfitürengeschäft betrieben. Im Gedenkbuch der Alten Synagoge wird Hedwig Strauß als humorvolle Frau beschrieben, die Theater, Musik und Poesie liebte und selbst Gedichte verfasste. Beide Eheleute gehörten dem Jüdischen Kulturbund an. Schon während der Wirtschaftskrise verschlechterte sich die finanzielle Lage der Familie, der wachsende Antisemitismus wurde spürbar.

Mit der nationalsozialistischen Machtübernahme und dem Boykott jüdischer Geschäfte 1933 änderte sich das Leben für das Ehepaar und die beiden Kinder völlig. Arnold Strauß wurde vor seinem Geschäft zusammengeschlagen, so schwer, dass er sich von den körperlichen und psychischen Folgen nicht mehr erholen sollte. Die Familie musste ihr Geschäft verkaufen, und Hedwig Strauß arbeitete als Vertreterin für Schokolade. Nach einer Operation im Elisabeth-Krankenhaus wäre sie beinahe gestorben, weil kein „Arier“ Blut für sie spenden durfte.

Alles, was ihnen blieb, war die Hoffnung auf eine Flucht. Und so schickten sie 1939 ihren Sohn Martin auf einen Kindertransport nach Palästina, Tochter Else nach Schweden. Geplant war eine Familienzusammenführung in den USA, doch die von der amerikanischen Botschaft in Stuttgart ausgestellten Reisedokumente trafen nicht mehr rechtzeitig in Essen ein.

Hedwig Strauß wurde 1941 nach Minsk verschleppt und galt seither als verschollen. Arnold Strauß kam ins Ghetto Lodz. „Er hat mir eine Karte nach Schweden geschickt, und ich habe geantwortet“, erzählt Else Möller. Doch ihre Post kam zu ihr zurück, mit einem Vermerk: „Empfänger verstorben“. Else lebte bei einer Tante: Sie war gerettet, aber Waise. Nun musste sie doch zur Schule gehen, obwohl sie kein Schwedisch sprach und so anders aussah als die anderen Kinder: „Ich trug Tornister und Lodenmantel; niemand sah so aus.“ So deutsch.

Else Möller hat den Mantel und das Deutsche bald abgelegt; aber sie trägt bis heute einen Ring, den sie aus einer Brosche ihrer Mutter hat anfertigen lassen: „Meine Mutter hatte eine Schachtel mit Schmuckstücken an die Frau, die neben ihr in der Synagoge saß, gegeben.“ Und während das Schicksal ihrer Mutter ungeklärt blieb, meldete sich in den 1950er Jahren eine Frau aus Darmstadt bei Else Möller in Malmö: „Ich habe den Schmuck Ihrer Mutter.“

Ihr Schwager Leif Möller hat Elses Geschichte veröffentlicht; in seinem Buch findet sich auch ein Foto der Familie vor dem Haus in der Weiglestraße. Aber als Else Möller 1953 mit ihrem Mann nach Essen kam, um ihm das Haus zu zeigen, „war alles weg!“ Nun steht sie wieder an dieser traurigen Stelle, diesmal mit ihrer Tochter, die 1963 geboren wurde. Die Deutsch erst in der Schule lernte, weil die Sprache zu Hause tabu war. Während ihre 89-jährige Mutter gefasst bleibt, rinnen Karin Forsvall Tränen über die Wangen. Die Geschichte ihrer Eltern berühre sie immer aufs Neue. Sie schaut auf die Stolpersteine für ihre Großeltern: „Jetzt gibt es hier wenigstens ein Gedenken für sie.“
Bildunterschrift:
  • Ein historisches Foto der jüdischen Familie Strauß: Es entstand vor dem Haus an der Weiglestraße, in dem Else Strauß (vorn mit Köfferchen) aufwuchs. Das Haus steht nicht mehr, die Bögen an der Brücke im Hintergrund gibt es noch. FOTO: LEIF MÖLLER
  • Mit 89 Jahren kam Else Möller mit ihrer Tochter Karin Forsvall (53) an die Weiglestraße in Essen, wo Stolpersteine für ihre Familie verlegt wurden. FOTO: ULRICH VON BORN
  • Auch für Else Strauß und ihren Bruder wurden Stolpersteine verlegt. FOTO: UVB
  • Das Bild aus den 1930er Jahren zeigt Else Strauß mit ihrem zwei Jahre älteren Bruder Martin in Essen. Die Kinder konnten 1939 noch ausreisen. FOTO: LEIF MÖLLER

WAZ, 21.11.2016 Leserbrief Polizei half nicht

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WAZ / Essen,Montag, 21.11.2016

Polizei half nicht


Schicksal der Familie Heinemann. In Ihrem sehr fundierten Artikel fehlt meines Erachtens noch ein wichtiger Aspekt: Die Zerstörung des Hauses der Familie Heinemann am Haumannplatz und der Überfall in der Pogromnacht 1938 geschahen in Sichtweite des Polizeipräsidiums. Doch die Polizei griff nicht ein, und auch die Feuerwehr blieb tatenlos. Diese Beamten hatten keine Skrupel, im vorauseilenden Gehorsam ihre Pflichten zu verletzen.
Werner Koschorreck, Essen

WAZ/NRZ, 18.11.2016 Von Bürgerstolz und Vernichtung

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WAZ/NRZ / Essen,Feitag, 18.11.2016

Von Bürgerstolz und Vernichtung

Salomon Heinemann war erfolgreicher Jurist. In der Pogromnacht wurde sein Leben zerstört. Sein früheres Kanzleihaus soll auch an sein Schicksal erinnern


Von Christina Wandt

Dass er das Wesen dieses Hauses bewahrt, hat ihm der Denkmalschutz auferlegt, dass er an dessen Erbauer erinnert, hat Investor Albert Sevinc selbst entschieden. Und so lud der Düsseldorfer Architekt am Mittwochabend zur Erinnerungsfeier für Salomon und Anna Heinemann an die Zweigertstraße 50 in Rüttenscheid. Dort erstrahlt ein aufwendig umgebauter Gebäudekomplex, der zahlreiche Büro- und Wohnräume beherbergt und dessen Herzstück das frühere Kanzleihaus Heinemann ist.

1865 wurde Salomon Heinemann in Essen geboren; als Sohn einer gutbürgerlichen jüdischen Familie machte er am Burggymnasium Abitur, studierte anschließend Jura, erwarb einen Doktortitel. Als zielstrebigen jungen Mann beschreibt ihn die Sozialwissenschaftlerin Kristin Platt an diesem Abend, und als so kunstsinnige wie großzügige Persönlichkeit. Bestrebt, „eine angesehene Wirtschaftskanzlei zu etablieren“, habe Salomon Heinemann sich für eine Adresse mitten im Essener Justizviertel entschieden. Als Architekten für sein modernes Kanzleihaus beauftragt er Edmund Körner, der auch die 1913 fertiggestellte (Alte) Synagoge entworfen hat.


„Die SA hat sie im
Schlaf überfallen,
ihr Haus zerstört.“
Kristin Platt,
Universität Bochum

Salomon Heinemann ist da längst erfolgreicher Rechtsanwalt und Notar, mit seiner Frau Anna, geborene Wertheimer, bewohnt er am nahen Haumannplatz ein Wohnhaus, das Zeitzeugen als stattlich beschreiben. „Anna war seine große Liebe“, weiß Kristin Platt und zitiert aus Gedichten, die Anna für Salomon schrieb. Bei den beiden sind Kunst und Künstler zu Gast, Bibliothek, Schallplattensammlung und expressionistische Kunstwerke gehören zum Haus wie schlicht vornehmes Mobiliar.

Salomon Heinemann zählt auch zu den Gründungsmitgliedern des Folkwang Museumsvereins. Zu jenen Essener Bürgern also, die 1922 den Ankauf der Sammlung Osthaus ermöglichen, den Grundstein für das Museum Folkwang legen. Doch mit der NS-Machtergreifung gibt Heinemann alle öffentlichen Ämter auf. Die Kanzlei kann er trotz Berufsverbots noch erhalten, weil sein dort beschäftigter Neffe christlich getauft ist.

Seit 1933 kämpft das Ehepaar mit wachsender Ausgrenzung und existenziellen Sorgen. In der Pogromnacht vom 9. zum 10. November werden die beiden im Schlaf von SA-Männern überfallen, ihr Haus verwüstet. Zerstört wird auch die Kunstsammlung, die das kinderlose Paar seiner Heimatstadt hatte vermachen wollen. Nur Tage später wählen Anna und Salomon Heinemann den Freitod – sie gelten als erste Opfer unter den damals 2500 Essener Juden.

Gedacht werden soll an sie nicht nur an diesem Abend: Eine Plakette erinnert die neuen Nutzer des alten Kanzleihauses an Verdienste und Schicksal der Heinemanns.


Denkmalgeschütztes Ensemble in Rüttenscheid

  • Das Zweigertkarree umfasst vier Gebäude an Zweigert- und Kortumstraße. Sie wurden früher von der Staatsanwaltschaft genutzt. Darunter das Kanzleihaus von Salomon Heinemann von 1913/14. Das von Edmund Körner entworfene Haus steht seit 2012 unter Denkmalschutz.
  • In dem Gebäudekomplex sind 32 Eigentumswohnungen von 40 bis 215 qm Größe, vier großzügige Büroeinheiten und vier Mietwohnungen; im Erdgeschoss soll ein Restaurant entstehen.
 
Bildunterschrift:
  • Ein Schmuckstück: Das frühere Kanzleihaus Heinemann an der Zweigertstraße erstrahlt in neuem Glanz.FOTO: STEFAN AREND
  • Justizrat und Kunstfreund: Salomon Heinemann in den 1930er Jahren.

WAZ/NRZ, 19.11.2016 Nur die Tochter entkam den Nazis

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WAZ/NRZ / Aus den Stadtteilen,Samstag, 19.11.2016

Nur die Tochter entkam den Nazis

Die jüdische Familie Steuer aus dem Ostviertel hatte ihre Ausreise nach Marokko bis ins Detail geplant – vergeblich. Fünf Stolpersteine erinnern an ihre Geschichte


Von Dominika Sagan

Ostviertel Im September 1939 war die Rettung für Familie Steuer so nah: Mutter, Vater und ihre drei Kinder hatten Ausreisepapiere, ein Durchreisevisum der deutschen Behörden und Plätze auf einem Schiff, das sie über Rotterdam nach Marokko bringen sollte. Das Schiff sollte jedoch ohne die Familie aus dem Ostviertel ablegen: Bis auf Tochter Anni überlebte den Zweiten Weltkrieg niemand. Nun werden Stolpersteine an das Schicksal der Familie Steuer erinnern, die an der Glashüttenstraße 13 lebte. Es war ihr letzter Wohnort in Essen, den sie freiwillig wählten.

Nachzulesen ist das im Gedenkbuch der Alten Synagoge. Das ist eine der Quellen, die Birgit Hartings, beim Historischen Verein zuständig für das Gedenkstein-Projekt, für ihre Recherchen zu der Familengeschichte nutzte. Zu dieser gehört, dass Nathan Samuel Steuer vor dem Ersten Weltkrieg aus Polen nach Deutschland kam. Er nahm am Krieg teil und erhielt dafür sogar das Eiserne Kreuz.

Vater arbeitet im Möbelgeschäft
Später heiratet er Regina Schmerler und verdient den Lebensunterhalt für die fünfköpfige Familie mit seinem Möbelgeschäft an der Kastanienallee. Tochter Anni Steuer beschreibt ihn als liebevollen Menschen, der gern liest und seine Zeit am liebsten mit der Familie verbringt. Sie besuchen regelmäßig die jüdische Gemeinde, nehmen an Spielen, Konzerten und gemeinsamen Mahlzeiten teil. Zu Nachbarn, jüdischen wie nicht-jüdischen, haben sie ein gutes Verhältnis. So wachsen die Kinder in den ersten Lebensjahren behütet auf. Anni erinnert sich an Max als fleißigen, ruhigen Jungen, Alexander sei ein kleiner Lausbub gewesen.

Dann kommt der Zeitpunkt, ab dem die drei in ihrer Straße nicht mehr mit nicht-jüdischen Kindern spielen dürfen. „Die besorgte und zugleich kluge Mutter konnte die Kinder zunächst vor Angriffen schützen, indem sie für ausreichende Freizeitbeschäftigung vornehmlich mit jüdischen Studien und Musik sorgte“, steht im Gedenkbuch.

Das Familienleben endet jäh, als die Steuers 1938 nach Polen ausgewiesen werden, wo sie zunächst in einem Pferdestall leben („Polenaktion“). Mit der Erlaubnis, wieder nach Essen zurückkehren zu dürfen, wächst damals ihre Hoffnung, von dort aus ausreisen zu können. Die Flucht ist bis ins Detail geplant, als der Zweite Weltkrieg ausbricht. Der Vater wird beim Besuch der Schwestern in Gelsenkirchen verhaftet, nach Dachau deportiert und 1943 in Auschwitz ermordet.

Tochter gelingt die Flucht
Die Geschwister leben mit ihrer Mutter in erbärmlichen Verhältnissen, ihr Wohnort ist eine ehemalige Metzgerei in der Stadtmitte. Rachel Steuer leidet seelisch und wird auch körperlich krank. Als sie 1940 stirbt, schickt die jüdische Gemeinde die Kinder in eine Gartenbauschule nahe Hannover. Die Ausbildung soll sie auf ein Leben in Palästina vorbereiten. Stattdessen werden sie jedoch 1941 erst nach Riga deportiert und kommen dann ins Lager nach Stutthof.

Im September 1944 sterben Max (16 ) und sein 13-jähriger Bruder in der Gaskammer. Ihre Schwester entkommt bei der Räumung des Lagers, überlebt sogar den Todesmarsch und schließt sich einer deutschen Flüchtlingsgruppe an. „Geflohen/überlebt“, so steht es jetzt auf dem Stolperstein. Die Idee zu diesem Andenken hatte Annis Tochter, die in den USA lebt, wo ihre Mutter einst Zuflucht fand.


Vorschläge und Spenden für Stolpersteine

  • Die Stolpersteine sind seit 1993 ein Projekt des Kölner Bildhauers Gunter Demnig, der an die Opfer des Nationalsozialismus erinnern will. In Essen liegen rund 300 der Gedenksteine.
  • Wer Vorschläge für Stolpersteine hat oder spenden will (ein Stein kostet 120 Euro), wendet sich an Birgit Hartings, Historischer Verein: 88 41 319; Stolpersteine@hv-essen.de

Stolpersteine erinnern an 22 Schicksale

Überlebende Else Strauss kommt aus Schweden

Essener Stadtgebiet. 22 Stolpersteine für Opfer des NS-Regimes werden am Montag, 21. November, verlegt. Um 14.30 Uhr sind an der Turmstraße Oberbürgermeister Thomas Kufen und Hans Schippmann, Vorsitzender Historischer Verein, anwesend. Zu einigen Terminen kommen Angehörige sowie eine Überlebende.

An der Turmstraße 17 werden Stolpersteine an Klara und Aron Leib Steuer erinnern. Klara Steuer gilt als eines der ersten Opfer der Euthanasie, sie wurde 1941 in einer Heilanstalt ermordet. Ihr Mann, ein selbstständiger Textilvertreter, starb 1942 im KZ Dachau. Ihre drei Kinder überlebten.

Für Hedwig und Arnold Strauss (die ein Konfitürengeschäft in Altendorf betrieben) sowie die Kinder Martin und Else werden Steine an der Weiglestraße 14 verlegt. Dazu reist Else Strauss (89) aus Schweden an. Dorthin emigrierte sie 1939, ihr Bruder nach Palästina. Ihr Vater starb 1942 im Ghetto Lodz. Die Mutter wurde 1941 nach Minsk verschleppt und gilt seitdem als verschollen. Drei Steine wird es in Gedenken an ihre Tante Selma Herschmann und den Onkel Siegfried Willner geben, die 1942 in Izbica ermordet wurden. Ihre Cousine Lisel Herschmann überlebte in Palästina.

Fünf Stolpersteine erinnern an Familie Kadden an der Gemarkenstraße 41. Während die Eltern (der Vater war Möbelvertreter) 1941 nach Minsk deportiert und ermordet wurden, überlebten die Kinder in Israel, Australien und Kanada.

An der Moorenstraße 35 wird es ein Gedenken an das Ehepaar Rosenberg und deren Sohn geben, die 1939 in „letzter Minute“ nach Uruguay auswanderten. Die Eheleute lebten ab 1954 wieder in Essen.
Bildunterschrift:
  • Zur Familie Steuer zählten Vater Nathan Samuel, Mutter Rachel „Regina“, mit den Kindern Max, Anni und Alexander. Von ihnen überlebte nur die Tochter nach der Auflösung des Konzentrationslagers Stutthof. FOTO: OH
  • Das Haus Glashüttenstraße 13, in dem Familie Steuer lebte. FOTO: VERENA CAMEN

WAZ, 18.11.2016 Stolpersteine in der Turmstraße

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WAZ / E-West,Feitag, 18.11.2016

Stolpersteine in der Turmstraße

Nazi-Opfer Aron Leib und Klara Steuer geb. Fahn wohnten dort zuletzt im Haus Nummer 17. Susan Sanders, Enkelin aus den USA, initiierte die Aktion


Von Dietmar Mauer

Westviertel. Nichts erinnert an dem Haus mit den beige-schwarzen Klinkern in der Turmstraße 17 daran, dass es der letzte, selbst gewählte Wohnsitz von Menschen war, die von den Nationalsozialisten verfolgt und ermordet wurden. Das wird sich ändern. Und zwar am Montag, 21. November: Dann werden mit zwei Messing überzogene Stolpersteine in die rote Pflasterung eingelassen. Einer für Aron Leib Steuer. Und einer für seine Frau Klara Steuer geb. Fahn.

In Essen kümmert sich der Historische Verein, und hier Birgit Hartings, um die Stolpersteine. „Vorschläge für Orte für Stolpersteine kann jeder machen“, sagt Birgit Hartings. Ob die Voraussetzungen vorliegen, werde natürlich geprüft. Dazu stellt sie oft langwierige Recherchen an. Stolpersteine wollen an alle Opfer des Nationalsozialismus erinnern. Sie werden dort gesetzt, wo die Menschen ihren letzten selbst gewählten Wohnsitz hatten. „Oft wurden die Menschen in so genannte Judenhäuser gesteckt, aber das war ja nicht selbst gewählt.“


„Klara Steuers Ankunftstag
war auch ihr Todestag.“
Birgit Hartings, Historischer
Verein, über Klara Steuer, die
am 11. Februar 1941 in
Hadamar ermordet wurde

Selbst gewählt hatten der selbstständige Textilvertreter Aron Leib Steuer und seine Frau Klara ihre Wohnsitze in Essen. Zunächst am Gänsemarkt, dann an der Viehofer Straße und ab 1931 an der Turmstraße 17. Das Ehepaar bekam drei Töchter: Dora, Berta und Taube. Nach den Recherchen verbrachte Klara Steuer (geb. 1904) wegen einer Psychose die Zeit von 1938 bis 1940 in einer Düsseldorfer Heil- und Pflegeanstalt. Von dort wurde sie in eine Heilanstalt in Zülpich verlegt, später nach Andernach. Dort sammelten Nazis Menschen wie Klara Steuer, um sie nach Hadamar zu bringen. „Sie wurde eines der ersten jüdischen Euthanasie-Opfer. Klara Steuers Ankunftstag war auch ihr Todestag“, sagt Birgit Hartings. Es war der 11. Februar 1941. Aron Leib Steuer wurde am 23. Oktober 1938 nach Polen abgeschoben. Laut Meldekarte kehrte er am 4. Mai 1939 nach Essen zurück, wohnte später in einem „Judenhaus“ in der II. Weberstraße. Sein Leidensweg führte ihn danach durch die Konzentrationslager Buchenwald und Ravensbrück nach Dachau, wo er am 7. August 1942 ermordet wurde. Geboren wurde er am 21. November 1900 – Montag vor 116 Jahren. Die drei Mädchen kamen früh in Kinderheime und gingen später in die USA.

Am Montag wird neben Oberbürgermeister Thomas Kufen und Hans Schippmann (Vorsitzender Historischer Verein) auch Susan Sanders bei der Zeremonie in der Turmstraße dabei sein. Sie ist eine Enkelin von Aron Leib und Klara Steuer, wohnt in den USA und hat die Initiative gestartet, damit ihre Großeltern nicht vergessen werden. Die Familie in den USA hat entschieden, für Dora, Berta und Taube keine Steine zu setzen, da sie den Großteil ihres Lebens in den USA verbracht haben.

Seit 1996 werden bundesweit Stolpersteine verlegt. Es ist ein Projekt des Kölner Künstlers Gunter Demnig. Jeder Stein kostet 120 Euro. Wer einen Stein spenden will, kann sich an Birgit Hartings ( 88 41 319) wenden. In Essen gibt es bisher gut 300 Stolpersteine.
Bildunterschrift:
Vor dem Haus Nr. 17 in der Turmstraße werden am kommenden Montag zwei Stolpersteine in die rote Pflasterung eingelassen. FOTO: DIETMAR MAUER

WAZ, 16.11.2016 Ein Foto und die Geschichte bleiben

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WAZ / Essen-Süd,Mittwoch, 16.11.2016

Ein Foto und die Geschichte bleiben

Auf der Moorenstraße werden am Montag Stolpersteine verlegt. Sie erinnern an den Rechtsanwalt Norbert Rosenberg, ein Kämpfer für Menschenrechte


Von Jennifer Schumacher

Ein Passfoto ist das Einzige, was Hobbyhistoriker Sahin Aydin noch an materiellem Nachlass des 1955 verstorbenen Rechtsanwalts Norbert Nathan Israel Rosenberg auftreiben konnte. „Die Gestapo hat das gesamte Hab und Gut der Familie nach Belgien verkauft, darunter auch das Haus, das wenig später von den Bomben zerstört wurde“, erklärt Aydin, der etwas viel Wichtigeres retten möchte: Das Andenken an die bewegende Geschichte der Rosenbergs, die im Rüttenscheider Justizviertel an der Moorenstraße 36 zu Hause waren.


„Ich bewundere den Einsatz
für seine Rehabilitierung
als Anwalt und Notar.“
Sahin Aydin, Hobby-
Historiker, zum Schicksal
von Norbert Rosenberg

Dort, wo heute längst ein neues Mehrfamilienhaus entstanden ist, sollen ab Montag, 21. November, Stolpersteine an den jüdischen Rechtsanwalt und seine Familie erinnern. Ihnen gelang zwar die Flucht vor dem NS-Regime. Doch selbst von Uruguay aus beteiligte sich Rosenberg noch am Widerstand. So wirkte er mit gleichgesinnten Exildeutschen an der Zeitschrift „Das Andere Deutschland“ mit, die in Südamerika erschien.

In Essen hatte sich Rosenberg bereits als Mitglied der Friedensgesellschaft gegen die Gewaltherrschaft eingesetzt. Den Nazis war er nicht zuletzt wegen seines Einsatzes zur Wiedergutmachung der Gräueltaten aus dem Ersten Weltkrieg ein Dorn im Auge.

So engagierte sich Rosenberg für die Witwe des Revolutionärs und Bergmanns Alois Fulneczek , der 1919 einen bewaffneten Arbeiteraufstand auf der Zeche Prosper in Bottrop angeführt hatte. Nachdem man ihm noch am Tag seiner Verhaftung ermordet hatte, wurde Fulneczek in einem Massengrab verscharrt. Mit Unterstützung des Rechtsanwalts Rosenberg kämpfte die hinterbliebene Ehefrau schließlich erfolgreich für eine Umbettung ihres Ehemanns auf einen Friedhof. „Rosenberg war für viele Geschädigte in Wiedergutmachungs-Angelegenheiten tätig“, weiß der ehemalige Bottroper Linken-Ratsherr Sahin Aydin, der über seine Recherchen zum Revolutionär auf den Essener Rechtsanwalt stieß – und akribisch forschte.

Bis zur Deutschen Botschaft nach Uruguay führte ihn seine Suche nach Hinterbliebenen, die bislang jedoch ohne Erfolg blieb. „Ich habe zwei Enkel in Großbritannien und Japan angeschrieben, aber leider keine Antwort erhalten“, sagt Aydin. Besonders beeindruckt habe ihn das große Engagement, mit dem Rosenberg selbst nach Ende des Zweiten Weltkriegs noch für seine Rechte und seine Rehabilitierung in Deutschland gekämpft habe. So kehrte er 1954 in seine Heimatstadt Essen zurück, um seine Zulassung als Anwalt und Notar zurück zu erlangen. „Obwohl er schon weit über 80 war, arbeitete er noch acht Monate als Rechtsanwalt. Er kämpfte vergeblich für eine Entschädigungszahlung, ehe er am 20. Mai 1955 in einem jüdischen Altersheim in Werden verstarb “, weiß Aydin, der die Geschichte der Familie Rosenberg in den nächsten Wochen in einer Broschüre veröffentlichen möchte. Das Projet ist in Kooperation mit der Deutschen Friedensgesellschaft in Essen entstanden.

Die Stolpersteine an der Moorenstraße 36 werden am Montag, 21. November, um 16:30 Uhr verlegt. An fünf Stellen in der Stadt kommen am Montag 22 Stolpersteine hinzu: Auftakt ist an der Turmstraße 17 im Beisein von OB Thomas Kufen und Hans Schippmann vom Historischen Verein. Weitere Stationen sind die Weiglestraße am Durchgang Helbingstraße am Durchgang Helbingstraße, die Glashüttenstraße 13 und die Gemarkenstraße 51. Informationen zu allen Stolpersteinen auf www.hv-essen.de
Bildunterschrift:
  • Das Wohnhaus der Rosenbergs an der Moorenstraße 36 ist im Bombenkrieg zerstört worden. Stolpersteine sollen an die Familie erinner FOTO VERENA CAMEN
  • Dieses Passfoto zeigt Norbert Nathan Israel Rosenberg

WAZ, 14.11.2016 Schüler erforschen NS-Schicksale

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WAZ / Essen,Montag, 14.11.2016

Schüler erforschen NS-Schicksale

Erstmals wird der Tod von Essener Bürgern, die von den Nazis in KZs umgebracht wurden, systematisch aufgearbeitet. Zwölf Biografien werden beleuchtet


Von Martin Spletter

Auf dem Parkfriedhof in Huttrop liegen 54 Gedenksteine, kreisrund angeordnet, sie erinnern an Essener Bürger, die von den Nazis in Konzentrationslagern umgebracht wurden. Es gibt genau drei solcher Anlagen im Stadtgebiet. Auf dem Parkfriedhof steht die größte, insgesamt wird somit an 85 Nazi-Opfer erinnert.

Dabei war die Zahl der Essener, die in Konzentrationslagern ermordet wurden, viel höher. „Man schätzt, dass es sich um eine vierstellige Zahl handelt“, sagt Historiker Thomas Hammacher. Er hat das Projekt „Wenn nur noch Steine bleiben“ ins Leben gerufen: Oberstufenschüler der Gymnasien Viktoria und Unesco sollen systematisch die Lebenswege der Opfer erforschen, jenseits von Geburts- und Sterbedaten, und somit die Erinnerung an die Menschen wach halten.

„Es geht vor allem um solche Bürger, die von den Nationalsozialisten bewusst ausgegrenzt und als ,Asoziale’ verschrien wurden“, berichtet Schüler Dominik Förster, der zum Viktoria-Gymnasium geht. „Auch Sinti und Roma sind bei unseren Forschungen dabei“, ergänzt Schülerin Hanna Jalal.

„Von Sinti und Roma, die aus Essen abtransportiert wurden, gibt es zwar offizielle Listen“, berichtet Historiker Thomas Hammacher. „Aber unsere Forschungen haben bereits gezeigt, dass diese Listen unvollständig sind.“

Die Forschungsarbeiten der Schüler werden vom Haus der Geschichte, dem Stadtarchiv, unterstützt, sowie vom Volksbund Deutsche Kriegsgräberfürsorge begleitet. Im Haus der Geschichte erhielten die Schüler bereits eine Einführung in die Archiv-Recherche. Anfragen an Konzentrationslager wurden ebenfalls bereits per E-Mail gestellt.

Am Ende soll eine völlig neue Art der lebendigen Dokumentation entstehen: Ein Online-Forum, das jederzeit ergänzt werden kann, und die Daten der Lebenswege bereithält, die die Nazi-Opfer gingen. Mit den ersten zwölf Biografien haben die Schüler bereits angefangen; im nächsten Frühjahr sollen erste Ergebnisse stehen. Denn dann macht ein Teil der Schüler-Gruppe Abitur, und diese Arbeit fließt in die Geschichts-Note mit ein.

Zwar gibt es knapp 300 so genannter „Stolpersteine“ in Essen, quadratische Messingtafeln im Bürgersteig, sie erinnern an die Wohnorte von Nazi-Opfern. „Doch keines der Opfer, an das auf einem der Friedhöfe erinnert wird, hat bislang einen solchen Stolperstein“, betont Thomas Hammacher.

Am Ende eines Projektzyklus’ soll eine Fahrt nach Ravensbrück stehen, dem KZ, in dem viele der Opfer umkamen.



Fünf Jahre soll Projekt andauern

  • Das Projekt ist auf fünf Jahre angelegt und soll entsprechend viele Schülergenerationen dazu anregen, sich mit der Geschichte auseinanderzusetzen.
  • Die Erkenntnisse über die Biografien der Opfer sollen online und als App allen interessierten Bürgern zugänglich gemacht werden. Erforscht werden noch unbekannte Biografien.
 
Bildunterschrift:
Die Schüler Sedef Dagtekin, Hana Jalal, Deniz Yildirim (alle Viktoria-Gymnasium), Kaja Lehnhoff, Emre Sarikaya (Unesco-Schule) und Dominik Förster (Viktoria) arbeiten Biografien von Nazi-Opfern auf. FOTO: ULRICH VON BORN

2015

WAZ, 31.10.2015 Stolpersteine

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WAZ / Essen, Rubrik Kurz notiert,Samstag, 31.10.2015

Stolpersteine


Auf Initiative von „Essen stellt sich quer“ werden mehrere Organisationen und Parteien am 9. November im Gedenken an die Pogromnacht 1938 Stolpersteine von Essener Nazi-Opfern putzen, Blumen niederlegen und Kerzen anzuzünden.

Teilinfo.png Weitere Informationen dazu gibt es auf unserer Seite

Aktionsseite zum 9. November 2015


WAZ, 31.08.2015 Auf der Spur der Stolpersteine

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WAZ / Essen,Montag, 31.08.2015

Auf der Spur der Stolpersteine

Exkursion mit der Volkshochschule


Die Volkshochschule bietet kommendes Wochenende einen Stadtgang mit dem Titel: „Stolpersteine – auf den Spuren nationalsozialistischer Opfer in der Nachbarschaft“ an. Im April 2015 wurden in Essen 39 „Stolpersteine“ verlegt. Seit Jahren beteiligen sich viele Essener am Projekt des Kölner Künstlers Gunter Demnig, das an die Opfer des Nationalsozialismus erinnert. Die zehn Mal zehn Zentimeter großen Gedenktafeln aus Messing werden vor deren letzten selbst gewählten Wohnsitz in den Bürgersteig eingelassen. Inzwischen liegen in Essen über 500 solcher Gedenksteine.

Wer das „Projekt Stolpersteine“ kennen lernen möchte, kann an der Exkursion der Volkshochschule teilnehmen, die am Samstag, 5. September, von 15 bis 17.30 Uhr, in Zusammenarbeit mit der „Stolperstein-Initiative Essen-Süd“ stattfinden wird. Der Rundgang folgt den Spuren ehemaliger jüdischer Nachbarn im Südviertel und erzählt die Geschichte ihres Lebens während des Nationalsozialismus. Darüber hinaus wird die Besonderheit von „Judenhäusern“ in den Wohnquartieren erläutert, über die bisher wenig bekannt ist. Die Teilnahmegebühr beträgt 8 Euro.

Anmeldungen über www.vhs-essen.de (Kurs-Nr. 152.2A103F).

WAZ/NRZ, 12.05.2015 Auf den Spuren ihrer Eltern

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WAZ/NRZ / Essen,Dienstag, 12.05.2015

Auf den Spuren ihrer Eltern

Zur Stolperstein-Verlegung für ihre Mutter kam Susanne Caspary aus Brasilien nach Essen. Und fand verborgene Puzzleteile ihrer Familiengeschichte


Von Christina Wandt

Sie hat von Kullerpfirsich in Sekt erzählt und von der Kur auf Helgoland. „Nur von ihrem Schicksal in Deutschland hat meine Mutter selten gesprochen“, sagt Susanne Caspary. Beim Besuch in Essen fand die 67-Jährige aus Sao Paulo nun neue Puzzleteile aus dem Leben ihrer Eltern, die 1938 vor den Nazis nach Brasilien fliehen mussten.

Erst zwei Monate zuvor hatten Grete und Max Callmann in der Alten Synagoge in Essen geheiratet: Sie war erst 24 Jahre alt, Tochter des früheren Karstadt-Geschäftsführers Adolf Abraham Oppenheimer. Er war 20 Jahre älter, Kaufmann und bis 1933 ebenfalls Karstadt-Geschäftsführer. Einen Monat waren sie verheiratet, als in der Pogromnacht Synagogen und jüdische Geschäfte verwüstet und in Brand gesetzt, Juden vertrieben, verletzt und getötet wurden.

Die NS-Schlägertrupps kamen auch in die Wohnung der Callmanns, wo die junge Ehefrau allein war: „Sie wusste nicht, wo das Geld war, und da haben sie alles kaputtgeschlagen“, erzählt Susanne Caspary. Was ihrer Mutter selbst damals zustieß, könne sie nur mutmaßen, aber es war so verstörend, dass das Ehepaar verzweifelt nach einer Fluchtmöglichkeit suchte.


„Sie hat ihre Güter
nie gezeigt – und
später zeigte sie
ihre Gefühle nicht.“
Thomaz Caspary über
seine Schwiegermutter Grete
Callmann, die 1938 vor den
Nazis fliehen musste

Tatsächlich bekamen die beiden ein Visum für Brasilien, konnten noch 1938 aus Deutschland entkommen. Als sie Essen im Zug verließen, sah Grete Callmann, wie ihre Mutter Paula Oppenheimer auf dem Bahnsteig umkippte. Später in Brasilien sollte Grete jeden Brief aus Deutschland mit zitternden Händen öffnen, bangend um ihre Eltern, die später doch von den Nazis ermordet wurden.

Susanne Caspary las von der Begebenheit am Bahnhof erst in einem Artikel, der 2008 erschien und in dem ihre betagte Mutter mehr über ihr Schicksal offenbarte. Thomaz Caspary, der ein inniges Verhältnis zu seiner Schwiegermutter hatte, schildert sie als bemerkenswerte Frau, die nie klagte. Schon als Tochter aus wohlhabendem Hause habe sie Zurückhaltung gelernt: In der Schule trug sie nicht die maßgeschneiderten Kleider aus Paris, sondern schlichte Kleidung aus dem väterlichen Kaufhaus. Und der Chauffeur des Vaters durfte sie nicht vor der Schule absetzen, sondern so, dass sie einen Block zu Fuß laufen musste. „Sie war ihr ganzes Leben so, dass sie ihre Güter nicht zeigte – und später zeigte sie auch ihre Gefühle nicht“, erzählt Thomaz Caspary.

Als sie im Januar 1939 mit dem Schiff in Rio ankamen, waren die Callmanns unterernährt, fast mittellos und der Landessprache nicht mächtig. Ein Jahr lang teilten sie sich eine Pension in Rio mit Kakerlaken und Mäusen, dann bekam Max Callmann eine Arbeitsgenehmigung und zog mit seiner Frau nach Sao Paulo. Zeitweilig betrieb Max Callmann eine kleine Schokoladenfabrik, aber während Grete rasch Portugiesisch lernte, tat ihr Mann sich schwer mit Sprache und Beruf. Als seine Tochter Susanne nach Kriegsende zur Welt kam, war er 55 Jahre alt. Doch sie hat ihn als großes Kind in Erinnerung: „Das Klopapier hing am Bindfaden, und als wir einen richtigen Halter kaufen konnte, sagte er, das feiern wir!“

Ein Fest für den Klorollenhalter, ein Ringen um Leichtigkeit. So erlebte Susanne Caspary ihre Eltern – und doch haben sie ihr auch die Angst vererbt: „Wenn mein Vater fünf Minuten zu spät war, geriet meine Mutter in Panik. Sie wollte nie wieder einen geliebten Menschen verlieren! Und ich bin auch ein Angsthase geworden.“ Sie habe sich als Zahnärztin bei jedem älteren deutschen Patienten gefragt, ob der ein Nazi war; sie gebe sich zu Hause in Brasilianien als Katholikin aus – und sie habe ihre Mutter beschützen wollen und ihr von einem Besuch in Essen abgeraten.

Susanne Caspary zögerte auch, jetzt zur Verlegung der Stolpersteine für ihre Familie nach Essen zu reisen. Ein Freund ermutigte sie: „Du musst zeigen, dass es Hitler nicht gelungen ist, die Juden zu vernichten.“ Sie ist auch gekommen, um ihre Großeltern zu ehren und ihre Mutter, die 2010 mit 96 Jahren gestorben ist: „Ich bin froh, dass ich durch die Straßen gelaufen bin, in denen sie einst spazieren ging.“


Im Internet fand sich ein Hinweis auf die Flucht 1938

Initiative zeichnet jüdische Schicksale nach

In der Broschüre „Stolpersteine in der Von-Einem-Straße und der Von-Seeckt-Straße“ erzählen die Autoren, wie sie den Kontakt zum Ehepaar Caspary herstellten, das kürzlich zur Verlegung von Stolpersteinen nach Essen kam.

Susanne Caspary ist die Tochter von Grete Callmann, geb. Oppenheimer. Die jüdische Familie Oppenheimer lebte in Gladbeck, bevor sie an die Von-Einem-Straße 36 in Rüttenscheid zog. Adolf Abraham Oppenheimer war Karstadt-Geschäftsführer, mit seiner Frau Paula hatte er zwei Kinder: Walter und Grete. Letztere floh 1938 mit ihrem Ehemann Max Callmann nach Brasilien. Ermöglicht wurde diese Flucht durch Aracy Moebius de Carvalho, die im brasilianischen Konsulat in Hamburg arbeitete und viele deutsche Juden rettete, indem sie ihnen die Einreise nach Brasilien ermöglichte.

2008 wurde die mutige Botschaftsangehörige in einer brasilianischen Zeitschrift gewürdigt – und dazu auch Grete Callmann befragt. Diesen Artikel fand die Rüttenscheider Stolperstein-Initiative nun im Internet und wendete sich an die Journalistin. Es stellte sich heraus, dass Grete Callmann 2010 hochbetagt gestorben war. Ihre Tochter Susanne Caspary nahm die Einladung nach Essen an.   wan / Kontakt: stolpersteine.essen<a>gmail.comPost_icon.png
Bildunterschrift:
 
  • Beim Besuch in der Alten Synagoge in Essen, wo ihre Eltern 1938 geheiratet hatten: Susanne Caspary aus Sao Paulo mit ihrem Ehemann Thomaz. FOTO: KERSTIN KOKOSKA
  • Die Heiratsurkunde der Callmanns, unterschrieben von Rabbiner Hugo Hahn.
  • Ein Bild aus dem Familienalbum: Susanne Caspary (l.) mit ihrer Mutter Grete Callmann, auf deren Spuren sie nun in Essen zu Besuch war. FOTO: PRIVAT
  • Grete Callmann mit ihren Eltern Adolf Abraham und Paula Oppenheimer.

WAZ/NRZ, 27.+28.04.2015 Wie Stolpersteine Geschichte lebendig werden lassen

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WAZ/NRZ / Essen, 27.+28.04.2015

Wie Stolpersteine Geschichte lebendig werden lassen


„Stolpersteine und mehr: Erinnerungskultur für Essen“ ist eine Veranstaltung am Samstag, 2. Mai, um 15 Uhr überschrieben. Dann ist im Chorforum (Fischerstr. 4, Südviertel) die Berliner Historikerin Petra T. Fritsche zu Gast, die als Expertin für die Stolpersteine gilt. Diese Gedenktafeln werden in Bürgersteige eingelassen, um an Opfer des NS-Regimes zu erinnern. Welche unverhofften Begegnungen daraus erwachsen können, zeigt die Geschichte von Susanne Caspary, die auch im Chorforum zu Gast ist: Für ihre Großeltern wird dieser Tage einer von 39 neuen Stolpersteinen in Essen verlegt (wir berichteten): Anlass für die Enkelin, aus Brasilien anzureisen.

Auf dem Podium sitzen Bürgermeister Franz-Josef Britz, Hana Fischer (Jüdisches Kulturzentrum Milch & Honig Köln) und Arnd Hepprich (AG Essener Geschichtsinitiativen). Der Eintritt ist frei.

WAZ/NRZ, 24.04.2015 Wie Ella Baltz im Versteck überlebte

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WAZ/NRZ / Essen,Freitag, 24.04.2015

Wie Ella Baltz im Versteck überlebte

Neue Stolpersteine sollen an das Schicksal einer jüdischen Familie aus Steele erinnern. Bei den Recherchen stießen Heimatforscher auch auf die Geschichte einer Tochter, die untertauchen konnte


Von Christina Wandt

Ella Baltz ist seit mehr als 30 Jahren tot, jetzt wurde ihre Geschichte wieder lebendig: Bei Recherchen zu den Juden aus Steele, die von den Nazis verfolgt, vertrieben oder ermordet wurden, stießen Ingrid Niemann und ihr Mann Ludger Hüls-kemper-Niemann auf das ungewöhnliche Schicksal von Ella Baltz. Sie kam 1893 in Steele als Kind von Salomon und Regina Steilberger zur Welt. Die Großfamilie bewohnte das Haus am Grendtor 25 (damals Ruhrstraße); sie betrieb dort im Hof einen Eisenhandel und im Erdgeschoss ein Tabakgeschäft.


„Ihr geschiedener
Ehemann hielt eine
schützende Hand
über Ella Baltz.“
Ingrid Niemann
zu ihren Recherchen

Am Dienstag, 28. April, werden vor dem Haus, das heute ein Eiscafé beherbergt, vier Stolpersteine verlegt. Sie erinnern an vier SteilbergerGeschwister, die den Holocaust nicht überlebten und hier wohnten, bevor sie deportiert wurden. Anders als ihre Geschwister entgingen Ella Baltz und ihr damals 14 Jahre alter Sohn Alfred der Deportation 1942. „Offenbar hielt ihr geschiedener Ehemann seine schützende Hand über sie“, sagt Ingrid Niemann. Der Ex-Mann galt nach der NS-Ideologie als Arier, der gemeinsame Sohn als „Halbjude“. Das Ehepaar Baltz hatte sich 1932 scheiden lassen, also im Jahr vor der nationalsozialistischen Machtübernahme. Zeitzeugen berichteten, dass die beiden weiterhin „ein gutes, freundschaftliches Verhältnis“ gehabt hätten.

„Er war selbst in der NSDAP und soll seine Frau gewarnt haben, als im Herbst 1944 doch noch ihr Abtransport bevorstand“, schildert Ingrid Niemann. Ein Wink, der trotzdem sinnlos gewesen wäre, weil es für Juden zu diesem Zeitpunkt längst kein Entkommen aus Deutschland mehr gab. Doch Ella Baltz entkam, ohne das Land zu verlassen: Sie tauchte im kleinen Dorf Herkenrath (heute ein Stadtteil von Bergisch Gladbach) unter. Sie wurde dort von der Familie Hochkeppel bis zur Befreiung durch die Aliierten versteckt. Mit Wissen des Dorfpfarrers, dessen Sonntagsmesse sie zur Tarnung oft besucht haben soll.

Die Hochkeppels, die damals ihr Leben riskierten, haben über ihren selbstlosen Einsatz später nie groß geredet. Ein Nachfahre schrieb dazu: „Ich denke, dass sie nicht von sich aus darüber reden wollten, weil beide sehr bescheiden waren, und keinen Dank von offizieller Seite haben wollten. Ihnen genügte es, richtig gehandelt zu haben.“ In der Wiedergutmachungsakte von Ella Baltz fanden die Niemanns aber ein Schriftstück, in dem Christian Hochkeppel 1948 bestätigt, dass sich Ella Baltz seit September 1944 „bei mir illegal aufgehalten hat“.

Das Ehepaar Niemann, das bereits vor 20 Jahren die Schicksale jüdischer Familien aus Steele nachgezeichnet hat, war von dem Fall gefesselt – und fand tatsächlich noch eine Zeitzeugin: Eine Tochter der Hochkeppels, die heute 85 Jahre alt ist und in Köln lebt. Sie erzählte, wie der Vater ihr und ihrem Bruder damals einschärfte, nichts über den Gast der Familie preiszugeben: „Sonst hängen wir alle vier da am Baum“, habe er mit Blick auf eine Kastanie im Dorf gesagt.

Zur Stolperstein-Verlegung kann die betagte Dame nicht anreisen, aber sie hat Ella Baltz noch einmal in Essen besucht, bevor diese 1949 mit ihrem Sohn in die USA emigrierte. Und sie hat den Niemanns das Bild von Ella und Alfred Baltz überlassen, das die beiden 1949 zeigt – vermutlich in der Gruga. iIngrid Niemann, Ludger Hüls-kemper Niemann: „Stolpersteine in Steele“, Info: www.steeler-archiv.de


Termine rund um die Stolperstein-Aktion

  • Stolpersteine sind Messingtafeln, die ins Trottoir eingelassen werden, um an Opfer der NS-Zeit zu erinnern. Am Dienstag, 28. April, werden in Steele und Essen-Süd 39 Stolpersteine verlegt. Um 9 Uhr beginnt die Verlegung an der Von-Einem-Str. 36 in Essen-Süd. In Steele ist Start um 13 Uhr am Haus Grendtor 25. Um 15 Uhr trifft man sich hier im Pfarrsaal am Laurentiusweg 1 zum Kaffee.
  • An dem Dienstag (28.4.) findet um 20 Uhr ein Benefizabend mit Chansons und Rezitation für das Stolperstein-Projekt statt: Gemeindesaal, Julienstr. 39 in Rüttenscheid. Info: www.sago-kultour.de/programm. Das Stolperstein-Projekt klingt am Samstag, 2. Mai, 15 Uhr, beim Podiumsgespräch  aus: Chorforum,Fischerstr. 4 (Südviertel). Eintritt frei.
  • Kontakt: Sabine Weiler: stolpersteine.essen<a>gmail.comPost_icon.png, (Süd); Arnd Hepprich: info<a>steeler-archiv.dePost_icon.png; Tel 015 77-39 83 425 (Steele)

Spurensuche führte nach Sao Paulo

Mit den Stolpersteinen wird der Toten gedacht – und die Nachfahren schreiben die Geschichte fort

Von Christina Wandt

Immer wieder sind sie Anlass zu Streit: Jene Stolpersteine, die der Künstler Gunter Demnig in über 500 deutschen Städten verlegt hat:Die Messingtafeln, die jeweils vor dem letzten selbst gewählten Wohnsitz in den Bürgersteig eingelassen werden, sollen an die Opfer des NS-Regimes erinnern. So trete man das Andenken mit Füßen, sagen Demnigs Gegner. Doch bei Stolperstein-Verlegungen geht es nicht nur um die Erinnerung an die Toten, sie setzen oft Gespräche mit Überlebenden und Nachfahren in Gang.

Wie bewegend das sein kann, erleben gerade die Organisatoren der aktuellen Stolperstein-Verlegungen am kommenden Dienstag: Da findet sich in Steele die verborgene Geschichte einer unerwarteten Rettung (Text oben), da telefonieren die Aktivisten aus Rüttenscheid dieser Tage mit einer Brasilianerin, die fließend Deutsch spricht, obwohl sie das Land nie kennengelernt hat.

Diese Susanne Caspary ist Tochter von Grete Callmann, geb. Oppenheimer. Und die jüdische Familie Oppenheimer lebte einst an der Von-Einem-Straße 36 in Rüttenscheid, auch an sie werden bald Stolpersteine erinnern. Grete Callmann und ihrem Ehemann Max gelang mit Hilfe einer brasilianischen Botschaftsangehörigen 1938 die Ausreise nach Sao Paulo. Wenn sie im Krieg Briefe aus Deutschland erhielt, zitterte sie so sehr, dass sie diese nicht lesen konnte: Ihre Eltern waren im Konzentrationslager, und sie wusste, dass eines Tages keine Briefe mehr kommen würden. Umso überraschender ist es, dass Grete Callmann „darauf Wert legte, dass ihre Tochter Susanne bis zum dritten Lebensjahr ausschließlich Deutsch sprach“, erzählt Melanie Rudolph von der Rüttenscheider Bürgerinitiative, die nicht nur diese Geschichte in der Broschüre „Stolpersteine in der Von-Einem-Straße und der Von-Seeckt-Straße in Essen-Süd“ erzählt.

Ausfindig gemacht haben sie Susanne Caspary über einen brasilianischen Artikel, der die mutige Botschaftsmitarbeiterin würdigte. Am Ende einer langwierigen Suche sprachen sie per Bildtelefon (Skype) mit einander – auf Deutsch. Sie erfuhren, dass Susanne Caspary bereits überlegt hatte, nach Deutschland zu reisen; auf den Spuren ihrer Mutter, die 2011 hochbetagt gestorben war. Und so stiften Melanie Rudolph und ihre Mitstreiter nicht nur die Gedenktafeln, sondern laden das Ehepaar Caspary aus Sao Paulo ein: Kommende Woche werden die beiden Essens Vergangenheit und Gegenwart kennenlernen.
Bildunterschrift:
 
  • Gerettet: Ella Baltz tauchte 1944 bei einer Familie in Herkenrath unter. Das Bild zeigt sie 1949 mit Sohn Alfred, vermutlich in der Gruga. FOTO: STEELER ARCHIV/LEIHGABE FAMILIE THIELE
  • Organisierten das aktuelle Stolperstein-Projekt (v.l.): Ingrid Niemann, Ludger Hülskemper-Niemann, Sabine Weiler, Melanie Rudolph, Arnd Hepprich. FOTO: JÖRG SCHIMMEL
  • Trügerisches Idyll: Paula Oppenheimer 1919 mit Grete und Walter. Ihre Kinder emigrierten 1938, sie und ihr Mann wurden von den Nazis ermordet. FOTO: FAMILIE CASPARY

WAZ, 09.04.2015 Mit anderen Augen durch das Viertel

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WAZ / Essen-West,Donnerstag, 09.04.2015

Mit anderen Augen durch das Viertel

Bürgerinitiative „Stolpersteine in Essen-Süd“ beleuchtet in einer Broschüre das Schicksal von 25 Juden aus der Von-Seeckt- und Von-Einem-Straße


Von Jennifer Schumacher

Rüttenscheid. Zwei Jahre intensiver Recherche liegen hinter der Bürgerinitiative „Stolpersteine in Essen-Süd“ (wir berichteten). „Ich gehe jetzt mit anderen Augen an den Adressen vorbei und habe das Gefühl, den Menschen, die dort gelebt haben, wirklich näher gekommen zu sein“, sagt Günter Hinken. Gemeinsam mit seinen Nachbarn Melanie Rudolph, Reinhard Völzke und Sabine Weiler hat der Historiker nun ein Heft heraus gebracht, das an die Geschichte der Juden in der Von-Einem- und Von-Seeckt-Straße erinnert.

Nach dem erfolglosen Rückbenennungsversuch in Irmgard- und Ortrudstraße im Januar 2013 sei die jetzt erschienene Broschüre nicht zuletzt ein „Befriedungsakt, um die Erinnerungskultur in den Straßen wach zu halten“, sagt Hinken. Seit zwei Wochen werden die Broschüren, die in einer Auflage von 1500 Stück gedruckt wurden, an die Anwohner verteilt. „Wir kommen über das Heft oft mit Nachbarn ins Gespräch, die sich für die Geschichte der Menschen interessieren“, freut sich Hinken.

Eine von ihnen erzählt vom Schicksal Julie Risses. Einer Hausfrau und Mutter zweier Kinder, die an der Ortrudstraße 7 ein gutbürgerliches Leben führt. Bis der Zweite Weltkrieg über sie hereinbricht. Fliegerbomben zerstören das Haus, die Familie zieht an die Levering­straße nach Stadtwald um. Im Gegensatz zur Gestapo bleibt einer Nachbarin Julie Risses bis dato durch die Ehe verschleierte jüdische Identität nicht verborgen. Sie denunziert die damals 52-Jährige. Wenige Tage vor dem Einmarsch der US-Truppen wird Julie Risse am 6. April 1945 bei einer Massen-Exekution im Dortmunder Rombergpark erschossen. „Findet das furchtbare Verbrechen der Gestapo in Hörde eigentlich keine Sühne?“, schreibt der verzweifelte Witwer Emil Risse 17 Monate später an die Oberstaatsanwaltschaft Dortmund.

Der in der Broschüre abgedruckte Brief lässt seine Leser auch 70 Jahre später ebenso hilflos wie seinen Verfasser zurück. Insgesamt 25 Schicksale aus den beiden Straßen hat die Bürgerinitiative akribisch aufgearbeitet. Sie zeigen auch, wie viele Familien zerstört wurden und wie sehr das dunkelste Kapitel deutscher Geschichte bis heute nachwirkt. Zur Verlegung der Stolpersteine am Dienstag, 28. April, wird als Ehrengast Susanne Caspary mit ihrem Mann aus Brasilien erwartet. Sie ist die Tochter Grete Oppenheimers, die mit ihren Eltern Adolf und Paula an der Ortrudstraße 36 (heute Von-Einem-Straße) lebte. Adolf und Paula Oppenheimer wurden 1942 im Vernichtungslager Chełmno in Polen ermordet. Ihrer Tochter Grete gelang 1938 die Flucht nach Sao Paulo, wo sie 2010 verstarb. Günter Hinken: „Für Susanne Caspary, die ihre Großeltern nie kennenlernte, wird das eine sehr emotionale Reise. Wir sind unendlich dankbar, dass sie eingewilligt hat.“


Verlegung der Stolpersteine, Benefizkonzert und Fachvorträge

Viele Veranstaltungen im Rahmen des Projekts

Rüttenscheid. Die 25 Stolpersteine, die an die Opfer des Nationalsozialismus’ erinnern, werden am Dienstag, 28. April, verlegt. Beginn ist um 9 Uhr vor dem Haus an der Von-Einem-Straße 36. Neben Susanne Caspary wird dazu auch der Kölner Künstler Gunter Demnig erwartet, der das Projekt Stolpersteine initiiert hat. Mittlerweile erinnert das „Schwarmdenkmal“ in 500 Städten in Deutschlands an die oft vergessenen Menschen. Am gleichen Tag sollen auch in Steele 14 Stolpersteine verlegt werden.

Ebenfalls am 28. April beginnt um 20 Uhr ein Benefizkonzert mit dem Rüttenscheider Duo Sago im Gemeindesaal der Reformationskirche an der Julienstraße 39. Dort erwarten die Besucher Chanson, Rezitation und Schauspiel. Karten kosten 29 Euro (inklusive Fingerfood) und können reserviert werden unter  8060 8801 oder im Internet auf www.sago-kultour.de. Die Erlöse fließen in das Stolperstein-Projekt, das komplett ehrenamtlich getragen wird. Auf diesem Weg sollen weitere Spenden zusammenkommen, um die Kosten in Höhe von 8000 Euro zu stemmen. Neben Privatleuten hat auch die Bezirksvertretung II das Projekt bereits unterstützt.

Außerdem ist am Samstag, 2. Mai, für 15 Uhr eine Informationsveranstaltung im Chorforum an der Fischerstraße 2-4 geplant, die sich mit dem Thema Erinnerungskultur in Essen befasst. Als Referentin wird u.a. die Berliner Historikerin Dr. Petra T. Fritsche erwartet.


„Putzpaten“ und Spender gesucht

  • Zur Pflege der 25 Stolpersteine aus Messing werden noch „Putzpaten“ gesucht. Interessenten werden gebeten, sich per E-Mail an die Bürgerinitiative wenden: stolpersteine.essen<a>gmail.comPost_icon.png
  • Außerdem kann für das Projekt über das Konto des Historischen Vereins Essen gespendet werden: Stichwort Stolpersteine Essen-Süd; BIC: SPESDE3EXXX, IBAN: DE64 3605 0105 0000 3137 00
    Bildunterschrift:
     
  • Die Postkarte zeigt die Ortrudstraße, um 1930. FOTO: IGR
  • Im Dortmunder Rombergpark erinnern Stelen an die dort ermordeten Juden, wie Julie Risse FOTO: OH

WAZ/NRZ, 23.02.2015 Engagement gegen das Vergessen

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WAZ/NRZ / Aus den Stadtteilen,Montag, 23.02.2015

Engagement gegen das Vergessen

An der Von-Seeckt-/Von-Einem Straße sollen 25 Stolpersteine an die Opfer des Nationalsozialmus erinnern. Auch Steeler Archiv arbeitet Geschichte weiter auf


Von Jennifer Schumacher

Rüttenscheid/Steele. „Ein Mensch ist erst vergessen, wenn sein Name vergessen ist“ – im Sinne dieses Talmud-Zitats sollen Ende April weitere Stolpersteine in Steele und in Rüttenscheid verlegt werden, die an die Opfer des Nationalsozialismus erinnern.

Für die 25 Stolpersteine an der Kreuzung Von-Seeckt-/Von-Einem-Straße setzt sich eine Bürgerinitiative aus Nachbarn ein, die sich im Zuge der Debatte um die Straßenumbenennung vor zwei Jahren zusammengefunden hat. „Wir haben in der historischen Auseinandersetzung mit den Straßennamen gelernt, dass Nationalsozialismus Alltag in unseren Straßen war. Mit den Stolpersteinen wollen wir an diese Zeit erinnern und die Opfer würdigen und ehren“, erklärt Reinhard Völzke von der Bürgerinitiative. Da es etwa zu dem Judenhaus, das bis zu einen Bombardement direkt an der Kreuzung Von-Seeckt-/Von-Einem-Straße stand, kaum Informationen gab, leisteten die Nachbarn umfassende Recherchearbeit. Zahlreiche Juden wurden bis zu ihrer Deportation in das Haus umgesiedelt. „Wir haben uns unter anderem Telefonbucheinträge aus den Jahren 1933 bis 1945 im Stadtarchiv angeschaut. Unterstützt wurden wir bei den Nachforschungen auch von der alten Synagoge und dem Landesarchiv in Düsseldorf, wo noch zahlreiche Gestapo-Akten einzusehen sind“, so Völzke. Der Bürgerinitiative gelang es, das Schicksal von 25 Juden aufzuarbeiten. Darunter auch das der Familie Oppenheimer. Während die Eltern von den Nationalsozialisten ermordet wurden, gelang ihrer Tochter Grete 1938 die Flucht nach Brasilien. Sie verstarb im Jahr 2011, wie mühevolle Nachforschungen ergaben, die die Bürgerinitiative nach Sao Paulo führten. Dort lebt bis heute die Tochter Grete Oppenheimers, Susanne Caspary. Sie wird mit ihrem Ehemann zur Verlegung der Stolpersteine am 28. April erwartet. „Für die Familie ist dieser Teil ihrer Geschichte unvergessen. Wir freuen uns sehr auf den Besuch“, so Völzke. Neben den Stolpersteinen möchte die Bürgerinitiative in einer Broschüre über die Juden in ihren Straßen berichten. „Sie soll an Nachbarn und vor allem an die Schulen in unserer Nachbarschaft verteilt werden“, erklärt Völzke.


„Für die Familien
ist dieser Teil ihrer
Geschichte unvergessen“
Reinhard Völzke, Mitglied
der Bürgerinitiative, die
Stolpersteine in Rüttenscheid plant

Ebenfalls am 28. April sollen auch in Steele 14 weitere Stolpersteine verlegt werden. Vor allem dank der umfassenden Aufarbeitung zum jüdischen Leben in Steele von Ingrid Niemann und Ludger Hülskemper-Niemann war dort nicht mehr eine allzu große Nachforschung notwendig.

Gleichwohl plant das Steeler Archiv aber zeitgleich mit der Verlegung im April die Veröffentlichung der dritten Auflage des Bandes „Stolpersteine in Essen-Steele“, so Arnd Hepprich vom Vorstand des Steeler Archivs: „Wir haben den Band überarbeitet und mit weiteren Abbildungen ergänzt – auch zu den neuen Stolpersteinen.“ Die sollen an mehreren Orten am Grendtor, Eickelkamp, Dreiringstraße und Alte Zeilen verlegt werden.


In Essen erinnern 250 Stolpersteine

  • In Essen wurden bereits mehr als 250 Stolpersteine verlegt – ein „Schwarmdenkmal“ des Künstlers Gunter Demnig, der damit in mittlerweile 1100 Orten in Europa an die Opfer des Nationalsozialismus erinnert.
  • Lokaler Koordinator ist Andreas Koerner vom Historischen Verein Essen. Weitere Informationen: www.stolpersteine.eu


Bürgerinitiative bittet um Spenden

Bezirksvertreter um Unterstützung gebeten. Private Sponsoren gesucht

Rüttenscheid. Während die Finanzierung für die Verlegung der Stolpersteine in Steele dank privater Spenden gesichert ist, benötigt die Bürgerinitiative „Stolpersteine in Essen-Süd“ noch Unterstützung. Darum haben die Nachbarn jetzt auch die Bezirksvertretung II gebeten. Die Stadtteilpolitiker entscheiden in ihrer Sitzung am 26. Februar über einen Zuschuss in Höhe von 1350 Euro, der in die Broschüre fließen soll, die über die einzelnen Schicksale der damaligen Bewohner informiert. Insgesamt seien für das gesamte Vorhaben inklusive der Verlegung der Stolpersteine 7500 Euro notwendig, so Reinhard Völzke. „Da wir eine rein private Initiative sind, freuen wir uns natürlich über Spenden, die unser Vorhaben sichern“, so Reinhard Völzke. Damit würde auch die Reise von Susanne Caspary und ihrem Mann unterstützt, die Essen für eine Woche besuchen wollen.


Die Spenden laufen über das Konto des Historischen Vereins Essen bei der Sparkasse Essen, Stichwort „Stolpersteine Essen-Süd“, BIC: SPESDE3EXXX; IBAN: DE64 3605 0105 0000 3137 00
Bildunterschrift:
 
  • Wollen mit Stolpersteinen den Opfern des Nationalsozialismus gedenken: Günther Hinken, Sabine Weiler, Reinhard Völzke, Melanie Rudolph (vorn), Arnd Hepprich vom Steeler Archiv und Isabel von Horn (v.l.). FOTO: STEFAN AREND
  • Grete Wallmann, geb. Oppenheimer (Mitte) mit ihren Eltern. Ihr gelang die Flucht nach Brasilien. Ihre Tochter Susanne kommt zur Verlegung der Steine. FOTO: BI

2014

WAZ/NRZ, 10.09.2014 Ausgelöscht bis auf die Unterschrift

NRZ20140910-Ausgeloescht.png

WAZ/NRZ / Essen,Mittwoch, 10.09.2014

Ausgelöscht bis auf die Unterschrift

Während der NS-Zeit wurden Homosexuelle unterdrückt und ermordet, auch in Essen. Im KZ Dachau erinnert bald eine Tafel an drei Opfer aus dem Ruhrgebiet


Von Lars-Thorben Niggehoff

Alfred Quaas war ein anerkanntes Mitglied der Gesellschaft. Er legte eine Karriere nach dem Muster „vom Tellerwäscher zum Millionär“ hin: er begann als Kellnerlehrling, wurde später Abendkellner, dann Serviermeister und schließlich 1940 Hotelgeschäftsführer des Hotels „Handelshof“ in Essen. Man kann also durchaus sagen, dass er erfolgreich war. Doch er war auch homosexuell.

Als solcher hatte er wie viele andere im „Dritten Reich“ mit den Repressionen des Nazi-Regimes zu kämpfen. Am Dienstag, 28. Oktober 1941 setzte die Essener Polizei seinem Leben in Freiheit ein Ende. Er wurde wegen seiner Homosexualität verhaftet, am 5. Dezember des gleichen Jahres kam er ins Konzentrationslager Buchenwald. Dort wurde aus Alfred Quaas „Nummer 4752“. Er wurde als Mitglied der Strafkompanie zu schwerer körperlicher Arbeit gezwungen.


„So eine Tafel er-
setzt gewissermaßen
den Grabstein“
Jürgen Wenke,
„Rosa Strippe e.V.“

Etwa ein halbes Jahr später, am 6. Juli 1942 wurde er erneut deportiert. Bereits schwer erkrankt, brachte man ihn nach Dachau. Zehn Tage später starb er dort, offiziell an „Versagen von Herz und Kreislauf“. Alfred Quaas, geboren 1889 in Böhlen, wurde nur 52 Jahre alt. Außer einer Unterschrift auf einer Geldkarte in Buchenwald blieb nichts, was an ihn erinnerte. Etwa 72 Jahre nach seinem Tod soll dies eine Gedenktafel im KZ Dachau ändern. Dahinter steht Jürgen Wenke, ehrenamtlicher Mitarbeiter des Vereins „Rosa Strippe“ aus Bochum, der sich für Homosexuelle engagiert und sich auch für das Gedenken an die Opfer der NS-Zeit einsetzt. „Ich recherchiere bereits seit 1982 zu dem Thema“, sagt Wenke. Seine Erkenntnisse haben unter anderem bereits zur Verlegung mehrerer „Stolpersteine“ im Ruhrgebiet geführt, vor dem Handelshof erinnert seit 2011 auch einer an Alfred Quaas.

Die Gedenktafel, die am 15. September in Dachau angebracht wird, erinnert neben Quaas auch an Friedrich Wilhelm Erdmann aus Witten und Alfred Kremer aus Wuppertal, zwei andere Homosexuelle, die in Dachau starben. „Wenn Ende des Jahres der Stolperstein für Erdmann gelegt wird, wird an alle drei in ihren letzten Heimatorten erinnert“, erklärt Wenke. Deswegen habe man beschlossen, dass es nun Zeit sei, auch in Dachau an das Schicksal der drei Männer zu erinnern. Tatsächlich ist die Tafel die erste im ehemaligen Konzentrationslager, die an namentlich genannte homosexuelle Opfer von Dachau erinnert. Unterstützt wird das Projekt von den Städten, in denen die drei Männer lebten. Außerdem beteiligt sich Bochums Oberbürgermeisterin Ottilie Scholz mit einer Patenschaft.

„So eine Tafel ersetzt gewissermaßen den Grabstein“, sagt Jürgen Wenke. So wird in Zukunft auch mehr von Albert Quaas geblieben sein als nur eine Unterschrift.
Bildunterschrift:
Jürgen Wenke mit der Gedenktafel, auf der an die ermordeten Homosexuellen erinnert wird   FOTO: SEBASTIAN KONOPKA

WAZ/NRZ, 18.03.2014 Vortrag erinnert an Louis Schild

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WAZ/NRZ / Essen,Dienstag, 18.03.2014

Vortrag erinnert an Louis Schild

Schwul und jüdisch - Opfer in der NS-Zeit


Vor einigen Wochen hat der Kölner Künstler Gunter Demnig nahe dem Aalto-Theater an der Ecke Steinstraße/Rellinghauser Straße im Südviertel einen Stolperstein für den Essener Bürger Louis Schild verlegt. Schild lebte in dem Vorgängerbau des Eckhauses bis 1935 und wurde dann Opfer der Verfolgung durch die Nationalsozialisten. Am Donnerstag, 20. März, 20 Uhr wird der Historiker Frank Ahland in den Räumen der Aids-Hilfe Essen, Varnhorststraße 17, an das Leben und Sterben von Louis Schild erinnern.

Als schwuler Jude war Louis Schild, geboren 1880 in Dortmund, doppelt negativ betroffen von der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft. Weil ihm keine Straftat nach den damals geltenden Unrechtsgesetzen nachzuweisen war, konnte auch kein offizielles Strafverfahren gegen ihn eingeleitet werden. Dennoch inhaftierte ihn die Gestapo am 28. August 1935 und verschleppte ihn zwei Monate später in das Konzentrationslager Esterwegen, wo er bereits am 18. November 1935 starb. Schwule Männer gehören noch heute zu den lange Jahre verschwiegenen und oftmals vergessenen Opfern des Nationalsozialismus. Die Aids-Hilfe Essen ist Pate dieses Stolpersteins.

Nach dem Vortrag ist Gelegenheit zu Fragen und Diskussion. Gäste sind herzlich willkommen.
Bildunterschrift:
Polizeifoto von Louis Schild, der kurze Zeit danach im KZ starb
Einladung

WAZ/NRZ, 24.02.2014 Sieben neue Stolpersteine

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WAZ/NRZ / Stadtteil,Montag, 24.2.2014

Sieben neue Stolpersteine

Der Kölner Künstler Gunter Demnig bringt die Messingtafeln am Freitag im Südviertel und in Altenessen an. Kurze Texte beschreiben des Leben und Schicksal der in der Nazi-Zeit ermordeten Menschen


Von Frank-Rainer Hesselmann

Altenessen/Südviertel. Der Künstler Gunter Demnig bringt bald sieben weitere Stolpersteine nach Essen. Er wird diese am nächsten Freitag, 28. Februar, an sechs Stellen – vor einem Haus zwei – im Stadtgebiet verlegen. Die Stolpersteine – quadratische Messingtafeln mit der Fläche eines Pflastersteins – erinnern an Opfer der Naziherrschaft. Demnig bettet sie stets dort in den Gehweg ein, wo diese Menschen vor ihrer Deportation, ihrer Flucht oder ihrer Ermordung gewohnt haben. 244 Stolpersteine sind seit dem Mai 2004 in Essen verlegt.


"Louis Schild war
als schwuler Jude
doppelt betroffen
von der national-
sozialistischen
Aggression",
Andreas Körner,
Historischer Verein

Gunter Demnig beginnt mit seiner Arbeit an der Ecke Stein-/ Brunnenstraße. Im Südviertel zementiert er den Stolperstein für Louis Schild. „Louis Schild war als schwuler Jude doppelt betroffen von der nationalsozialistischen Aggression“, beschreibt Andreas Koerner, im Historischen Verein Essen fleißiger Datensammler für Stolpersteine. „Weil ihm keine Straftat nachzuweisen war, konnte kein offizielles Strafverfahren gegen ihn eingeleitet werden. Er wurde von der Gestapo am 28. August 1935 inhaftiert und am 21. Oktober in das Konzentrationslager Esterwegen überführt, wo er am 18. November 1935 verstarb.“ Pate dieses Stolpersteins ist der Verein Aidshilfe-Essen.

Von dort begibt sich Gunter Demnig zur Isenbergstraße 3. Dort wohnten Magda und Max Frank. Als Juden waren beide zunehmend in Gefahr. Max Frank war 1939 nach Brüssel geflohen. 1939 war er auf dem Schiff „St. Louis“ mit ungefähr 900 anderen jüdischen Flüchtlingen. Dieses Schiff durfte mit seinen Passagieren nicht in den Hafen von Havanna einlaufen und kam nach Wochen zum Ursprungshafen Antwerpen zurück. Max Frank kam 1942 in das Sammellager Malines. Sein weiteres Schicksal ist unbekannt. Seine Ehefrau Magda, geborene Neter, war 1939 nach Holland geflohen. Von dort kam sie 1943 nach Auschwitz, wo sie am 12. Februar 1943 ermordet wurde. Diese beiden Stolpersteine werden auf Wunsch des Sohnes Helmut Frank verlegt. Er wurde am 9. März 1923 geboren und lebt im Nelly-Sachs-Altersheim in Düsseldorf.

Danach fährt Gunter Demnig nach Altenessen-Süd, um dort vier Stolpersteine zu verlegen. Für weitere Stolpersteine im Stadtteil hatte sich die Bezirksvertretung V ausgesprochen. In der Rahmstraße 141 wird ein Stolperstein für Julius Warmann verlegt. Er war am 4. Juli 1932 von Mitgliedern der SA erstochen worden. Diese Mordtat hatte die Polizei nicht untersucht, die Täter nie ermittelt. „Dieser Mord zeigt, dass in Essen schon vor der sogenannten Machtergreifung vom 30. Januar 1933 der Rechtsstaat zum Teil nicht mehr vorhanden war“, blickt Koerner zurück.

Die nächste Station ist die Vogelheimer Straße 50. Dort wohnte Peter Balnus. Als Soldat der Wehrmacht kam er 1943 wegen kritischer Äußerungen vor ein Feldgericht. Wegen „Zersetzung der Wehrkraft“ wurde er am 26. Februar 1943 zu drei Jahren Gefängnis verurteilt. Die Strafe wurde am 18. September 1943 ausgesetzt. Gleichzeitig wurde er einer Strafkompanie zugeteilt. Diese Strafkompanie bestand ausschließlich aus Soldaten, die aus ähnlichen Gründen straffällig geworden waren. Ohne Waffen wurden sie zwischen den feindlichen Linien zu Stellungsbauarbeiten eingesetzt. Peter Balnus starb dabei am 13. Februar 1945. Pate dieses Stolpersteins ist Norbert Köring aus Altenessen-Süd.

Die nächste Adresse ist der Feldmannhof 2. In diesem Haus wohnte Franz Kraus. Ihm wurde 1941 Wehrdienstsabotage vorgeworfen. Der genaue Sachverhalt lässt sich nicht mehr ermitteln. Jedenfalls wurde er in das Konzentrationslager Natzweiler eingewiesen, wo er am 12. Januar 1942 starb. Er war gerade 23 Jahre alt.

Die letzte Station für Gunter Demnig ist die Großenbruchstraße 30. Dort wohnte Hermann Hammacher. Er war Essener Chefredakteur der SPD-Zeitung „Volkswacht“ und Essener Führer des Reichsbanners – ein überparteiliches, in der Hauptsache sozialdemokratisches Bündnis zur Verteidigung der demokratischen Weimarer Republik gegen seine Feinde. Am Tag der Kommunalwahl am 12. März 1933 war er von dem NS-Regime willkürlich in ,Schutzhaft’ genommen worden.

Nach der Entlassung im Mai 1933 hielt er sich einige Zeit in Essen verborgen und floh später in die Niederlande. „Als die deutschen Truppen 1940 einmarschiert waren, setzte er seinem Leben selbst ein Ende, um nicht in die Hände der Nazis zu fallen“, ermittelte Andreas Koerner.


Auszüge aus den Texten der sieben Stolpersteine

  • Alle Stolpersteininschriften beginnen mit: Hier wohnte. An folgenden Stellen verlegt Gunter Demnig bald neue Stolpersteine.
  • Steinstraße 1: Louis Schild, Jg. 1880, verhaftet 26.8.1935, Verdacht „widernatürlicher Unzucht“, „Schutzhaft“ in Essen, tot 18.11.1935 Esterwegen
  • Isenbergstraße 3: Magda Frank geb. Neter, Jg. 1888, Flucht 1939, Holland, interniert Westerbork, deportiert 1943 Auschwitz, ermordet 12.2.1943: Max Frank, Jg. 1879, Flucht 1939 Belgien, Schicksal unbekannt
  • Vogelheimer Straße 50: Peter Balnus, Jg. 1904, verhaftet „Zersetzung der Wehrkraft“ 3.11. 1942, tot 13.2.1945
  • Großenbruchstraße 30: Hermann Hammacher, Jg. 1886, im Widerstand/ SPD, „Schutzhaft“ 1933, Gefängnis Essen, Flucht in den Tod 14.5.1940 Amsterdam
  • Feldmannhof 2: Franz Kraus, Jg. 1919, im Widerstand, verhaftet Feb.1941, tot 12.1.1942
  • Rahmstraße 141: Julius Warmann, Jg. 1913, von SA überfallen/ erstochen, tot 4.7.1932

Bei ihm laufen die Fäden zusammen

Borbecker Andreas Koerner organisiert das Verlegen der Tafeln

Andreas Koerner ist Organisator der Aktion „Stolpersteine“ in Essen. Bei ihm laufen die Fäden für die Erinnerungstafeln zusammen, die der Künstler Gunter Demnig dann in Tagesschichten an verschiedenen Stellen in die Gehwege der Stadt einbettet. Am Freitag haben beide ihren nächsten Arbeitstag.

Zuvor hat Andreas Koerner die Vorschläge ausgewertet, für welche Personen noch Stolpersteine in Essen zementiert werden sollen. „Mich sprechen Privatpersonen, Vereine oder Familienangehörige an“ erläutert Andreas Koerner. Danach beginnt er in den Archiven zu forschen, um die Daten für die Lebenswege der oft ermordeten zusammenzutragen. „Bei einigen Personen bekomme ich auch Hilfe von den Angehörigen. Bei Unbekannteren ist es oft unmöglich, die Todesdaten und Umstände herauszufinden“, fügt Koerner an.

Als Mitglied mehrerer Historischer Vereine in Essen kennt er viele Quellen. Am Ende dieses Forschens stehen der Verlegeplan und die Genehmigungen für die Stolpersteine.
Bildunterschrift:
 
  • Sieben neue Stolpersteine für NS-Opfer verlegt Gunter Demnig am nächsten Freitag an verschiedenen Stellen in der Stadt. Auf dem Uni-Campus war er auch schon aktiv
  • Magda und Max Frank wohnten einst in der Isenbergstraße 3   FOTOS: KERSTIN KONOSKA
  • Für Julius Warmann wird ein Stolperstein vor der Haus Rahmstraße 141 verlegt.
  • Andreas Körner prüft Stein und Informationen zum Wohnort   FOTO: U.V. BORN

Ältere Einträge

06.12.2011 Podiumsdiskussion: Neue Stolpersteine

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Veraltet.png Der hier genannte Termin ist veraltet!

Neue Stolpersteine
in Essen 2011 -

Einladung zu einem
Podiumsgespräch


Seit 2004 werden auch in Essen Stolpersteine verlegt. Stolpersteine sind die in den Bürgersteig eingefügten Messingtafeln, die an Opfer des Nationalsozialismus erinnern. In Essen sind bereits mehr als 200 Stolpersteine verlegt worden.

Am 5. Dezember 2011 werden 12 neue Stolpersteine von dem Künstler Gunter Demnig in Essen verlegt.

Erinnert werden soll an Marianne Ellenbogen, geborene Strauß und ihre Familie. Während ihre Familie gefangen genommen und ermordet wurde, konnte Marianne im letzten Augenblick entkommen. Sie überlebte dank der Hilfe von Freunden.

Des Weiteren werden aber auch Stolpersteine verlegt in Erinnerung an eine Frau, die wegen ihrer Geisteskrankheit ermordet wurde sowie an einen Mann, der aufgrund seiner Homosexualität ein Opfer des Nationalsozialismus wurde.

Aus Frankfurt an der Oder wird Frau Heidi Zeidler anreisen, die in Essen geboren wurde. Sie wünschte sich einen Stolperstein für ihren jüdischen Großvater und für ihre Tante.


Dienstag, 6. Dezember 2011 - 19:30

Medienforum des Bistums Essen - Zwölfling 14 -- 45127 Essen

Eintritt frei

Um Voranmeldung wird gebeten unter 0201 / 2204-274


  • Barbara Heitfeld, Referendarin an der BMV-Schule, Essen
    hat sich mit ihren Schülerinnen mit dem Schicksal der Familie Strauß beschäftigt und sich für die Verlegung von Stolpersteinen zur Einnerung an diese Familie eingesetzt.
  • Dr. Volker van der Locht, Folkwang Universität der Künste
    Essen,hat sich wissenschaftlich mit dem Schicksal der Opfer von Zwangssterilisation und Euthanasie in Essen beschäftigt.
  • Jürgen Wenke, Diplom-Psychologe, Bochum
    war einige Jahre Berater bei Rosa-Strippe e.V. und hat das Schicksal von Menschen erforscht, die wegen ihrer Homosexualität in der Zeit des Nationalsozialismus ermordet wurden.
  • Heidi Zeidler wird von Erfahrungen ihrer jüdischen Familie während der NS-Zeit berichten.


Es laden ein:

  • Medienforum des Bistums Essen
  • Historischer Verein für Stadt und Stift Essen e.V.
Einen Bericht über die Veranstaltung mit Tonaufzeichnungen der Diskussionsbeiträge finden sie auf www.linksdiagonal.de 20111206Podium.jpg
 

Marianne Ellenbogen in der Dauerausstellung

Im der Dauerausstellung im "Haus der Essener Geschichte" finden sich einige Dokumente zu Marianne Ellenbogen:

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Marianne Ellenbogen, geb. Strauss 1923 - 1996
Marianne Ellenbogen, geb. Strauß wurde als Tochter einer angesehenen jüdischen Kaufmannsfamilie in Essen geboren. Hier besuchte sie die jüdische Volksschule, anschließend die Luisenschule. Als am 31. August 1943 die Gestapo ihre Familie zur Deportation nach Theresienstadt abholte, gelang Marianne in letzter Sekunde die Flucht. Mit Hilfe des "Bundes - Gemeinschaft für sozialistisches Leben" schaffte sie es, fast zwei Jahre bis Kriegsende unentdeckt zu bleiben. Einige Zeit verbrachte sie im Blockhaus der Bundesschule. In ständiger Gefahr vor Entdeckung reiste sie dennoch, ohne Papiere, offen, mutig und selbstbewusst als Jüdin durch ganz Deutschland.

Bundmitglieder boten ihr immer wieder Unterschlupf. Um ihren Lebensunterhalt zu verdienen, tauschte sie Waren gegen Lebensmittelkarten. Sie erlebt das Kriegsende in Düsseldorf. Nach dem Krieg heiratete sie und emigrierte Ende 1946 nach Liverpool.



Bild größer...
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Essen, den 3. September 1943

Betrifft:  Flucht der Jüdin Marianne  S t r a u s s , geboren am 7. 6. 1923 in Essen, wohnhaft hier, Ladenspelderstr. 47
----------

Am 31. 8. 1943 begab ich mich mit dem Krim.-Ober-Assistenten  H a h n  in die Wohnung der Juden  S t r a u s s , um sie von der bevorstehenden Abschiebung nach Theresienstadt in Kenntnis zu setzen. Ich gab den Juden eine befristete Auflage zum Packen der mitzunehmenden Sachen. Während des Einpackens beaufsichtigte ich die Angehörige der in der 1. Etage wohnenden Familie Siegfried Israel Strauss (5 Personen), während Krim.-Ober-Assistent  H a h n  die in der 2. Etage wohnenden Angehörigen der Familie Alfred Israel Strauss (3 Personen) beaufsichtigte. Zwecks Mitnahme der Reiseverpflegung hatte ich der Jüdin Marianne Sara Strauss gestattet, die im Erdgeschoss gelegene Küche aufzusuchen. Sie hat dann in einem unbewachten Augenblick das Haus verlassen. Nach etwa 5 Minuten wurde ihr Fehlen festgestellt. Im Hausflur wurde der bereits erwähnte Abschiedsbrief vorgefunden.

(Unterschrift)
Krim.-Sekretär
(Stempel:)
Geheime Staatspolizei

Staatspolizeileitstelle Düsseldorf

Außendienststelle Essen

II B 4/4472/43.

Essen, den 3. September 1943
Urschriftlich

der Staatspolizeileitstelle Düsseldorf

in

 R a t i n g e n 

gemäß fernmündlicher Anordung vorgelegt.

Im Auftrage:
(unterschrift)

Auszug aus der Gestapo-Akte zu Marianne Strauß. Das Schreiben berichtet über die Flucht und den angeblichen Abschiedsbrief, in dem sie ihren Selbstmord ankündigt. Die Existenz des Abschiedsbriefes ist jedoch umstritten. (Landesarchiv NRW, Abteilung Rheinland)

Siehe auch das Buch von Mark Roseman: In einem unbewachten Augenblick. - Eine Frau überlebt im Untergrund, Aus dem Englischen von Astrid Becker, Aufbau Verlag, Berlin 2002, Preisträger des Geschwister-Scholl-Preises 2003


23.07.2011: Borbecker Stolpersteine

Die hier beschriebenen Borbecker Stolpersteine sind am 23. Juli 2011 im Rahmen des "Saubermach"-Spaziergangs besucht worden.


 
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47 Stolpersteine


In der Form von 10 x 10cm großen Messingplatten sind in den Jahren 2005 und 2006 in Bürgersteige von Borbeck verlegt worden.
Sie sind beschriftet mit "hier wohnte" und dem Namen des Mitbürgers, der hier lebte und in der nationalsozialistischen Zeit umgebracht wurde.
Die Gedenktafeln sollen daran erinnern, was in unserer unmittelbaren Nachbarschaft passierte.
Idee und Ausführung sind vom Kölner Künstler Gunter Demnig.
Gestiftet wurden sie von Essener Bürgern.

Kultur-Historischer Verein Borbeck e.V.


Marktstr. 10

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Adolf Loewenstein
    Geb. 6.1.1869, am 22.4.1942 nach Izbica. (Jude)

Adolf Loewenstein war ein Neffe von Jacob Loewenstein. Sein Vater Philipp hatte in der Altenessener Straße ein Geschäft. Adolf besaß in der Marktstraße 10 ein Herrenkonfektionsgeschäft. Er wohnte mit seiner Familie in der Rechtstraße 19. Im Anschluss an die Pogromnacht vom 9. auf den 10. November 1938 wurde Adolf Loewenstein ins KZ Dachau verschleppt und kam erst im Januar 1939 wieder frei.
(Ernst Schmidt: Die Loewensteins aus der Rechtstraße, in: Borbecker Nachrichten vom 16. August 1990.)

Der Stein wurde am 15.11.2005 verlegt. (Pate: Mitarbeiter der Sutter-Gruppe.)

Johanna Loewenstein, geb. Hohenstein
    Geb. 25.5.1891, am 22.4.1942 nach Izbica. (Jude)

Weitere Informationen siehe Adolf Loewenstein

Der Stein wurde am 15.11.2005 verlegt. (Pate: Mitarbeiter der Sutter-Gruppe.)

Martin Loewenstein
    Geb. 6.12.1929, am 22.4.1942 nach Izbica. (Jude)

Weitere Informationen siehe Adolf Loewenstein

Der Stein wurde am 15.11.2005 verlegt. (Pate: Mitarbeiter der Sutter-Gruppe.)


Wüstenhöferstraße 221

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Arthur Salzmann
    Geb. 14.3.1880, am 27.10.1941 nach Lodz. (Jude)

Die Salzmanns wohnten seit 1910 in Borbeck. Arthur Salzmann leitete dort die Möbelabteilung im Geschäft der Geschwister Loewenstein und gründete, als die Loewensteins die Möbelabteilung aufgaben, ein eigenes Möbelgeschäft in der Gerichtsstraße 42 (heute: Beerdigungsinstitut Voss). Die Kinder Werner, Ursel und Ruth wurden in Borbeck geboren und gingen hier zur Schule. Im Februar 1938 war sein Geschäft "arisiert" worden. Nach der Pogromnacht wurde Arthur Salzmann am 10. November 1938 verhaftet und am 23. November wieder entlassen. Am 3. Januar 1941 zog er zur Hammacherstraße 4 in der Stadtmitte. Von hier aus wurde er am 27. Oktober 1941 nach Lodz in den Tod verschleppt.
(Ernst Schmidt: Lichter in der Finsternis 2, S. 244-267: "Verfolgt, vertrieben, vernichtet. Das Schicksal der jüdischen Familie Salz-mann." und "Aus dem Leben jüdischer Familien in Borbeck" in: Borbecker Nachrichten vom 10. Juni 1988)

Der Stein wurde am 24.1.2006 verlegt. (Pate: Industriegewerkschaft Metall Essen.)


Marktstr. 15

(früher: Borbecker Str. 140)

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Hugo Hirsch
    Geb. 7.6.1867, am 22.4.1942 nach Izbica. (Jude)

Hugo und Jenny Hirsch besaßen in der Marktstraße 15 ein Damenmodegeschäft. 1939 mussten sie in ein sogenanntes "Judenhaus" in der Richard-Wagner-Straße 62 umziehen, wo viele ausgeraubte Juden vorübergehend zusammen lebten. Am 22. April 1942 wurden sie nach Izbica, einem Zwangslager im Osten Polens, deportiert und sind dort umgekommen.
(Hermann Schröter: Geschichte und Schicksal der Essener Juden, S. 387 und 584.)

Der Stein wurde am 24.1.2006 verlegt. (Pate: Mitarbeiter der Sutter-Gruppe.)

Jenny Hirsch, geb. Frank
    Geb. 7.12.1885, am 22.4.1942 nach Izbica. (Jude)

weitere Informationen: siehe Hugo Hirsch

Der Stein wurde am 24.1.2006 verlegt. (Pate: Mitarbeiter der Sutter-Gruppe.)


Borbecker Platz 5

(früher: Borbecker Str. 136)

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Elli Loewenstein, geb. Herzstein
    Geb. 6.9.1888, am 10.11.1941 nach Minsk.

Elli Loewenstein war die Frau von Max Loewenstein und die Schwiegertochter von Jacob Loewenstein, der mit seiner Schwester Sophie seit 1885 das Geschäft Gebr.Loewenstein in Borbeck-Mitte besaß.
(Ernst Schmidt: Lichter in der Finsternis 1, S. 194-213: "Gertrud und Edith Loewenstein. Das Schicksal einer jüdischen Familie und der Widerstand ihrer Töchter.")

Der Stein wurde am 15.11.2005 verlegt.


Weidkamp 9

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Johanna Berghausen
    Geb. 27.3.1869, am 29.4.1942 nach Holbecks Hof, am 21. 7. nach Theresienstadt, 12.3.1943 + (Jude)

Johanna Berghausen besaß in dem Haus Weidkamp 9 eine Pension und einen Mittagstisch. Ihre Schwester Ida hatte das bekannte Borbecker Fotoatelier.

Der Stein wurde am 24.1.2006 verlegt. (Pate: Kiberli Lewis, Mitarbeiterin der Sutter-Gruppe.)

Ernst Löwenberg
    Geb. 13.1.1878, am 27.10.1941 nach Lodz. (Jude)

Ernst Löwenberg kam 1903 als Handlungsgehilfe (Kommis) nach Borbeck zur Firma Gebrüder Loewenstein. Er wohnte lange im Haus Dionysiuskirchplatz 9, im Haus der Loewensteins. Er leitete die Buchhaltung.

Der Stein wurde am 24.1.2006 verlegt. (Pate: Kiberli Lewis, Mitarbeiterin der Sutter-Gruppe.)


Weidkamp 8

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Franz Schieren
    Geb. 24.1.1911, ab 12.1.1939 nach Belgien, von dort deportiert. (Jude)

Franz Schieren besuchte von 1920 bis 1929 das Gymnasium Borbeck. "Nach der Pogromnacht vom 9. bis zum 10. November 1938 hat man den Vater bis zum 19. November 1938 inhaftiert. Franz Schieren emigrierte am 12. Januar 1938 nach Antwerpen. Hier war er Studienrat und als Sprachlehrer tätig. Offenbar ist er nach dem deutschen Überfall auf Belgien von hier aus in den Tod deportiert worden, denn in einer Liste der ermordeten Essener Juden steht auch sein Name."
(Ernst Schmidt: Es läuft da eine gewisse Aktion. Die jüdischen Schüler, in: Klaus Lindemann: "Dies Haus, ein Denkmal wahrer Bürgertugend." Das Gymnasium seit der Kaiserzeit, S. 310-330.)

Der Stein wurde am 24.1.2006 verlegt.

Helene Schieren geb. Kaufmann
    Geb. 18.9.1872, am 28.4. zum Holbecks Hof, am 21.7.1942 nach Theresienstadt. (Jude)

1900 gründeten zwei Brüder Kaufmann aus Hüls bei Krefeld an der Ecke Hülsmannstraße / Dionysiuskirchplatz das Modegeschäft "Gebrüder Kaufmann". Später wurde es von der Schwester Helene und ihrem Mann Lazarus Schieren weiterbetrieben. 1930 machte es Konkurs. Später wurde ein neues Geschäft in der Borbecker Straße 159 eröffnet.

Der Stein wurde am 24.1.2006 verlegt. (Pate: Bastelkreis der Matthäuskirche in Borbeck.)

Lazarus Schieren
    Geb. 12.8.1875, am 28.4.1942 zum Holbecks Hof, am 21.7.1942 nach Theresienstadt. (Jude)

weitere Informationen: siehe Helene Schieren

Der Stein wurde am 24.1.2006 verlegt.


Marktstr. 26

(früher: Borbecker Str. 135)

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Berta Stern
    Geb. 18.10.1867, am 21.7.1942 nach Theresienstadt, + 6.1.1943. (Jude)

Gegenüber dem alten Borbecker Marktplatz hatten Benedikt Stern und seine Frau Berta ein Textilgeschäft. Sie hatten zusammen einen Sohn Richard, der von 1910 bis 1918 das Gymnasium Borbeck besuchte. 1939 konnte Richard Stern mit seiner Frau Liselotte nach England emigrieren. Im November 1938 wurde auch Berta Sterns Geschäft von SS-Männern zertrümmert. Eine Borbeckerin, die ihr den Haushalt führte, erinnerte sich:
"Die alte Frau Stern lebte noch kurze Zeit in ihrer Wohnung. Das Geschäft musste sie aufgeben und das Haus ging in den Besitz von Zigarren- Reuter über. Sie selbst wurde später gezwungen, in das ‚Judenhaus′ Hindenburgstraße 22 zu ziehen. Dort habe ich sie einmal besucht und brachte der guten Frau etwas zu essen. Auf engstem Raum lebten hier viele Menschen. Bald darauf hat man sie mit anderen in den Tod geschickt."
(Ernst Schmidt: ‚Reichskristallnacht′ 1938 in Borbeck. "Mädchen mach dich auf alles gefasst. Bei Stern sieht es furchtbar aus..." in: Borbecker Nachrichten vom 4. November 1983)

Der Stein wurde am 24.1.2006 verlegt. (Pate: Presbyterium der evangelischen Kirchengemeinde Borbeck-Vogelheim.)


Rechtstr. 8

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Ludwig Gutzmann
    Geb. 12.1.1902, am 15.1.1935 im KZ Sachsenhausen umgebracht. (KPD)

Ludwig Gutzmann war als Mitglied der KPD auch nach dem Verbot der Partei im Jahre 1933 aktiv. Er wurde deshalb wegen "Vorbereitung zum Hochverrat" zu sieben Jahren Zuchthaus verurteilt. Als er 1941 entlassen werden sollte, ordnete der Chef der Gestapo Reinhard Heydrich die Überführung ins KZ Sachsenhausen an. Er hinterließ eine Frau mit drei Kindern.
(Ernst Schmidt: "Menschen, die man nicht vergessen darf", in: Borbecker Nachrichten vom 30. Juli 1998)

Der Stein wurde am 24.1.2006 verlegt.


Otto-Brenner-Str. 47

(früher: Prinzenstr. 7)

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Ida Lazarus, geb. Berghausen
    Geb. 28.10.1872, am 28.4.1942 nach Holbecks Hof, am 21.7.1942 nach Theresienstadt. (Jude)

Ida Lazarus geborene Berghausen besaß in dem Haus Borbecker Straße 136 (heute Borbecker Platz 5) ein Fotoatelier. Viele Borbecker Familien ließen sich bei Berghausen fotografieren. Ihr folgte als arischer Fotograf L. Menke

Der Stein wurde am 13.4.2006 verlegt. (Pate: Mitarbeiter der Sutter-Gruppe.)

Gustav Lazarus
    Geb. 18.4.1869, am 22. 4.1942 nach Holbecks Hof, am 21.7.1942 nach Theresienstadt. (Jude)

weitere Informationen: siehe Ida Lazarus

Der Stein wurde am 13.4.2006 verlegt. (Pate: Mitarbeiter der Sutter-Gruppe.)


Marktstraße 56

(früher: Borbecker Str. 111)

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Clementine Grünebaum, geb. Plaut
    Geb. 13.12.1871, am 27.4.1942 nach Holbecks Hof, am 21. 7. 1942 nach Theresienstadt. (Jude)

Über Clementine Grünebaum, geborene Plaut, ist nichts Näheres bekannt.

Der Stein wurde am 24.1.2006 verlegt. (Pate: Frau Jeusfeld, Mitarbeiterin der Sutter-Gruppe.)

Adele Seelmann
    Geb. 1.2.1879, am 22.4.1942 nach Izbica. (Jude)

Adele Seelmann war eine Tochter von Albert Seelmann, der schon 1868 als Metzger und später auch als Wirt in Borbeck lebte. Ihr Bruder Benedikt hatte in Dellwig eine Metzgerei eröffnet. Sie führte die Gastwirtschaft ihres Vaters weiter. Heute ist dort die Gastwirtschaft Rolef gegenüber der Post.

Der Stein wurde am 24.1.2006 verlegt.


Schmale Straße

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Wilhelm Wienert
    Geb. 26.6.1888, + 14.9.1945 an Haftfolgen. (Volksopposition)

Wilhelm Wienert war ein Borbecker Heilpraktiker, den seine kritischen Bemerkungen zur nationalsozialistischen Politik wiederholt ins Gefängnis brachten.

Der Stein wurde am 24.1.2006 verlegt.


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